Kruse

Frohe Weihnachten, Kruse, alter Sack!

    Es waren nur noch wenige Tage bis zu diesem seltsamen Fest, vor dem Kruse so viel Angst hatte und auf das er doch hinfieberte wie auf kaum etwas anderes, was ihm in seinem Leben als Ziel noch erstrebenswert schien. Er drückte seine Zigarette aus, die er, wie fast immer, so bis an den Rand des Filters herunter geraucht hatte, dass die letzte Glut ihm die Fingerkuppe zu verbrennen drohte. Der Zeigefinger seiner linken Hand war schon nicht mehr gelb, sondern einschließlich des Fingernagels von einem so tiefen Braun, als hätte er sich einen Streifen Hansaplast darum gewickelt.
    Es war kurz nach Fünf am frühen Morgen, Kruse dachte an dieses bevorstehende Fest und musste plötzlich lachen. Gar nicht so bitter, wie sich sein Lachen in der letzten Zeit anfühlte, sondern leicht und beiläufig, mit einem nicht artikulierten "Aha" im Kehlkopf. Ihm fiel die Geschichte eines alten bayrischen Bauern ein, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und seinen Ruhestand von denen gewährt bekam, die seinen Hof übernommen hatten: Sohn und Schwiegertochter. Er schwieg seitdem, nicht bösartig oder verbittert, sondern weil es für ihn nichts mehr zu sagen gab. Das wenige Notwendige ließ sich auch wortlos mitteilen und so saß er meistens winters auf der Ofenbank und sommers auf einem alten Korbstuhl vor dem Küchenfenster, hinter dem seine Schwiegertochter im Haus herum hantierte. Und eines Tages befiel ihn plötzlich ein Lachanfall, nicht sehr heftig und nicht sehr laut, aber für ihn selbst so überraschend, dass er sehr schwer ins Atmen geriet. Die Schwiegertochter wollte gerade ans Fenster eilen, um nachzusehen, was sei, als sie ihn leise, aber vernehmlich zu sich selbst sagen hörte: "Lachen müsst‘ ich, wenn ich mein Leben lang den falschen Glauben gehabt hätt‘."

    Kruse geriet, auch wenn es in seinem beobachtbaren Tagesablauf überhaupt nicht zu bemerken war, in hektische Vorbereitungen auf das Fest. Fiebrig, aber eben nebenbei, überprüfte er die wenigen Gewürze in seiner Küche, die er brauchen würde. Natürlich waren alle noch da; schließlich brauchte er sie das ganze Jahr über nicht oder sollte man besser sagen, er benutzte sie außer bei diesem Fest nie. Es hatte etwas Panisches, wenn er sich bei dem Gedanken ertappte, auch nur eines könnte fehlen oder nicht in der hinreichenden Menge vorhanden sein. Piment, z.B., oder Nelken.
    Ihn packte auch das Spiel auf seinem Balkon, dass er jedes Jahr vor dem Fest jeden Tag mehrmals beim Lüften kurz spielte. Er bildete sich ein, von diesem Platz aus einen Stand mit Weihnachtsbäumen einsehen zu können und seine Familie, sie bestand in seiner Einbildung aus Frau, Tochter und Sohn, suchte nach dem Baum für das bevorstehende Fest. Damit er an der Auswahl beteiligt sein konnte, nein, natürlich die letzte Entscheidung zu treffen hätte, hatte er sich auf dem Balkon mit seinem alten Fernglas postiert und bewegte seine Familie mit herrischen Handbewegungen, die "Vielleicht", "Nein!", "Nein, auf keinen Fall!!!": heißen konnten.
    Seine Frau hielt Baum nach Baum, die sie für geeignet hielt, in die Höhe und es würde eine Weile dauern, bis er ihre Wahl billigte.
    Er hatte nie darüber nachgedacht, was ihm an diesem Spiel gefiel, ja nahezu sexuell erregte. Er traf die Entscheidung, aber niemand würde ihm nachsagen können, er sei abgestiegen in die Niederungen derer, die sich von den banalen und albernen Festvorbereitungen einfangen ließen und fast noch mehr befriedigte es ihn, dass er nicht verantwortlich gemacht werden konnte, wenn der gewählte Baum nicht den Vorstellungen seiner Familie oder von ihm entsprach; schließlich war er beim Kauf nicht wirklich dabei gewesen, hatte ihn per Tausch Geld gegen Ware nicht wirklich besiegelt.

    Aber Kruse wusste alles, was man wissen musste. Es gab Nordmanntannen, pyramidenförmig, grün, glänzende Nadeln, die nicht stechen und erst Ende Januar nadeln oder Nobilistannen, auch grün, mit silbrigen oder stahlblauen, weichen Nadeln, die nach etwa vier Wochen abfallen; schließlich einfache Fichten mit hellgrünen, dünnen Zweigen, ca. zwei cm langen Nadeln in Vierkantform, die schon nach zwei bis drei Wochen nadeln, dafür aber die billigsten waren.
    Schon beim Kauf musste man darauf achten, daß die Schnittfläche frisch ist. Der Baum sollte dichte Nadeln und einen kräftigen Stamm haben und die Nadeln dürfen beim Anfassen nicht abfallen.
    Der Baum sollte bis zum Weihnachtstag an einen kühlen Platz, am besten ins Freie gestellt werden, direkte Sonneneinstrahlung sollte man aber vermeiden! Unten würde Kruse etwa zwei Zentimeter abschneiden und den Baum, wenn er denn einen hätte oder haben wollte, in einen Eimer mit Wasser geben. Ein Schuß Glyzerin würde verhindern, dass das Wasser gefriert. Über die Schnittstelle nähme der Baum bis zu fünf Liter Flüssigkeit auf und bliebe so länger frisch.
    Das Netz würde Kruse erst nach dem Aufstellen im Christbaumständer entfernen – und zwar immer von unten nach oben. So geht der Transport leichter und es brechen keine Äste ab. Die Größe und Standfläche des Baumständers würde Kruse selbstverständlich auf den Baum abstimmen, hatte er mal in einer Gebrauchsanweisung bzw. auf einem Karton gelesen.
    Den Baum dann natürlich nicht direkt an die Heizung oder einen Ofen stellen, feucht halten, wofür wieder Baumständer bestens geeignet sind, die mit Wasser gefüllt werden können - und ab und zu einen Teelöffel Zucker ins Wasser geben.
    Am schönsten aber, fand Kruse, sind lebende Weihnachtsbäume mit Ballen im Kübel, eine Zuckerhutfichte oder eine Blaufichte vielleicht oder gar eine Nordmanntanne, die man dann im Garten, den Kruse leider nicht besaß, eingraben konnte. Die Rückkehr des Baums in die Natur sollte jedoch nicht abrupt geschehen, besser: den Baum durch einen Zwischenaufenthalt in einem kühlen, hellen Raum "abkühlen" lassen.
    Und wichtig, fand Kruse, sei natürlich die Sicherheit: Beim Aufstellen des Baumes ist darauf zu achten, dass er genügend Abstand zu Möbeln und Vorhängen hat und beim Lüften nicht im Zug steht. Beim Aufstecken der Kerzen würde Kruse daran denken, dass trockene Zweige tiefer hängen als frische. Der ideale Abstand beträgt mindestens 25 cm. Brennen die Kerzen, den Baum niemals unbeaufsichtigt lassen. Auch kleine Kinder würde Kruse nie mit brennenden Kerzen allein im Zimmer lassen und Streichhölzer selbstverständlich außer deren Reichweite legen, nur geeignete, sicherheitsgeprüfte Lichterketten verwenden und Ketten mit Knicken oder blank gescheuerten Leitungen nicht mehr. Und nicht zu viele davon an eine Steckdose hängen.
    Für den Notfall hätte Kruse einen Feuerlöscher, eine Wolldecke oder einen Eimer Sand bereitgestellt.
    Aber Kruse hatte gar keinen Weihnachtsbaum und er würde sich auch dieses Jahr keinen leisten. Er hatte nur einen Adventskranz, seit Anfang November schon und Kruse wusste, dass der inzwischen so ausgetrocknet war, dass er ganz schnell in Flammen aufgehen konnte.

