Storch

Störche

    Bei allen heißt er nur der "lange Müller". Im Gegensatz zu Müller Zwo oder dem "kleinen Müller", der aber weitab und fern die Junioren trainiert und betreut. Für uns Jungs ist der "Lange" natürlich ein Riese, mit seinen paar Zentimetern über zwo Meter Körperlänge. Schlaksig ist er nicht unbedingt. Eher wirkt er breit, besonders in der Hüfte und als ob an er einen ziemlich schweren Knochenbau herum zu schleppen hat.
    Tagsüber begegnen wir ihm manchmal in der Uhlandstraße, wo er die Post austrägt, schweren Gangs natürlich und mit krummen Rücken, den Kopf immer in Richtung seiner Umhängetasche gebeugt.
    Der Chef der Fußballabteilung heißt Östreich, um die Fünfzig, einen grauweißen Haarkranz um das sonst glänzende, nackte Haupt, aber der wahre Boss ist Grobe, Harald, den übrigens keiner Harry nennt. Das ziemt sich nicht, keiner kann sich irgendwelche Vertraulichkeiten mit ihm, zu ihm vorstellen. Nicht besonders groß, aber immer tiptop gekleidet, meist im Anzug, mit Hemd und allerdings zu dünner Krawatte, leichtfüßig in sportlichen Lederschuhen und der Scheitel immer akkurat links mit dem Lineal gezogen. Spielereien mit seinem Nachnamen haben sich selbstverständlich verboten, obwohl sie im Bereich des Möglichen liegen für die, die ihn besser kennen.
    Die Seele, der Engel, Beichtvater und Mädchen für alles in einem ist der alte Engler, der immer der alte Engler bleibt. Als ich ihm dreißig Jahre nach seiner aktiven Zeit begegne, scheint er kaum gealtert und als er mir das erste Mal gegenüber steht, scheint der alte Engler schon Rentner gewesen zu sein.
    Ohne ihn geht nichts, aber auch gar nichts. Er verfügt über das, was der Fußball braucht: die Schlüssel zu den Kabinen, zu den Bällen natürlich, das Fahrgeld für die Schiedsrichter und ein paar Ersatzpfeifen, wenn die Pfeifen mal die ihren vergessen haben.
    Wer neu ist im Verein, bei den "Störchen", bekommt von ihm das Jersey ausgehändigt, schwarz und, weil gebraucht, meist etwas ausgeleiert und grau gewaschen, mit dem Emblem auf der linken Brustseite, da, wo das Herz ist, weißem Kragen und einem Brustausschnitt, der mit einem weißen Schnürsenkel verschlossen wird.
    Und zuletzt war da noch Szelag, der der einzige Prolet im Verein zu sein scheint und wohl auch nur drin ist, weil sein Sohn Uwe dort spielt. Dieser Logik folgend betreut Szelag auch immer die Mannschaften, in denen Uwe spielt. Und immer spielt, d.h. jedes Mal.

    Außer dem Jersey gibt’s von den "Störchen" nix. Das andere muss selbst angeschafft werden und das ist nicht so einfach, weil teuer: weiße Hosen, rote Stutzen, Schienbeinschoner und natürlich – die Töppen. Unter Adidas geht nichts, gibt’s eigentlich auch nicht. Es soll welche geben, die mit "Puma" spielen, aber ich habe nie einen getroffen, jedenfalls nicht persönlich gekannt.
    Die drei weißen Streifen auf dem schwarzen Schuh, die sich von der Senkelleiste schräg zur Sohle ziehen, haben ein Monopol und sind deshalb eine Überwindung – für die Eltern, besonders für die Mutter, die mit dem Gekicke so gar nichts am Hut hat und sich nun verpflichtet sieht, das Geld aus ihrem kärglichen Haushaltsetat zusammen zu kratzen, damit der Wille des Vaters geschieht.
    Und ich? Was will ich beim Fußball, was will denn ich? Bin ich gefragt worden, habe ich dem Vater ein Zeichen gegeben, ich will demnächst mit 21 anderen Halbwüchsigen einem Lederball nachrennen – so fast ohne Vorbildung, Neigung und Talent? Hat der Vater mir erzählt, wie er selbst in jüngeren Jahren das Gleiche getan hat, freiwillig? Oder auf Geheiß des Über-Opas Max, Spaß daran fand und schließlich erfolgreich war? Wie in der Schule, von der er das immer behauptet, wenn schon mal die Sprache darauf kommt?
    Klaus Schoppe war nie Fußballer. Vermutlich interessiert es ihn auch nur deshalb, weil er da, wo er seine Biere und Schnäpse bekommt, mitreden will, wenn die Saufkumpanen über Fußball streiten, sich erregen, schließlich ereifern und manchmal so streiten, dass einer den anderen tagelang nicht mehr ansieht, nicht "mal mit’m Arsch", wie berichtet wird.
    Und da darf, beiläufig, nicht der Kopf geschüttelt werden, wenn die Frage aufkommt: "Und deiner? Der ist doch jetzt in dem Alter, oder? Bei welchem Verein issen der?"
    Etwa: "Ach der? Der interessiert sich nur für Alaska."
Oder schlimmer: "Ich hab‘ schon Mühe, ihn vom Strickliesl weg zu bekommen."

