wahres

Näherungen an Wahres

      Weil ich mir nichts mehr wünschte, als einmal eine Brust in meinen Händen zu halten, verfestigte sich meine Theorie: Wenn Frauen da "unten" nichts hatten, mussten bei ihnen das Besondere die Brüste sein. Und da sie zwei davon hatten, erschloss sich mir ein unerschöpflicher Reichtum für mein zukünftiges Leben: Millionen Frauen und doppelt so viele Brüste. Mein Kopf war klar und hart in seinem Urteil, und als in ich mein Zimmer zurückkehrte, um ein Gedicht der Trauer für Winnetous Schwester zu schreiben, weil sie armes Wesen ja auch "ohne" dazwischen auf ihren Beinen herumlaufen musste, war ebenso klar und hart noch immer der Hänfling zwischen meinen Beinen.
      Ich war aber auch entrüstet. Zum einen hielt ich meine Schwester für eine Sau, und meine Mutter konnte mit Flittchen wohl nur gemeint haben, dass sie sich nackt auszog. Aber dass sie ihren eigenen, "kleinen" Bruder auch noch zusehen ließ, war der Gipfel der Verworfenheit. Ich stand etwas gestelzt in meinem Zimmer herum, und der Hänfling blieb stur, besser: starr und steif auf seinem Standpunkt beharrend. Die Brüste meiner Schwester oder sonst was hatten ihm etwas angetan.

      Von anderen Jungen hatte ich schon die schrecklichsten Krankheitsgeschichten gehört. Sie seien morgens mit einer milchig-klebrigen Flüssigkeit im Schoß aufgewacht und hätten nur mit Mühe deren Entdeckung durch andere verhindern können. Trotz meines Interesses an dem anderen Teil der Menschheit war mir dergleichen noch nicht passiert – und ich war froh darüber. Bei den anderen häufte sich das jedoch mit der Zeit und sie wussten einige Theorien und Geschichten darüber.
      Einer hatte tatsächlich seine Mutter gefragt, und die erzählte ihm, das wäre ganz normal. Wenn ein Kind in ein bestimmtes Alter käme und langsam erwachsen würde, flösse ihm wie Urin und Kot auch die Kindheit aus dem Leibe. Von da an hätte seine Mutter, erzählte unser Freund, öfter die Bettwäsche gewechselt und auf seinem Nachttisch lägen immer einige Papiertaschentücher.
      Ein anderer sagte etwas von Syphilis. Das habe er von seiner Schwester gehört, und diese Flüssigkeit, das wäre doch klar und vor allem ganz natürlich, sei Syphilis. Wir nickten.
      Ein straßenbekannter Bettnässer behauptete, es sei die Strafe für Ins-Bett-Pissen. Das schlechte Gewissen verwandle die gelbe in eine weißliche Flüssigkeit, die zur Strafe klebte. Aber all das sei nicht schlimm, denn es gäbe eh’ keine Männer ohne schlechtes Gewissen, und Verwandlung der Pisse in diese, ... äh ... ja, hätten alle durchgemacht.
      Wenn es eine Strafe sei, entgegnete ich ihm, selbst bis ins achte Jahr emsiger Bettnässer, müsste der Klebstoff stinken. Ob er stönke, fragte ich in die Runde. Keiner konnte es genau beantworten, aber alle versprachen, beim nächsten Anfall daran zu riechen.
      Bei den folgenden Beratungen erzählten alle, es stänke nicht. Also keine Strafaktion, stellte ich fest. Es war seltsam: Ich war der einzige Nichtbetroffene, aber es herrschte dennoch eine unabgesprochene Einmütigkeit, dass ich die Untersuchung zu leiten hätte. Sie musste wohl daher kommen, dass alle krank waren und ich nicht. Ich war gesund ...