    Natürlich gab es auch keine Familie. Kruse hatte nie eine Familie, so weit er sich daran erinnern konnte – oder wollte. Schon als Kind, und etwas anderes fiel ihm nicht ein, mangelte es in den wenigen Bildern, die ihm aus dieser Zeit zur Verfügung standen, an Menschen, die seine Eltern zum Beispiel oder Geschwister und andere Verwandte hätten sein können. Und wenn er sich ein Weihnachtsfest ausmalen konnte, an dem er nicht allein gewesen ist, erinnerte er sich an Menschen, deren Namen er zwar noch wusste und von deren Aussehen er eine Vorstellung hatte, aber die Anlässe, warum sie in sein Leben getreten und aus ihm wie selbstverständlich wieder ausgeschieden waren, konnte er nicht rekonstruieren.
    Aber es gab gewisse Abläufe, die für ihn untrennbar mit diesem bevorstehenden Fest verbunden waren, die längst den Charakter von Ritualen angenommen hatten, die Kruse, selbst wenn er es gewollt hätte, nie und nimmer anzweifeln, in Frage stellen würde. Sie waren da, und das war gut so. Er vollzog sie, wie eine mechanisch bewegbare Puppe sich bewegte und das Grauen, das ihn dabei überfiel, nahm er stoisch hin wie den Wechsel der Jahreszeiten.
    Es gehörte zu diesen Abläufen, dass Kruse sich hin und wieder sagen hörte: "Tscha, Willelm (so nannte er sich, obwohl er einen ganz anderen Vornamen hatte), das wird wohl dein letztes Fest sein!" Und er versuchte es immer so zu sagen, dass er es im Nachhinein interpretieren konnte.
    Hielte man ihm vor, er wollte damit ausdrücken, es werde kein weiteres Fest mehr für ihn geben, würde er entschieden und hartnäckig behaupten, er hätte nur zum Ausdruck bringen wollen, es werde kein weiteres Fest dieser Art geben. Einmal verstieg er sich in einer Auseinandersetzung mit einem abstrakten Kontrahenten zu der Behauptung, er, Kruse, gedenke, völlig den Kulturkreis zu verlassen, der ihn zu diesen Ritualen zwinge und schon deshalb werde er sich ihnen nicht mehr unterwerfen müssen.
    Und völlig absurd fände er die Interpretation, das letzte Fest könne bedeuten, beim nächsten sei er tot. Das entziehe sich seiner Vorstellung schon deswegen, weil er sich nur etwas vorstellen könne, was er erleben kann und, dabei musste Kruse immer lachen, "mein Tod ist ja wohl das einzige, was ich selbst nicht mehr erleben werde!"
    Das schien ihm ein derartig schlagendes Argument zu sein, gegen das jeder denkbare Gegner seine Waffen strecken musste. Und Kruse fühlte sich danach immer sehr groß und auf eine Weise erleichtert, wie er es selten empfand.
    Ein Interview mit einem amerikanischen Psychologen aus seiner Zeitung hatte er erst ausgeschnitten, dann jahrelang aufbewahrt und endlich doch zum Altpapier gegeben. Darin berichtete jener aus seiner Praxis, immer vor Weihnachten sei er in seiner Arbeit hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, Suicidwillige bzw. - gefährdete zu behandeln und als ihm bewusst wurde, dass es von Jahr zu Jahr mehr davon wurden, habe er sogar kurz vor dem Entschluss gestanden, seine Praxis Mitte November zu schließen und erst nach dem Fest wieder zu öffnen.

    Es war mit der Zeit einfach nicht mehr zu übersehen: Bei den Nachbarn in seinem Haus wurde es zur Gewohnheit, mit Beginn der Adventszeit geschmückte Zweige oder kleine Kränze außen an die Wohnungstüren zu hängen, etwas, von dem Kruse nur ahnte, dass es aus Amerika kommen musste. Ein paar Jahre lang ging er hochmütig darüber hinweg, nein, nicht nur das; er machte sich ein paar sehr arrogante und gehässige Gedanken darüber.
    Dass er selbst zum Jahresende an seinen Ritualen, und dass nahezu viehisch, wie er selbst fand, hing, wussten ja außer ihm keine anderen Menschen. Insofern konnte er es sich durchaus leisten, dieser Türbeschmückung mit natürlich nie geäußerter Arroganz zu begegnen, bis er sich im letzten Jahr plötzlich dabei ertappte, wie er mit einem Tannenkränzchen aus einem Blumenladen kam, an seiner Wohnungstür einen Haken eindrehte und es daran befestigte.
    So richtig zu Bewusstsein kam ihm das erst, als er die Türe schloss und gleichzeitig auf den unteren Treppenabschnitten Schritte vernahm. Von einer eigenartigen Panik überfallen, riss er seine Tür wieder auf, ergriff den Kranz und hielt ihn hinter der verschlossenen Tür so an seine Brust gepresst, dass, als die Schritte im Treppenhaus verklungen waren und er seine Arme mit dem Schmuck herunternahm, eine ziemliche Anzahl an Nadeln in die Wolle seines Pullovers eingedrungen waren.
    Von diesem Zeitpunkt an war es mit Kruses Ruhe in der Adventszeit vorbei. Der Kranz, der für die Tür gedacht war, lag, wenn Kruse nicht zu Hause war oder an der Wohnungstür wachen konnte, auf dem kleinen Schuhschrank in seinem Flur. War er sich hingegen sicher, dass sich gerade keine anderen Mieter im Treppenhaus befanden, hängte er ihn an den dafür angebrachten Haken. Das hielt ihn jeden Tag mehrere Stunden in Atem und dennoch konnte er es nicht vermeiden, dass doch der eine oder andere Mieter mitbekommen musste, dass er, Kruse, wusste, es ist Advent.