    Also macht Vater Schoppe seinem Sohn den Mund wässrig, etwas mit seinen dünnen Beinchen anzufangen, gegen einen Ball zu treten. Nicht nur neue Freunde sollen da locken, sondern auch mal ein Wiener Schnitzel, sonntags oder samstags nach dem Spiel, mit "grüner" Limonade natürlich.
    Da bin ich bestechlich und der Vater zufrieden, darin wir uns einig, schon in der alten Heimat: im Restaurant "Zur Sonne" sitzen oder im Lokal oben auf dem Gipfel des Pöhlbergs, das sehr viel größer ist und etwas von Massenabfertigung hat, aber "was für ein Blick" runter ins Tal, auf die Stadt am Fuße und mit der Kellnerin, die immer ihre Daumen in die Soße stecken hat, auf den Tellern, die sie heran schleppt, und dann, wenn sie sich unbeobachtet glaubt, schnell die Soße von den Daumen ablutscht. Der Vater kann guten Gewissens seine Biere und Schnäpse ordern und für Peter gibt’s nicht Größeres als Schnitzel und "grüne" Limonade satt.

    Eigentlich aber will ich gar nicht zu anderen Jungs, die ich nicht kenne. Das heißt immer Gefahr und zumal in einer Stadt, die mir noch immer fremd ist. Ich habe doch die Kumpels aus meiner Clique und – die Holsteinische ist wie Annaberg: überschaubar. Im Volkspark und auf dem Ruinengrundstück habe ich zwar mit ein paar Nachbarskindern schon mal gegen Bälle getreten, aber die sind meist kleiner und leichter, aus Gummi oder Plastik; das Tor ist oft eine Parkbank, unter deren Sitzfläche zu treffen ist, wenn nicht das Bein oder der Fuß eines Gegenspielers dazwischen gerät. Und auch in der Clique gelte ich nicht gerade als Ballkünstler, schon gar nicht mit Rolfs richtigem Lederball.
    Die Jungs, mit denen ich nun eine Mannschaft komplettieren soll, sind nicht mal aus meinem Kiez, wie beim Wilmersdorfer SC, dessen Teams auf zwei Plätzen im Volkspark herum tollen, sondern sie spielen bei den "Störchen" eben, oben am Stadtbad, nahe der Gasanstalt, aber diese Gegend ist trotzdem etwas vornehmer. Da wohnen Jungs, deren Väter fahren Autos und reden sich oft mit "Sie" an. Eigentlich etwas, was die Mutter interessieren, wenn schon nicht begeistern sollte.

