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Waldfriedhof
Durch die kleine Kapelle des Zehlendorfer Waldfriedhofes verklang das "Ave Maria", gesungen von Mario Lanza. Es war zwar eine bereinigte Aufnahme, aber etwas von der alten Schellackqualität blieb hörbar. Der vom Beerdigungsunternehmen gestellte Redner hatte die Hände vor seinem Bauch übereinander gelegt, hielt den Kopf gesenkt und wartete hinter seinem Pult auf seinen Einsatz. Nervös, wenn auch unhörbar wippte er mit dem linken Fuß gegen den Takt.
In der Kapelle hatten gut hundert Menschen Platz gefunden, aber auf der Seite vor dem Rednerpult saßen lediglich sieben Leutchen in der ersten oder zweiten Reihe herum, die sich kaum zu kennen schienen. Jedenfalls hatte fast jeder einen Stuhl zwischen sich und dem Nächstsitzenden freigelassen. Vor dem Ritual standen sie vor der Kapelle vereinzelt und verlegen herum, bis ein Angestellter der Bestattungsfirma sie hereingebeten hatte.
Neben dem Rednerpult stand auf einem Transportwagen, dessen gusseisernes Gestänge mit einem schwarzen, goldgerändelten Tuch verdeckt war, der Sarg. Auf ihm war die billigste Blumendekoration des Katalogs verteilt, und vor dem Wagen lagen ein paar Sträuße und ein Kranz ohne Schleifen. Auch der Sarg selbst wirkte, obwohl er völlig neu zu war, gebraucht, billig.
Die Kirche hatte sich geweigert, einen Priester zu stellen.
"Sehen Sie", soll beim katholischen Ordinariat ein junger Mann zu Tante Leni gesagt haben, "die Verstorbene war mit einem Protestanten verheiratet. In diesem Fall sehen unsere Richtlinien vor, dass kein Priester die Bestattung vollzieht."
"Aber sie ist von diesem Mann schon seit über zehn Jahren geschieden," protestierte Tante Leni.
"Geschieden!?" Der junge Mann zog die Stirn in Falten. "Um so schlimmer!"
"Sie sind ja ein sauberer Verein!", schimpfte Tante Leni. "
"In der Kirche bleiben durfte sie, wohl wegen der Kirchensteuern. Beerdigt wird sie nicht von Ihnen, weil sie mit einem Evangelen verheiratet war, und dass sie sich von dem hat scheiden lassen, ist also um so schlimmer, ja?!"
"Vergessen Sie dabei nicht," erwiderte der Ordinariatsangestellte, "dass das einzige Kind der Verstorbenen auch noch evangelisch getauft und erzogen wurde!" Er sagte es, als sei damit die Diskussion beendet.
Daraufhin sei Tante Leni mit den Worten "Wo ist denn da die Logik? Was ist denn das für ein Verein? Geldhecker! Gesindel!" aufgestanden und gegangen.
Sie war keine richtige Tante, aber als älteste und einzige Freundin meiner Mutter hatte ich sie immer Tante genannt. Erst betreute sie mich, wenn Mutter einmal nicht da war, später meine Mutter selbst, als sie an der Krankheit zu leiden begann, an der sie dann auch starb.
Wie selbstverständlich hatte sie sich um alles gekümmert und die Beerdigung in die Wege geleitet, bis ich in Westdeutschland vom Tod meiner Mutter erfuhr.
Ich blickte auf den Sarg. Gestern, in der Leichenhalle, hatte ich sie noch einmal gesehen. Sie war schon zu ihren Lebzeiten ziemlich klein gewesen, und obwohl ihr Gesicht von den Medikamenten, die sie im Krankenhaus vor ihrem Tod bekommen hatte, noch immer aufgequollen war, schien sie kleiner geworden zu sein. Sie ähnelte einem Säugling mit großem, dicken Kopf und einem unverhältnismäßig zierlichen Körper. Trotz der Leblosigkeit ihres Gesichts war darin noch immer etwas von ihrer Bitterkeit, die in ihr weiter zu arbeiten schien, sei sie nun tot oder lebendig.
Natürlich konnte der Redner nur das wiedergeben, was ihm Tante Leni vorher erzählt hatte. Und weil er es in das geübte Beerdigungsdeutsch seiner Branche kleidete, fiel es mir noch schwerer, in seinen Worten etwas von der Frau wiederzuerkennen, die mal meine Mutter war. Von ihrer Einsamkeit war die Rede und dass sie sich nie klagend mit einem Leben voller Arbeit abgefunden hatte. Ihr einziger Lebensinhalt sei immer das Kind gewesen, damit meinte er wohl mich, einen großen Freundeskreis hatte sie sich nie geschaffen; enge und intensive Beziehungen zu wenigen seien ihr wichtiger gewesen als viele und oberflächliche.