    Das Fieber, das ihn Wochen vor dem Fest ergriff, hatte sehr viel damit zu tun, dass Kruse, dem es beileibe nicht an Einbildungskraft mangelte, sich in kühnen Gedankengemälden ausmalte, nur noch diesen einen Anlass so zu gestalten, wie er es seit Jahrzehnten tat, und danach sein Leben radikal zu verändern. Am liebsten gleich alle seiner Gewohnheiten wollte er einstellen und penibel darauf achten, dass an ihrer Stelle nicht neue entstünden.
    Er war völlig davon überzeugt, dass selbst die kleinsten und geringsten Angewohnheiten ein Zeichen dafür waren, dass andere ihn falsch einschätzen mussten und ihm nicht den Respekt zollten, der ihm, dem Kruse, der eben nicht über Gewohnheiten verfügte bzw. von ihnen gefangen gehalten wurde, zustünde.
    Er wusste sehr genau, wie es ihm schaden müsste, wenn diese anderen erfuhren, dass er morgens nach dem Aufstehen in Pyjama, dicken, roten Wollsocken und einem ziemlich abgerissenen Morgenmantel sich erst einen Riesentopf löslichen Kaffee bereitete, sich mit dem dann vor seinen Computer setzte und eine gute Stunde mit den albernen Spielchen verbrachte, die die Softwarehersteller gratis zum Kauf ihrer Produkte dazu gegeben hatten.
    Anstelle dessen würde es ihm sicher Wertschätzung einbringen, wenn er sich erst der Hygiene hingab, sich dann völlig ankleidete und zu einem gesunden Frühstück seine abonnierte Tageszeitung las. Er gestand sich zwar nicht ein, dass, setzte er seinen Plan in die Tat um, an die alte Gewohnheit eine neue treten würde, aber es musste ihm doch bewusst sein.
    Aus Angst, neue Gewohnheiten anzunehmen, gab er sich also bei all diesen bedeutungsschwangeren Tagen wie Geburtstag, Weihnachten eben oder spätestens Neujahr vorsichtshalber erst einmal wieder den alten hin – aus der Gewissheit, dass er mit ihnen ja nicht unbedingt schlecht gefahren war und nicht sicher sein konnte, was die neuen an Gefahren mit sich bringen würden.
    Es blieb ihm aber nicht verschlossen, dass er bei diesem Verfahren spätestens am späteren Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages missmutig wurde, als sei ihm eine sehr schwere Niederlage beigebracht worden, die Tröstung, es ja Neujahr noch einmal versuchen zu können, auch nicht half, diesen Missmut zu lindern und er schon in den Minuten auf dem Balkon, wo er dem Sylvesterfeuerwerk seiner Nachbarn zusah, ahnte, dass das eingeläutete neue Jahr nur mindestens genauso mies, wenn nicht noch mieser als das vergangene werden konnte.
    Und dass alles das nicht erfunden war, ahnte er, Kruse, wenn er die einzige, die einzelne Rakete zündete, die er jedes Jahr erstand.

    Ohne dass ein Zusammenhang mit Weihnachten bestand, musste Kruse oft daran denken, dass ihn mal eine Frau angerufen hatte, aus Philadelphia, und als er erschrocken fragte, was das wohl an Gebühren kosten müsse, erklärte, sie sei nicht in den USA, sondern in Brandenburg. Und das Nest, in dem sie sei, heiße wirklich Philadelphia. Es gäbe auch noch ein anderes, das nenne sich New Boston.
    Das hatte ihn, Kruse, ziemlich empört, aber später musste er darüber lachen. Wie gesagt, ohne dass es einen Zusammenhang gab.

    Es gibt, das war Kruse schon klar, zwei grundsätzliche Haltungen. Ich lebe und kümmere mich nicht um das Gestern oder Morgen, jedenfalls lasse ich mir das Jetzt nicht davon beeinflussen. Oder: Ich verzichte auf den Augenblick, weil mich gerade entweder das Gestern gefangen hält oder das Morgen mich so unsicher macht, dass ich das Jetzt gar nicht frei einatmen kann.
    Kruse wäre nicht Kruse gewesen, wenn er die zweite Haltung als grundsätzlich negativ einschätzte. Zwar war er dauernd in Sorge, was das Morgen bringen könnte. Das ging soweit, dass er sich leicht dazu versteigen konnte, er werde den morgigen Tag nicht überleben. Aber Kruse, der Dialektiker, hatte an sich auch festgestellt, warum er das Morgen so sehr liebte, dass es ihm so wert war, das Heute darüber zu vernachlässigen: Es war der Ort oder seinetwegen auch die Zeit, wo alle seine Wünsche endlich in Erfüllung gehen würden.
    Dabei bedrückte es ihn überhaupt nicht, dass das Morgen gar nicht morgen sein musste, sondern eben einer jener besonderen Tage, hinter denen er eine tiefere Bedeutung vermutete. Weihnachten eben, Sylvester, sein Geburtstag, der Tag, an dem er sein erstes Aquarium gekauft hatte. Es konnte aber auch der erste Tag jedes beliebigen Monats im Jahr sein, der Beginn einer Jahreszeit oder die Wiederholung eines historischen Datums, z.B. die 50. oder 100. Wiederkehr des Geburts- oder Todestages eines Dichters, an dem er endlich anfangen könnte, so zu leben, wie er es sich immer schon vorgestellt hatte.
    Er achtete in der Regel sehr sorgfältig darauf, dass ein solches Datum nicht zu nahe am heutigen läge, weil ihm das ausreichend Zeit ließ, sich auf den ja durchaus historisch zu bezeichnenden Einschnitt in seinem Leben vorzubereiten.
    Es hatte Zeiten gegeben, da war Kruse viel zu spontan gewesen. Wenn er, wie so oft, seines bisherigen Lebens überdrüssig war, hatte er auch schon mal einfach entschieden, dass ihm das jetzt aber wirklich reiche und morgen – im Wortsinn – das neue Leben zu beginnen hätte.
    Der Satz, der ihn in solchen Situationen beherrschte, hieß: "Ich kann nicht mehr!” War sein Leidensdruck besonders groß, schob er noch ein Wörtchen mehr ein: "Ich kann wirklich nicht mehr!" Oder er steigerte sich zu "Jetzt reichts! Ich kann wirklich nicht mehr!"
    Solche Wallungen verführten ihn, der doch sonst so sehr darauf achtete, was andere von ihm denken oder auch nur denken konnten, dazu, dass er solche Sätze mitten in der vollbesetzten U-Bahn laut sagte, als wäre es eine Mitteilung für einen oder mehrere der neben ihm Sitzenden.
    Da half wirklich nur das Morgen, bis zu dem es zwar noch zehn oder zwanzig Stunden oder zehn oder zwanzig Wochen hin sein konnte, das ihm aber in so hellem Licht erschien, dass er sich absolut sicher sein konnte, dass er ab morgen dann wieder könnte.
    Aber diese Erfahrungen hatten sich in der Vergangenheit immer als trügerisch erwiesen. Wachte er an solchen Tagen auf, war zwar der Impuls, ab jetzt werde alles anders, kurz vorhanden, aber er ließ sich im Laufe des Tages nicht umsetzen, nicht leben. Die vergeblichen Versuche darin ließen ihm das "Lieber weiter so wie bisher!" geradezu als Hort der Geborgenheit erscheinen.
    Insofern war natürlich ein Datum, das in weiterer Ferne lag, für Kruse realistischer. Er konnte sich gewissenhaft vorbereiten, am Kalender ablesen, wie und bis wann er sich vorzubereiten hätte und es hatte eine erheblich beruhigende Wirkung auf ihn, wenn er sich sagen konnte: "Willelm, mach dir keine Sorgen. Du hast ja noch Zeit!"
    Weihnachten war deshalb, besonders im März oder auch noch im September, natürlich ein ausgesprochen lockendes Datum. Leider kam ihm aber bis zum Vortag dieses Festes immer so viel dazwischen, dass er am Heiligen Abend eben genauso schlecht oder gar nicht vorbereitet war wie in jenen Fällen, in denen er sich für die Spontanlösung entschieden hatte.
    Kruse wusste das, aber es machte ihm nichts aus und hielt ihn auch nicht davon ab, es immer wieder aufs Neue zu versuchen.