    Aber nun steht sie mit mir in diesem kleinen Laden herum, in dem es – für mich zumindest – aufregend riecht und soll mit einem älteren Ehepaar über Dinge reden, die sie vermutlich nie vorher gehört hat: Töppen eben oder Stutzen, Schienbeinschoner.
    Ihr Versuch, den Sohn vom Klavierspiel zu überzeugen, hat nichts gefruchtet. Da hätte sie ihm, wenn überhaupt, danach höchstens mal die Hände abzuwaschen und das kann er selbst. Aber "der Mann" will eben, dass der Junge sich nicht nur am Wochenende, sondern auch noch ein paar mal in der Woche zum Training im Dreck herum schmeißt, auch noch mit ausgerechnet weißen Turnhosen und roten Strümpfen, denen der Fuß fehlt und die nur mit einem Band, wie bei Skihosen, im Schuh gehalten werden. Und sie hat dann die Wäsche, ohne Waschmaschine natürlich, mit einem Riesentopf auf dem kleinen Gasherd in der Küche und dem metallenen, halbrunden Waschbecken.
    "Bolle Mehlitz" heißt der Laden und sein Besitzer heißt Herr Mehlitz, aber sein Vorname ist gar nicht Bolle; es ist sein Spitzname, sein Sportlername, der, mit dem er Berühmtheit erlangt haben soll bei den "Störchen", als die in ihren legendären Epochen sogar um deutsche Meisterschaften mitspielten, so geht die Legende.
Die aber falsch war. Bolle mag alles mögliche gewesen sein, Fußballer war er jedenfalls nie. Es ist die Rede davon, er sei ein ganz passabler Hockeyspieler gewesen. Das kratzt mich aber nicht sonderlich.
    Ob es so abgesprochen ist oder nicht, dass angehende Fußballer, die mit ihren Müttern kommen, von Frau Bolle bedient werden und bei Vätern die Legende selbst sich der Kundschaft annimmt, ist nicht überliefert. Obwohl es bei seiner Mutter keinerlei Rolle spielt, weil sie gar keine weißen Turnhosen will, versucht die Bolle ihr die etwas teureren anzudienen, die eben leichter zu waschen und schon vom Material her nicht so schmutzanfällig sind wie die billigeren. Es gibt sowieso nur die zwei Sorten, bei den Stutzen gibt’s nicht mal zwei. Da entscheidet nur die Größe.
    Ich selbst, mir meiner Eitelkeit noch gar nicht bewusst, bevorzugt die billigeren Hosen, weil ich deren Stoff lieber mag. Die anderen sind so glatt, so seidig, das kann ich überhaupt nicht ab an meinen Händen. Nur eben eng müssen sie sein, warum auch immer, aber genau das kommt der Mutter überhaupt nicht in den Sinn.
    Ihr steht eine, für ihre Verhältnisse immense Geldausgabe bevor und für diesen Akt, der ihr sowieso völlig idiotisch erscheint, droht ja Wiederholung, weil der Junge wächst, oft "über Nacht", das man "gar nicht so schnell hinsehen kann". Es gebietet schon deshalb die Vernunft, alles gleich ein paar Nummern größer anzuschaffen, da hat der Junge länger was davon, egal, wie er damit aussieht. Irgendwann werden die Hosen dann schon so eng, wie er, schon den Tränen nahe, es jetzt schon will.
    Weiße Turnhosen. Der hatte doch schon welche, für den Turnunterricht in der Schule, der zudem meist in der Halle stattfand und die waren sinnvoller Weise schwarz.

    Bolle selbst kann, lauernd hinter seinem Verkaufstresen stehend, nicht mehr mit ansehen, wie der Junge mit dem Wasser kämpf. Außerdem geht’s langsam auf den Haupteinkauf zu, die Töppen, wo er sich spätestens immer einzuschalten hat. Davon verstehen Frauen nun wirklich nichts, nicht mal seine eigene. Also erfindet er Verletzungsgefahren beim Sport, die von zu langen und zu weiten Hosen drohen, solchen also, wie sie Jahrzehnte später Standard werden.
    Und er kann auf sein Lieblingsthema kommen: dass nämlich für alles Ersatz da zu sein hat, wenn die Wäsche gerade mal im Bottich getränkt oder nicht rechtzeitig zum wichtigen Spiel trocken wird.
    Die Mutter will es nicht fassen. Was sie nicht will, soll sie nun sogar doppelt wollen? Aber mir kommt, wie schon so oft, ihr Klasseninstinkt zu Hilfe. Auch wenn das Geld hinten und vorn nicht reicht, zugeben kann und will, ja, darf die Mutter nicht, dass ihr Sprössling nicht bekommen soll, was standesgemäß zu sein scheint, ob es ihr nun verständlich ist oder nicht.
    Als nun Stutzen und Hosen doppelt vereinbart sind, fürchte ich mich vor den Töppen. Es gab eigentlich nur ein Angebot, Adidas eben und für die Jungen eben "Uwe". In mir keimt später der Verdacht, da habe der olle Szelag wohl seine Finger im Spiel gehabt.