Wenn mich nicht die Feierlichkeit der Situation angesteckt hätte, hätte ich gelacht. Es war mir im Grunde egal, wer da in dem Sarg lag, und ich bin zu dieser Zeremonie auch nur gekommen, um Tante Leni nicht zu ärgern. Oder ehrlicher: Ich wollte wissen, ob sie wirklich tot war!
Dass ich den Tränen nahe war, lag nur daran, dass mich Beerdigungen bis ins Innerste aufwühlen. Ich sehe mich dann immer selbst im Sarg liegen und trauere um mich. Ich bin auch der einzige Mensch, dessen Tod mir leid täte, wenn ich bei meiner Beerdigung dabei sein könnte.
Jedenfalls habe ich bisher nie um jemanden trauern können und komme doch langsam in ein Alter, wo man öfter zu Trauerfeierlichkeiten, die ich atmosphärisch regelrecht einatme, eingeladen wird.
Vielleicht ist es auch die Angst vor dem Tod. Mein Leben ist mir zwar scheißegal, darauf könnte ich zu jeder Zeit gern verzichten, aber ich hatte bei all meinen Versuchen, ihm selbst ein Ende zu setzen, das Gefühl: jetzt noch nicht. Es blinkte wie ein rotes Lämpchen in meinem Gehirn auf, als wolle es mich erinnern, dass es noch etwas zu tun gäbe.
Um mich hat sich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, meine Mutter nie gekümmert. Dafür war sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Von wegen: ich ihr einziger Lebensinhalt! Und dann: nie klagend mit einem Leben voller Arbeit abgefunden! Lächerlich! In einem fort jammerte sie, womit sie das verdient hätte. Ihr sei ein anderes Leben beschieden gewesen und in der Reihenfolge derer, die ihr elendes Dasein verursacht hatten, rangierte ich gleich hinter meinem Vater.
Na sicher hatte sie außer Tante Leni keine Freunde. Bekam sie Besuch, versteckte sie alles Geld, sogar meine Sparbüchse. Und wenn sie mit jemandem sprach, dann immer über andere. In ihren Augen waren alle Menschen Lügner, Betrüger, Diebe, Ehebrecher oder sogar Mörder. Und genau das hatte sie mir beigebracht Und von dieser in Fleisch und Blut übergegangenen Erbschaft hatte ich mich nie lösen können, weder in den verschiedenen Therapien noch in allen möglichen Selbsterfahrungsgruppen, neuen Glaubensgemeinschaften oder Wohngemeinschaften. Eher im Gegenteil: meine Mutter schien völlig im Recht, besonders, was diese Psychologen, Psychologisten und Selfmade- wie Vereinigungstherapeuten anging. Mein Geld steckten sie ein, und mich ließen sie hilflos zurück.
Der Auftragsredner sagte etwas in der Art, dass wir nun die Verstorbene auf ihren letzten Weg begleiten sollten. Tante Leni schluchzte auf und fiel fast auf mich, als sie aufstand. Mir war das alles unangenehm. Ich kann Menschen nicht ausstehen, die sich mir ungewünscht mehr als einen Meter nähern. Deswegen hasse ich überfüllte Busse und U-Bahnen, ja, Menschenansammlungen aller Art.
Hinter dem Sarg öffnete sich eine große, zweiflügelige Tür und gab den Blick auf die Bäume und Sträucher des Waldfriedhofes frei. Einige Friedhofsbesucher sahen zu uns in die Kapelle. Mit dem Licht drang auch das aufgeregte Zwitschern einiger Vögel ins Innere. Sechs Männer in abgetragenen, vom vielen Bügeln glänzenden Phantasieuniformen zogen den Wagen ins Freie. Unter den Gummmirädern knirschte der Kies.
Tante Leni hatte sich bei mir eingehakt und hing an meinem Arm wie ein Stein. So stolperten wir hinter dem Sarg her. Der Redner schloss sich unserer kleinen Gruppe als Letzter an. Wer mochten diese anderen Leute bloß sein?
Ich erinnerte mich an einen Fernsehfilm, wo zwei Rentnerinnen Beerdigungen mitmachten, um danach umsonst Kaffee und Kuchen zu bekommen. Aber es war nur eine ältere Dame unter den anderen. Dann eine Frau in mittleren Jahren, ein junger, teuer gekleideter Mann und zwei ältere Knaben, die sich als einzige untereinander zu kennen schienen. War das der Freundeskreis meiner Mutter, die wenigen, aber intensiven Beziehungen? Jedenfalls hatte von ihnen jeder falsch spekuliert, der auf Kaffee und Kuchen hoffte. Und auch ein Schnäpschen oder ein Bier für die beiden älteren Herren war nicht vorgesehen.