    Kruse ging so kurz vor dem Fest oder "zwischen den Jahren", wie man in seiner Gegend die Tage zwischen Weihnachten und Silvester nannte, nicht sehr gern aus. Er wollte damit natürlich seine Überlegenheit demonstrieren, er, Kruse, gehöre gewiss nicht zu denen, die sich diesem Feierwahn und der Geld- und Zeitverschwendung hingaben. Irgendwann aber machte ihm der Gedanke zu schaffen, wenn er etwas demonstrieren wolle, aber allein zu Hause herum säße, ja niemand je etwas von seiner Demonstration erfahren würde. Also suchte er sich Orte in seiner Umgebung aus, zu denen Menschen nicht gehen würden, gerade um die Feste herum, wenn sie es nicht müssten.
    Er setzte sich, ohne Begehr, in die Flure von Arbeits- oder Sozialämtern und betrachtete andere Menschen, verwirrte aber auch einige von ihnen, wenn sie Kruse als den vor ihnen an der Reihe befindlichen wähnten. Seitdem wählte er nur noch Ämter aus, in denen man als Wartender Nummern von einer Rolle zu ziehen hatte – und er zog natürlich keine. Auch vor Polizeirevieren stand er mitunter trotz der Kälte stundenlang herum, bis seine Anwesenheit, die berufsmäßigen Verdächtigern merkwürdig vorkommen musste, auffiel und er mehrfach zur Kontrolle seiner Ausweispapiere aufgefordert wurde.

    In einem der Sozialämter belauschte er das Gespräch zwischen einem Kind und seiner Mutter, die dort warteten. Warum sie denn hier seien und warum sie warten müssten, fragte das Kind. Sonst käme der Weihnachtsmann nicht, antwortete die Mutter. Ob der denn hier wohne, wieder das Kind. Nein, eigentlich nicht direkt, sagte die Mutter, aber sie müsse hier eine Bestellung an ihn aufgeben für Weihnachten und deshalb dürfte das Kind auch nachher nicht in das Büro des Weihnachtsmannes mitkommen.
    Das Kind schwieg eine ganze Weile. Es musste offensichtlich eine so große Gedankenflut bewältigen, dass es ganz unruhig auf der Bank herum zu zappeln begann, bis es schließlich aus ihm heraus sprudelte, es könne sich nicht vorstellen, dass der Weihnachtsmann hier ein Büro hätte, ausgerechnet hier, und schließlich:
    "Es gibt gar keinen Weihnachtsmann!"
    Diese Feststellung kam so heftig aus dem Mund des Kindes, dass sowohl seine Mutter sowie Kruse gleichzeitig erschraken und zusammenzuckten. Da Kruse sein Schrecken peinlich war, entfernte er sich schnell, wiederholte aber auf seinem Weg nach Hause immer wieder den letzten Satz des Kindes, bis er endlich die Wohnungstür hinter sich schließen und seinen Tränen freien Lauf lassen konnte.
    Er hatte es immer geahnt, aber niemand hatte es ihm je gesagt. Das Kind, mutmaßte Kruse, das ihm diese Nachricht überbracht hatte, musste wohl ein Engel sein. Aber wenn’s den Weihnachtsmann nicht gab, gab es dann Engel?