    Als meine Mutter den Preis für die Töppen hört, fällt ihr die Kinnlade runter. "So viel für ein Paar Kinderschuhe. Dafür krieg’ ich ja bei Tack zwei oder sogar drei Paare!"
    "Aber eben keine Fußballschuhe", wirft Frau Bolle ein.
    "Wozu braucht man denn dazu extra Schuhe?! Zum Sport reichen doch wohl einfache Turnschuhe. Und dann diese Dinger an den Sohlen. Damit kann doch keiner richtig laufen. Soll sich mein Kind die Beine brechen?!"
    "Diese ‚Dinger’ an den Sohlen nennt man Stollen und sollen eben gerade verhindern, dass der Sohnemann sich die Beine bricht."
    Er ist nun in seinem Element und hält meiner Mutter einen langen Vortrag über das Besondere der Töppen. Von Antrittsfestigkeit ist die Rede, deshalb hätten Sprinter eben auch Spikes unter ihren Schuhen, von den immens vielen Bewegungsvarianten, denen ein Spieler beim Fußball ausgesetzt ist und die er nur mit einem Schuhwerk unbeschadet bestehen kann, wenn er über genügend Standfestigkeit verfügt. Und nicht zuletzt der Zehenschutz, er hält meiner Mutter die verstärkte, harte Spitze des Schuhs hin, verlange ein besonders Schuhwerk. Damit könne ihr Sohn sogar gegen Beton treten, ohne sich ernsthaft zu verletzten.
    "Mein Sohn soll überhaupt nicht gegen Beton treten", erwidert trotzig meine Mutter. "Er soll gegen gar nichts treten", und sie schluchzt fast, "er soll lieber Klavierspielen lernen."

    Damit hat Bolle nun nicht gerechnet. Er mag in seinem Leben gegen die härtesten Gegner angetreten sein, aber gegen ein Klavier ging es nie. Schließlich findet er, wie er meint, das richtige Gegenargument: "Das kann doch Ihr Sohn sicherlich auch mit Fußballschuhen."
    Als sie schließlich auch dem Kauf der Töppen zustimmt, denken die beiden Bolles, diese Kundin wären sie nun gleich los, aber wenn meine Mutter eine Vorstellung von etwas hat, dann hat sie sie.
    "Das Hemd!", sagt sie.
    "Sie meinen das Jersey?", fragt Frau Bolle.
    "Das stellt doch der Verein!"
    "Das ist es eben", poltert meine Mutter los.
    "Das müssten Sie mal sehen. Schlapprig, flatterig, das Schwarz zum Grau gewaschen und zwar zu einem glänzenden. Vom Bügeln, nehme ich an. Damit zeigt sich mein Sohn nicht in der Öffentlichkeit! Ich will ein neues Hemd, ach was, zwei, falls eins ‚mal im Bottich getränkt’ wird."

    Ich bin froh, als wir endlich aus dem Laden raus sind. So was von peinlich, das werde ich meinem Vater nie verzeihen, dass er mich mit dieser Frau zu diesem Kauf schickte.
Auf dem Heimweg will sie sich gar nicht mehr beruhigen.
    "Keine Ahnung, aber sich aufspielen wie Bolle. Wer ist denn aus der Modebranche, die oder ich?!"
    Na ja. Modebranche. Außerdem soll ich mit den Klamotten ja Fußball spielen und nicht über ’nen Laufsteg wandeln.
    "Aber denen hab’ ich’s gezeigt. So schnell werden die mich nicht vergessen!"
    Das werden sie nicht. Als ich knapp vier Jahre später allein zu Bolles komme, um mir meine Töppen das erste Mal allein zu kaufen, fragt Bolle Mehlitz mich, woher er mich bloß kenne.


© by Gerd Hunger

Zurück zur Startseite