Als der Beerdigungsunternehmer mir den Kostenvoranschlag unter die Nase hielt, wäre ich beinahe vom Stuhl gefallen. Sechseinhalb Mille für das bisschen Spektakel. Gottseidank konnte ich einige von Tante Lenis Vereinbarungen wieder ändern: Tonband statt Orgel ("Sie hat Mario Lanza so geliebt!". Als müsste ich dafür löhnen), Billig-Sarg und -Blumenschmuck. Selbst wenn die Krankenkasse die Hälfte übernimmt, fand ich diese ganze Prozedur reine Geldverschwendung. Sie selbst hat nichts davon, und mir war doch gleichgültig, wo ihre Leiche landete. Die ganze Knete für nichts und wieder nichts. Die Sentimentalität, die ich vorhin in der Kapelle gespürt hatte, war weg.
Gut, die Wohnung wollte Tante Leni übernehmen. Da waren keine Scherereien zu erwarten und vor allem keine Kosten.
"Persönliche Dinge", hatte sie gesagt, "darfst Du natürlich mitnehmen." Was sollte das wohl sein? Zwischen Mutter und mir hat es nichts Persönliches gegeben. Oder doch: Geld. War meine Frisur nicht so, wie es ihr passte, bot sie mir die Bezahlung des Friseurs und eine Belohnung an. Hatte ich was angestellt, wurde das eh' schon kümmerliche Taschengeld gestrichen. Und wenn sie besonders sauer war, rechnete sie mir vor, was ich sie nicht nur im Monat kosten würde, nein, sie führte Buch über jede Ausgabe für mich. Ja, Geld, das war etwas Persönliches, aber davon fand sich in der Wohnung sowenig wie auf ihrem Postscheckkonto. Hätte mich auch gewundert! Wieso sollte sie nach ihrem Tod freizügiger sein als davor?
"Eigentlich war sie doch noch viel zu jung", murmelte Tante Leni neben mir. 59 Jahre, stimmt, das ist kein Alter.
"Sie hat sich selbst vergiftet", sagte ich leise vor mich hin.
"Was?", fragte Tante Leni überrascht.
"Ach, nichts."
Aber so war es. Sie war nicht gestorben, weil ihre Zeit um war. Ihr unterschwelliger Hass auf alles und jeden hatte ihr das Leben genommen, und meins hatte sie zudem mit zerstört.
Der Sarg ratterte vor uns über die Kieswege. Ich sah zu den Baumkronen hoch. Ich war froh, dass dies ihr letzter Weg war. Zwar hatten wir nur noch selten miteinander zu tun, aber jedes Mal, wenn ich ihre Stimme am Telefon hörte oder einer ihrer im barschen und knappen Ton gehaltenen Zettel, die sie auch noch Briefe nannte, ankamen, starb in mir alles Leben ab. Aber in meine Freude mischte sich die Angst, es könnte von ihr etwas in meinem Dasein geblieben sein, von dem ich noch nichts wusste und das mir gefährlich würde.
Als ich gerade einige Sitzungen meiner ersten Therapie hinter mir hatte, wollte ich mein Verhältnis zu meiner Mutter klären. Obwohl eine Schleimkugel in meinem Hals würgte, sprach ich sie an. Sie schien nichts zu verstehen. Meine Therapeutin hatte mir empfohlen, mich mit meiner Mutter zu beschäftigen, und das hatte ich wohl falsch verstanden. Für ein Gespräch sei es noch zu früh gewesen, sagte die Therapeutin ein paar Tage später. Nimmt die dicke Kohle und kann sich nicht verständlich ausdrücken!
Aber ich saß schon im Sessel und fragte immer wieder, was sie denn für mich getan habe, sie, meine Mutter.
Zuerst sah sie mich völlig verständnislos an. Schließlich wurde sie immer wütender.
"Alles", schrie sie, "alles hab' ich für Dich getan. Ausgesaugt habt Ihr mich wie eine Orange, dein Vater und du! Nichts ist mir geblieben, auf Heller und Pfennig ausgeraubt bin ich."
Ihre Stimme klirrte. Dann erhob sie sich hastig, riss eine Schranktür auf, Ordner fielen durcheinander, einige auf den Boden, bis sie eine blaue Kladde in der Hand hielt, die sie vor mich auf den Tisch warf.
"Da!", sagte sie fast keuchend, mit krächzenden, hohen Tönen. "Da! Da! Da! Da steht alles drin, was ich für dich getan hab'!"