    Kruse stand, wie er fast ungläubig mit Blick auf seine Geburtsurkunde und mit Hilfe eines Taschenrechners feststellte, im 59. Jahr. Das bevorstehende Fest musste also das 59. in seinem Leben sein. Aber nicht das ließ ihn nachdenklich werden, sondern dass ihm nahezu 35 Jahre fehlten, als sei er da in seinem eigenen Leben gar nicht vorgekommen.
    Er erinnerte sich gerade noch, dass er sein Abitur mit etwas Glück bestanden und zu studieren begonnen hatte, aber nicht mehr, was er eigentlich studiert hatte. Er bekam monatlich von irgendeinem Amt so etwas wie eine Rente, die hinten und vorn nicht reichte, so dass er von Zeit zu Zeit stehlen musste und mit wachsendem Geschick älteren Damen die Geldbörsen aus offenen Handtaschen fischte, aber wofür bekam er diese Rente?
    In seiner Zeitung hatte er gelesen, dass ein Politiker sich über Studenten aufregte, die so lange studieren würden, dass sie aufpassen müssten, ihren Rentenantrag nicht zu verpassen. War er so einer? Andererseits hatte derselbe Politiker Wochen vorher verlauten lassen, wie sehr es ihn ärgere, dass im Volk das Bewusstsein nicht vorhanden sei, ein Leben lang lernen, ergo: studieren, zu müssen.
    Egal! Es war nicht die Zeit, über so etwas sich den Kopf zu zerbrechen, denn das Fest stand vor der Tür und auch wenn er nie einem "richtigen” Weihnachtsmann begegnet war, beschäftigte ihn die Nachricht, es geben gar keinen, plötzlich immens.
    Wie immer hatte er schon Mitte November "den Fisch" bestellt, in dem kleinen Fischgeschäft um die Ecke, und wie immer hatte der Besitzer, der Kruse schon Jahrzehnte kannte, ihn darauf hingewiesen, dass er "den Fisch" auch am Tag des heiligen Fests ohne Vorbestellung bei ihm bekäme, es völlig reichen würde, wenn er ihn ein, zwei Tage vorher bestellte und er noch gar kein Vorbestellbuch für den bevorstehenden Jahreswechsel hätte.
    Wie immer zeterte Kruse daraufhin, mit ihm könne man es ja machen, womit er aber ausdrücken wollte, dass er nicht daran denke, so etwas mit sich machen zu lassen, schon weil er mal ganz, ganz schlechte Erfahrungen gemacht hatte, mit einem Weihnachten ohne "den Fisch", auch wenn er sich nicht erinnern könnte, wann das war und er zeterte so lange, bis der genervte Fischhändler schließlich einen Zettel holte, erst "Kruse", dann "24.12." und schließlich "Fisch" darauf schrieb.
    Kruse verließ befriedigt den Laden und der Händler warf den Zettel zu den Abfällen. Kruse aber geriet in Hektik und Panik, als er auf die Straße trat, weil er plötzlich nicht sicher war, ob er die Kerzen auf seinem Adventskranz gelöscht hatte, als er die Wohnung verließ.
    Adventskranz? Mitte November? Ja, Kruse hatte sich, ohne zu wissen, wann, entschieden, dass es vor seinem Weihnachten nicht vier, sondern acht Adventssonntage zu geben habe, kurz auch grübelnd, ob zwölf oder 24 nicht angemessener wären. Dafür ließ er sich einen sehr großen Kranz anfertigen und befestigte eigenhändig acht Kerzen daran.
    Wie er die Straße zu seiner Wohnung hastete und schon die rotierenden Blaulichter der Feuerwehren vor seinem Haus wähnte, kam ihm ausgerechnet Möller Zwo entgegen, der über ihn wohnte und der ihn nach dem Grund seiner hast fragte.
    "Adventskranz!", keuchte Kruse nur. "Adventskranz!"
    Möller Zwo zog eine Augenbraue hoch.
    "Ach? Ach, kennen Sie übrigens ein Wort mit vier "ts"?"
    "Keine Zeit", röchelte Kruse. "Adventskranz! "
    Er schob sich an Möller Zwo vorbei, der ihm hinterher rief: "Nicht ganz, Kruse, nicht ganz! " Und dann: "Atsventskrantskertse! "
    Möller schien sich vor Lachen übergeben zu müssen und als er wieder Luft bekam, war Kruse schon weit weg, hörte aber noch wie ihm nachgebrüllt wurde: "Atsventskrantskertse, Kruse, verstehen Sie? "
    Natürlich hatte er die Kerzen nicht brennen lassen, aber als er seine Wohnungstür öffnete, bemerkte er entsetzt, dass er den Weihnachtsschmuck außen an der Tür hatte hängen lassen, den dann wohl auf jeden Fall Möller Zwo zur Kenntnis genommen hatte, und nahm ihn mit sich in den Flur seiner Wohnung.
    "Ich werde mir einfach vornehmen, die Kerzen gar nicht mehr anzuzünden. Das ist sicherer und spart zudem enorm Geld. "
    Dann nahm er den völlig verkohlten Auflauf vom Herd und warf ihn samt Topf zum Müll.

    Zu den erfreulichsten Aufgaben zählte bei den Vorbereitungen auf das Fest, die Liste derer zu erstellen, die er dieses Jahr mit Weihnachtskarten erfreuen wollte. Aber noch erfreulicher war die Liste, die dieses Jahr keine von ihm bekommen würden.
    Nach dem Zufallsprinzip suchte er aus dem örtlichen Telefonbuch je zehn Namen aus, die er auf beiden Listen notierte.
    An letztere schrieb er zum Beispiel: "Sehr geehrter Herr! Erwarten Sie dieses Jahr auf keinen Fall eine Weihnachtskarte von mir, da ich es nicht vergessen habe, dass ich letztes Jahr auch von Ihnen keine bekam. Wilhelm Kruse" (auch wenn er einen ganz anderen Vornamen hatte).
    Auf die Weihnachtskarten hingegen schrieb er: "Sehr geehrte Frau! Ich wünsche Ihnen ein friedliches und harmonisches Weihnachtsfest, obwohl mich Ihre Weihnachtskarte letztjährig erst kurz nach Pfingsten erreichte. Wilhelm Kruse. "
    Alle diese Karten würde er, wie schon in den vergangenen Jahren, Ende Februar der Post übergeben.

    "Der "Fisch" war bestellt. Die Adventskranzkerzen würden über das Fest hinaus hinreichen, wenn er sie nicht mehr anzünden würde. Alle Karten waren geschrieben, kuvertiert, adressiert und in den Ablagekorb gelegt.

    Bei seinen Versuchen, sich vor "diesen Tagen” nur noch an Orten aufzuhalten, die ihn möglichst nicht an Weihnachten erinnerten, erinnerte er sich daran, dass er dabei auch eines Tags in diesem Krankenhaus gelandet war, in dem er selbst schon einmal wegen seines ersten Nierensteins gelegen hatte.
    Auffällig an dieser Einrichtung war, dass sie von Nonnen geleitet wurde, die Kruse dazu verleiteten an sein traditionelles Weihnachtsmahl zu denken: "den Fisch". Warum eigentlich Fisch, fragte er sich angesichts einer der Nonnen. Warum nicht mal Vogel? Warum nicht einmal Pinguin zum Fest?
    Er war einfach in eines der Krankenzimmer gegangen, in dem zwar vier Betten standen, aber nur in einem von ihnen lag etwas, das wie ein Mensch aussah, wohl auch mal einer war, aber das kam Kruse so unwirklich vor, dass es ihm grauste und er wieder ging.
    Anderntags aber wieder kam, auf das Bett zuging und dem darin liegenden alten, starr an die Decke starrenden Mann die Hand gab, nein, besser: nahm, erst schüttelte, dann streichelte, dann fallen ließ und ging, aber von da an jeden Tag Besuche machte.
    Und jeder Tag war wie immer: Das Mensch erkannte ihn nicht, natürlich nicht. Fünf Minuten und länger stand Kruse vor seinem Bett. Die halb geöffneten Augen des Bettlägrigen starrten vor sich hin. Nichts. Kein Erkennen, keine Erinnerung. Kruse hatte alles versucht. Hatte ihn auf die Stirn geküsst und laut gesagt: "Ich bin's, he, Kruse! "
    Schweigen. Kruse hockte sich vor das Bett auf einen Schemel, griff nach der runzligen Hand und knetete sie. "Bald ist Weihnachten", sagte er. Der alte Mann starrte weiter an die Decke - und schwieg. Was mache ich hier bei diesem Menschen, der so deutlich nicht mehr der ist, der er einst war? Bei einem alten Mann, der Windeln trägt und mich nicht erkennt, obwohl ich jetzt schon seit Tagen hierher komme, fragte sich Kruse. Er wollte gehen. Er schämte sich. Und ging nicht, wollte, dass der sich erinnert, der da lag, erinnert an etwas, was Kruse selbst vergessen hatte. An irgendwas.
    Er streichelte wieder die erstaunlich warme Hand und seine Finger erinnerten sich an ein Spiel. Kruse malte mit dem Zeigefinger vier Kreuze auf die Innenfläche seiner schlaffen Hand und sage leise: "Kritzekratze über die Hand: Feuer, Wasser, Wind oder Sand ... ".
    Warum soll sich nicht auch diese andere Hand an dieses Spiel erinnern? Plötzlich schaute der Starrende Kruse an, sein Mund formte erst unverständliche Worte und dann deutlich: "Das kenne ich. " Dann streckte er Kruse auffordernd seine Hand entgegen.
    "Du musst dir etwas aussuchen", sagte Kruse.
    "Wind", erwiderte der im Bett und Kruse pustete ihm sacht in die Handfläche. Und so spielten sie dieses Kinderspiel.
    Ja, dachte Kruse, damals war ich klein und der, der da in diesem Bett lag und völlig in sich zusammengeschrumpft war, war groß.
    Jetzt bin ich der Große. Der Kranke, errechnete Kruse aus dem Krankenblatt über dem Bett, musste 91 Jahre alt sein. Wer weiß, seit wann er dieses Bett nicht mehr verlassen hatte. Er weiß nicht, wie alt er ist, welcher Tag heute ist, wer seine Verwandten sind, dachte Kruse. Und er wird, zumindest lebend, das Bett wohl auch nicht mehr verlassen.
    Er weiß nichts mehr von seinem Leben und damit ging es ihm fast so wie Kruse. Bis er, Tage später, doch zu erzählen anfing, mehr sich als Kruse, und das, was Kruse daraus entnahm, konnte auch Einbildung sein: das Lazarett im Krieg, die alte Heimat, seine Frau und hin und wieder seine Tochter. Nur an Kruse, an Kruse erinnerte er sich nicht.
    Sein Körper ist mager. 60 Kilo vielleicht. Seine Wangen hohl, der Mund zahnlos und die Augen trüb. Aber er lebt: Er atmet, er schläft, er scheidet aus. Er lebt in einem schmalen Bett, isst am liebsten Nougat Schokolade, spricht selten, und wenn, dann meist wirr. Aber er ist noch da. Und Kruse fragte sich, ob er das weiß.
    Als Kruse klein war, war sein Vater für ihn der Größte: Er war nie streng, kaufte alle Naschereien, die Kruse, der Kleine, mochte. Er hatte weiche Hände, die liebevoll Wangen tätscheln konnten. Und wenn Kruse wollte, stemmte er ihn in die Höhe, stark war er, der Vater. Er hatte nur ein Bein, lief auf Krücken und hatte deshalb kräftige Arme. Keiner konnte Kruse so hoch in den Himmel heben wie er.
    War Kruse später bei ihm zu Besuch, wollte er stets ein Foto machen, am liebsten auf dem Balkon. Er postierte Kruse dort, lief aus dem Haus, winkte, hielt den Fotoapparat vor die Augen und drückte den Auslöser. Jeden Sommer das gleiche Ritual. Ehrlich gesagt, Kruse langweilte sich dabei, fragte sich immer, was er mit den vielen Fotos wollte. Heute sind sie verschwunden – wie der Vater selbst.
    Der alte Mann im Bett sah ein bisschen aus wie Erich Honecker, dachte Kruse. War er eitel, liebte er es, wie Kruses Vater, fotografiert zu werden. Am liebsten vor seinem Geburtstagstisch, auf dem mit zunehmendem Alter immer mehr sinnlose Geschenke lagen. Pullover, Socken, Parfüm was schenkt man einem alten Menschen, fragte sich Kruse? Auf dem Nachttisch des Kranken lag Nougat – Schokolade, stand eine Packung Orangensaft. Geschenke? Was würde ich mir schenken? Was würde ich mir wünschen?
    Hatte Kruse nicht alles: Der Fernseher tat es noch, Reisen ging nicht mehr und er wollte es auch nicht, die Bücher, die ihn interessierten, hatte er alle gelesen, für moderne Sachen hatte er nichts mehr übrig.
    Der Vater war 1905 geboren. Vor hundert Jahren, dachte Kruse, was für ein Zufall. Das klingt nach Kaiserzeit, nach strenger Moral und Sex nach der Hochzeit. Er hat nicht oft geredet über früher oder Kruse hatte nicht zugehört. Jetzt, da er ihn fragen wollte, konnte er keine Antworten mehr geben. Aber vielleicht interessierte sich Kruse jetzt auch nur deshalb für ihn, weil er nicht mehr antworten konnte.
    "Ich weiß nicht", sagte Kruse am Krankenbett plötzlich und viel zu laut, dass der Liegende fast erschrak, "an welchem Punkt ein Menschenleben beginnt und wann es endet. Ich weiß nur eines: Das Ende ähnelt dem Anfang. Wird ein Mensch geboren, hat er keine Zähne und muss gefüttert werden. Er trägt eine Windel, kann nicht laufen und sich nicht artikulieren. Er kann nur eines: schreien. "
    Doch der Alte im Bett schrie nicht mal.