Ich schlug den Pappdeckel auf. Monat für Monat hatte sie alle Ausgaben für mich aufgelistet. Ich traute meinen Augen nicht. Taschengeld, Ausgaben für Kleidung und Schulsachen, ja, sogar die anteiligen Kosten für Miete, Heizung, Gas, Strom bis hin zum Klopapier hatte sie jahrelang Monat für Monat ausgerechnet und eingetragen bis zum aktuellen Datum.
"Ich hatte nichts gegessen, konnte deshalb nicht kotzen. Aber in meinen Atemwegen saß ein Brechreiz. Ich hatte eine, ihre Antwort bekommen.
"Danke!", brach es aus mir heraus. "Das wollte ich nur wissen." Und ging. Von diesem Tage an wünschte ich ihren Tod. Und ich habe mehr als einmal daran gedacht nachzuhelfen.
Ein Bekannter hatte mir ein Buch empfohlen, in dem von der Austreibung der Eltern die Rede war. Nach ein paar Seiten hatte ich genug, legte es weg, aber der Gedanke ließ mich nicht los. Natürlich musste es Verantwortliche, nein, Schuldige an meinem elenden Dasein geben. "Sie kennen die Lösung", hatte die letzte Therapeutin gesagt, "aber sie wollen sie sich nicht eingestehen."
Ja, ich kannte die Lösung. Aber mit ihrem Tod war mir Mutter wieder einmal zuvorgekommen.
Wir waren vor einem leeren Grab gelandet. Um die Grube häuften sich Sandhügel. Als der Sarg versenkt wurde, wollte Tante Leni hinterherstürzen. Mir war es gleichgültig. Ihr dumpfes Heulen ins Taschentuch ging mir sowieso schon die ganze Zeit auf die Nerven.
Einer der Uniformierten hielt sie fest. Der Redner sagte noch einen Vers auf, in dem "Ruhe in Frieden" vorkam, und dann schmissen Tante Leni und ich eine Handvoll Erde aus einem Ständer in die Grube.
Nach uns waren die Trauergäste dran. Sie verneigten sich vor dem Grab und schüttelten Tante Leni und mir die Hand.
"Ich bin die Hauswartsfrau aus dem Haus ihrer Mutter," sagte die ältere Dame. Die Jüngere entpuppte sich als eine Ärztin aus dem Krankenhaus. Ob die zu jeder Beerdigung ihrer Kundschaft geht? Sehr tapfer sei meine Mutter in ihren letzten Tagen gewesen, wusste sie zu berichten. Und immer wieder habe sie nach mir verlangt, aber "ihre Verwandte", sie meinte Tante Leni, habe mich wohl nicht ausfindig machen können. Hat sie dann ja, aber zu spät. Oder besser: gerade richtig.
Die beiden alten Knaben erwiesen sich als bezahlte Beerdigungsbesucher; der eine vom Verband des Tabakwareneinzelhandels, der andere von der Klassenlotterie. Meine Mutter hatte bis kurz vor ihrem Ende ein kleines Tabakwarengeschäft mit Lotterieannahme. Wenn sie es verkauft hatte, und damit war bei ihrem Verhältnis zum Geld ja auszugehen, wo war dann die Kohle geblieben?
Außer der Hauswartsfrau gingen alle nach dem Kondolieren. Der junge, gutgekleidete Mann war während der ganzen Szene etwas abseits vom Grab stehengeblieben. Er schien an dem vorgegebenen Ritual nicht teilnehmen zu wollen.
Tante Leni schaute ihn erwartungsvoll an, aber er rührte sich nicht von der Stelle und schien mit besonderem Interesse die Inschriften der umstehenden Grabsteine zu lesen.
Ich flüsterte Tante Leni zu, sie solle mit der Hauswartstante in ein Café gehen. Das könnte sie schließlich bezahlen, wenn sie schon die Wohnung erbt.
Ich, behauptete ich, hätte noch mit dem Zahlredner zu reden, obwohl ich das nicht vorhatte, und käme nach.
Die beiden verschwanden. Die Hauswartsfrau sah mich zwar zögernd an, ging aber endlich mit Tante Leni weg. Ich wollte in die andere Richtung, nur nichts wie weg, als mir der junge Mann den Weg versperrte.
"Entschuldigen Sie", sagte er, "Sie sind vermutlich das … äh … einzige Kind der Verstorbenen."
Ich nickte. Er öffnete eine schmale, schwarze Mappe und zog einen dicken Briefumschlag hervor, den er mir überreichte.
"Ihre Mutter hat mich ... äh ... uns beauftragt, Ihnen dies sofort nach Beendigung der Trauerzeremonie zu übergeben.
© by Gerd Hunger
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