    Ein anderer Alter, der in das Krankenzimmer irgendwann eingeliefert worden war ("Eingeliefert”, dachte Kruse, "was für ein Wort! "), hatte Alzheimer. Manchmal irrte er draußen auf dem Flur umher, suchte sein Bett und fragte Kruse: "Wo bin ich? "
    Kruses Vater, oder war es gar nicht sein Vater, der da vor ihm im Bett lag, fragte nie, wo er war. Es schien ihm egal zu sein. Er hatte es warm. Er bekam zu essen. Er wurde umgedreht, damit er sich nicht wund liegt. Er bekam Medikamente. Er besaß einen Anzug, den er nicht mehr tragen würde und sein Ehering war zu groß geworden für seine mageren Finger.
    Wenn Kruse kam, fragte er nur: "Wie geht es dir? "
    Wenn der Alte ihn mal verstand, sagte er immer dasselbe.
    "Ich kann nicht klagen."
    Sein Vater hatte auch nie geklagt. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Richtung Stalingrad geschickt, die Einberufung kam eine Woche vor der geplanten Hochzeit, obwohl er eigentlich zu alt dafür war. Er heiratete seine zweite Frau, Kruses Mutter, am Morgen danach zog er Richtung Osten. Weit kam er nicht. Eine Kugel traf seine Wade. Die Sanitäter fanden ihn erst einen Tag später. Der Unterschenkel musste amputiert werden, später das Knie und dann der Oberschenkel. Er akzeptierte es scheinbar ohne Groll. Viel besser als seine zweite Frau, die zu Hause auf seine zwei Schuhe starrte und dachte: Den einen wird er nie wieder brauchen.
    Im Krieg verlor der Vater nicht nur ein Bein, sondern auch die Fähigkeit zu weinen. Er weinte nicht mal, als seine zweite Frau 47 Jahre später starb. Sie war nachts aus dem Bett gefallen, hatte sich eine Rippe gebrochen und den übernächsten Tag nicht überlebt. Mit seiner Frau verließ Kruses Vater auch das Gedächtnis.
    Kruse gruselte sich manchmal vor diesem alten Mann.
    "Er erkennt mich nicht. Er redet kaum. Er weiß wahrscheinlich meistens nicht, dass ich da bin. Was soll ich bei ihm? "
    In Filmen sah es immer so einfach aus: Die Angehörigen redeten drauflos auch wenn der andere schon seit Jahren nicht mehr reagierte. Sie erzählten vom Alltag, von Sorgen, von Freunden, von der letzten Reise, von der Liebe. Kruse konnte das nicht, hatte weder Alltag noch Freunde, nie Reisen gemacht - und Liebe?
    Er fragte sich nur: "Hört er mich? Sieht er mich? "
    Guckte den Alten einfach nur an und sagte nichts. Schließlich hielt auch er, Kruse, sein Leben unter Verschluss wie seine Erinnerungen.
    Und dann doch, dachte Kruse, dass auch der Alte wie ein Kind lernen kann, wenn Dinge nur oft genug wiederholt wurden.
    "Wie heiße ich", fragt er ihn nun bei jedem Besuch.
    "Welcher Tag ist heute? "
    "Wie alt bist du? "
    Aber der Alte vergaß nur noch. Er vergaß Kruse schon, noch während der vor seinem Bett stand. Er vergaß, was er vor wenigen Minuten gegessen hat. Vielleicht waren all diese Antworten noch da irgendwo zwischen seiner Bettwäsche mit den Nougatflecken und den Falten seines Pyjamas. Sein Gedächtnis schien wie eine alte Bekannte: Manchmal kommt sie überraschend zu Besuch und lässt dann wochenlang nichts von sich hören.
    Der Alte, fiel Kruse plötzlich auf, stellt die Statistik auf den Kopf. Mit seinen 91 Jahren lag er 16 Jahre über der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Mannes und Kruse fragte sich, wer für diese Statistik mit 59 Jahren sterben musste. Viel zu früh. Aber kann ein Mensch auch zu spät sterben?
    Kruse fragte sich auch, ob es besser ist, das Ende bei vollem Bewusstsein mitzuerleben oder das Gedächtnis zu verlieren und einigte sich darauf, dass es ohne Gedächtnis besser ist. Nicht für die Anderen, sondern für sich selbst. Wer will schon miterleben müssen, dass er seinen Schließmuskel nicht mehr kontrollieren kann?
    Sein Vater hatte kurz vor seinem Tod verkündet, dass er nicht so enden will. Lieber wolle er sich irgendwo "etwas organisieren zum Sterben”.
    Der Alte schwieg und schob ein Stück Nougat-Schokolade in den Mund, dann die beschmierte Hand unter das Kopfkissen. Kruse öffnete das Fenster und schaute auf die Häuser, zwischen denen er oft genug herum gelaufen war. An die frische Luft kam der Alte schon lange nicht mehr. Sie kam zu ihm, wenn jemand das Fenster öffnete.
    "Es wird kalt", sagte er, und Kruse schloss das Fenster.
    Auf dem Nachttisch neben dem Bett lag das Leben des Alten. Es war genau 32 Seiten lang. Das dunkelgrüne Fotoalbum ist klar gegliedert: Geburtsurkunden, Eheschließung, Geburt von Kindern, Schwiegerkinder, Urlaube, Enkel, zwei Menschen im Alter. Kruse schlug die letzte Seite auf die Seite mit der Todesanzeige für eine Frau, die wohl die des Alten war, und ein Foto von ihrem Grab.
    Etwas fehlt in diesem Album, dachte Kruse. Anderntags stand er wieder vor dem Bett mit einem Fotoapparat. Kruse wollte ein Bild von ihm haben, so, wie er jetzt lebte, im Sterben. Weil auch das Ende zum Leben dazu gehörte. Auch im Spiegel sah Kruse ja jeden Tag einen, der dem Ende näher ist als dem Anfang, jedes Mal einen Tag näher. Er, der sich nie hatte fotografieren lassen wollen, hob nun die Kamera und ließ sie wieder sinken.
    Er konnte nicht. Der Alte sagte nur: "Mach doch! " und Kruse glaubte, er wisse nicht, was ich genau vorhabe, dass ich ihn fotografieren will. Ausgerechnet so. So alt, so müde. So am Ende.
    Kruse hockte sich vor sein Bett und griff nach seiner Hand. Weich ist die Haut. Am Ringfinger, wo einst der Ehering saß, ist eine schmale Stelle.
    "Feuer", flüsterte der Alte. Das Spiel ging weiter. Kruse kniff in seinen Handteller, der Alte zog die Hand weg - genau wie Kruse als Kind. Doch er kicherte nicht wie Kruse damals. Das Spiel war zu Ende. Es war ein kurzer Augenblick der gemeinsamen Erinnerung, die den Alten für Minuten zu dem gemacht hatten, den Kruse zu kennen glaubte. Ein Zufall. Der Alte wird das Spiel vergessen wie Kruse auch.
    Es war Zeit zu gehen. Kruse beugte sich über den alten Mann und drückte ihm einen Kuss auf die faltige Stirn, spürte seine weiche, alte Haut und roch ihn. Sein Geruch war sehr fremd. Kruse richtete sich auf und drehte sich um.
    "Ich will dich auch küssen", sagte der Alte. Kruse beugte sich erneut zu ihm herab, hielt ihm seine Wange hin und spürte seine alten Lippen an seinem Gesicht. Er schmatzte. Auf dem Weg zur Tür hörte Kruse ihn sagen: "Es ist schön, wenn mich auch mal jemand erkennt. "
    Kruse ging nie wieder in dieses Hospital. Er machte sogar einen großen Bogen darum, denn das Bett, an dem er einige Tage gestanden hatte, könnte leer sein.

    Alle Menschen, die Kruse sah, schienen sich auf Weihnachten zu freuen. Das Fest der Feste, das an die Geburt Jesu in einem Stall zu Bethlehem erinnert. So hatte es Kruse gelernt. Der soll der Sohn Gottes sein. Geboren von der Jungfrau Maria. Er predigte ein Leben in Liebe. Für unsere Sünden starb er am Kreuz. Und schenkte uns mit seiner Auferstehung die Gewißheit des ewigen Lebens. Seine Lehren und sein Leben begründeten eine Weltreligion, Religion der Barmherzigkeit, die auch die Vergebung unserer Sünden verspricht, auch die Kruses. Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gibt und die Geborgenheit in Gott.
    Doch wo lebte Jesus eigentlich? Wo wurde er geboren? Wer betete an seiner Krippe? Wer war sein Vater? War er ein Kind der Sünde? Fragen, die Kruse immer wieder beschäftigten und die er auch in der Bibel und von den Evangelisten nie eindeutig beantwortet fand.
    Kruse konnte nur spekulieren und neue Fragen aufwerfen. Wozu eigentlich, wenn’s eh‘ keinen Weihnachtsmann gab?
    Lebten Maria und Joseph in Bethlehem oder Nazareth? Die Evangelisten Matthäus und Lukas waren da schon unterschiedlicher Meinung: Laut Matthäus lebte das Paar in Bethlehem, wo Jesus auch geboren wurde. Doch es könnte auch sein, dass das Paar nach Ägypten flüchtete, um der grausamen Herrschaft von König Herodes zu entgehen. Der hatte nämlich gedroht, das Kind zu töten, das einmal "König der Juden" werden sollte, wie er durch eine Prophezeiung erfahren hatte. Lukas dagegen gibt Narzareth als Josephs Wohnort und somit auch als den der Familie an.
    In einem Traum erfährt Joseph, daß seine Verlobte Maria vom Heiligen Geist ein Kind empfangen hat. Kruse musste dabei immer lachen. So stand es im Matthäus – Evangelium und Lukas schrieb es auf Papyrus: Der Erzengel Gabriel verkündete der Jungfrau das freudige Ereignis: "Fürchte dich nicht, Maria. Der Heilige Geist wird über dich kommen. "
    Kruse hatte fast aufgeschrien, als er das das erste Mal gelesen hatte. Über dich. Über Maria. Der heilige Geist, der alte Schlingel, über der Jungfrau. Und was macht die? Nach vielen zögerlichen und ängstlichen Fragen, unter anderem, wie es dazu kommen konnte, sagt sie: So sei es. Aber ihr größtes Problem blieb: Wie konnte das passieren, da sie doch keinen Mann hatte, nur `nen heiligen Geist?
    Erst später hatte Kruse von der Diskussion erfahren, ob Maria Ehebruch mit einem römischen Soldaten hatte oder ob sie vergewaltigt wurde. Beide Möglichkeiten geisterten durch die Schriften. Jüdische Quellen behaupteten, sie sei das Opfer einer Vergewaltigung, Kirchenkritiker gaben zu bedenken, dass eine Geburt so kurz nach der Eheschließung auf Untreue und Ehebruch hinweise. Einen Namen hatte der Verführer auch: Panthera, ein römischer Soldat.
    Bei Matthäus fand Kruse eine ungewöhnliche Passage zum Verhältnis von Maria und Joseph. So dachte Joseph schon daran, Maria zu verstoßen, bevor ihm die Geburt des Gottessohns im Traum verkündet wurde. Er war so enttäuscht von ihr. Zu Recht, wie auch Kruse dachte. Doch der Engel der Verkündigung erschien ihn im und zerstreute seine Befürchtungen und beruhigte ihn. Joseph akzeptierte die "unbefleckte Empfängnis" und die "jungfräuliche Geburt". Wegen eines Traums, man denke, dachte Kruse. Joseph heiratete Maria und zog Jesus auf wie einen eigenen Sohn.
    Oder war Jesus doch ein uneheliches Kind? Mit diesem Verdacht der Unehelichkeit ihres Chefs mussten die frühen Christen leben? Ihre Feinde sagten ihnen das hämisch ins Gesicht. Dabei schrieb der Evangelist Lukas von einer Jungfrau, die mit einem Mann namens Joseph verheiratet war. Und der Apostel Paulus betonte, Jesus wurde von einer verheirateten Frau geboren, aber die beiden waren ja nicht neutral, fand Kruse.
    Uns ist ein Kind geboren. Matthäus verlegte den Geburtsort in ein Haus. Lukas hingegen schreibt über eine Box in einem Stall, wo das Neugeborene in eine Futterkrippe gelegt wurde. In der Geburtskirche weist man eine ebenerdige Grotte als Ort der Geburt aus. Nur über den Ort herrscht Einigkeit: Es war Bethlehem. Die Evangelisten Markus und Johannes widmen sich der Geburt des Gottessohns überhaupt nicht, als ob es sie nichts anginge.
    Und wer betete das Kind in der Krippe an: Hirten oder die Heiligen Drei Könige? Matthäus lässt Könige aus dem Morgenland (vielleicht aus dem weit entfernten Persien?) drei Gaben Gold, Weihrauch, Myrrhe überbringen. Es könnten auch zwölf gewesen sein, hatte Kruse gelesen, aber da es drei Gaben waren, beließ man es bei drei Königen. Zwölf Könige, das war ein bisschen viel. Sie fielen auf die Knie und beteten das göttliche Baby, das wahrscheinlich unehelich war und Brut eines Seitensprungs, an. Lukas sah das bescheidener: Hirten und ihre Tiere sind die ersten, die de n Neuankömmling begrüßen.
    "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel kennt seines Herren Krippe", heißt es schon im Buch Jesajah. Franz von Assisi betonte bei einer Mitternachtsmesse im 13. Jahrhundert, daß arme Hirten und Bauern das Kind im Stroh anbeten. Und dass es dem Kind in seiner Armut am Nötigsten fehlte.
    Kruse fehlte es vor allem an Verständnis. Lukas, Matthäus, Johannes, Jesajah, drei oder zwölf Könige. "Uns ist ein König geboren", hörte er aus dem Fernseher im Schaufenster eines Kaufhauses. Vor ihm schnatterte ein kleines Mädchen: "Das ist doch kein König. Das ist ein Baby! "
    Das war bestimmt kein Engel, dachte Kruse. Viel zu altklug.

    Er zündete die acht Kerzen an seinem Adventskranz an. Die "Atsventskrantskertsen" und legte dann "die Platte" auf, die, die er immer zu Weihnachten hörte, "Be carefull with the axe, Eugene", die mit dem tierischen Schrei nach neun Minuten zu leisen Orgeltönen. Sie erinnerte ihn immer an die Sinfonie mit dem Paukenschlag. Nach dem Schrei schlief Kruse ein.
    Als Feuerwehr und Polizei den Brandort inspizierten, fanden sie eine Weihnachtskarte auf dem Abtreter vor der Tür. Von Möller Zwo, der aber nur mit Möller unterschrieben hatte: "Frohe Weihnachten, Kruse, alter Sack!"


© by Gerd Hunger

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