      ... bis zu jenem Abend, wo ich vom Schlüsselloch nachsinnend in mein Zimmer zurück schlich. Ich stand vor meinem Schreibtisch und war noch immer empört, dass meine eigene Schwester meinen Hänfling zu einem nicht niederzuschlagenden Aufstand provoziert hatte. Ich wusste nicht weiter. Zornig stieß ich mit dem kecken Kerl gegen die Schreibtischkante und hatte alles erwartet: dass er abbrechen würde oder ich mich vor Schmerzen krümmend auf dem Boden wälzte, aber es geschah etwas ganz anderes. Gut, es schmerzte kurz, aber dieser leichte Stoß gegen das Holz ließ ein unvergleichlich wohliges Gefühl vom Hänfling aus durch den ganzen Bauch zu Haarspitzen wie Zehnägeln strömen und diesem Gefühl folgend, begann ich etwas sanfter und weniger zornig in rhythmischen Bewegungen gegen die Kante der Tischplatte zu stoßen und schließlich daran zu reiben, wobei ich an Hannelore dachte, die aber jetzt wie Winnetous Schwester hieß und die Brüste meiner Schwester hatte. Das Wohlgefühl ging ungezähmt über in ein Zittern und dann schoss plötzlich etwas Warmes und Feuchtes in meine Unterhose. Ich blieb keuchend und voller Lust und Schrecken zugleich stehen.
      Freunde, sagte ich am nächsten Tag im Kreis der Meinen, es tut mir leid, ihr habt mich angesteckt: Seit gestern bin ich auch krank! Meine nasse Unterhose hatte ich zusammengeknüllt in die unterste Ecke unseres Wäschekorbs gesteckt. Aber ich wusste nun endlich Bescheid.
      Die Flüssigkeit, erklärte ich meinen Leidensgenossen, kommt von Verletzungen durch Stöße. Ich sei gegen die Ecke meines Schreibtischs gelaufen und da wäre es geschehen. Von meinen weiteren Bemühungen, das erste erstaunliche Gefühl zu fördern und zu erhalten, sagte ich nichts. Aber mein empirischer Beweis, bei wachem Bewusstsein erbracht, zog. Sofort erinnerten sich alle, sich irgendwann einmal gestoßen zu haben. Der treue Freund, der gerade noch geglaubt hatte, ihm flösse die Kindheit weg, erinnerte sich, beim Fußball vor drei Jahren den Ball gegen den Pimmel bekommen zu haben. Der Bettnässer zog seinen Zeh als Beispiel heran, den er sich nachts einmal am Holz der Bettumrandung geprellt habe; das könnte doch ebenso leicht mit anderen Körperteilen geschehen. Und der Vertreter der Syphilis-These meinte, klar, es wäre so was wie Blut. Seine Mutter hätte ihm neulich erst erzählt, dass Frauen da "unten" manchmal bluteten, und das wäre bei ihnen oft der Fall. Sozusagen die Regel, flocht ein Weiterer ein. Wir seien eben jetzt auch in so einer Periode unseres Lebens, meinte ich, und es gebe Tage, da erfahre man mehr als in vielen Jahren. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen sei eben, dass Frauen zwischen den Beinen bluten und Männer kleben. Punktum. Mit dieser Feststellung beendeten wir unseren medizinisch-psychologisch-sozialen Diskurs.

      Nach meiner Erkrankung oder Verletzung ging ich erwachsener zur Schule. Ich hatte beschlossen, dieser unwürdige Vorgang der Mannwerdung sei in Zukunft insgesamt männlicher zu handhaben. Schließlich konnte ich nicht bis ans Ende meiner Tage meine Schwester beim Baden beobachten und gegen Schreibtische bumsen. Ich entschied, jetzt müsse eine richtige Frau her, die eine Brust, ach was, zwei habe.
      In meiner Klasse war die Hölle los. Als ich vom Flur her den Lärm hörte, wurde mir gleich wieder unmännlich zumute. Angst geht seltsame Wege und ich bildete mir doch tatsächlich ein, die ganz Klasse wisse von mir, meiner Schwester, dem Schreibtisch und meinem unsittlichen Umgang mit ihnen.
      In einer Ecke des Klassenzimmers saßen und standen alle Mädchen in einem Pulk um Christa herum; in der diagonal entgegen gesetzten Ecke verharrten ratlos und deshalb albernd und witzelnd die Jungen. Christa heulte und keiner wusste, warum. Das heißt: wir Jungen wussten es nicht, aber nichts anderes habe ich ja auch geschrieben.
      Frau Dr. Quarz, die Französischlehrerin, kam und begann ihre Stunde. Ab und zu schluchzte Christa Furcht erregend auf, und den Rest der Zeit verbrachte sie damit, ihr Taschentuch voll zu rotzen und mit verquollenen Augen abwesend aus dem Fenster zu sehen.
      Dr. Quarz war eine zynische, alte Kuh, und wenn ich dasselbe wie Christa gemacht hätte, wäre ich achtkantig aus der Klasse geflogen. Aber sie wurde nur gefragt, was sie denn habe, ob ihr was fehle und ob sie vielleicht nach Hause gebracht werden wolle. Stockend antwortete die, nein, sie habe nichts, ihr fehle, Schluchzen, auch nichts und nach Hause wolle sie erst recht nicht. Schluchzen.
      Christa war keine Schönheit, aber um bei der historischen Wahrheit zu bleiben: Sie hatte aufregende Brüste. Also schaute ich besorgt auf ihre Bluse, die sich zwischen den Knöpfen rhythmisch zu ihren seelischen Erschütterungen öffnete und schloss, und ebenso besorgt fragte ich mich, ob sie einen BH trage. Sie trug. Offensichtlich. Leider.

      Aber ich war längst aus meiner Zeit herausgetreten und trat mit den Stiefeln die Asche und verkohlten Holzreste des Lagerfeuers nieder. Ich hatte einen harten Ritt vor mir, aber noch härter kam es mir an, dass hinter einem nahen Felsen das leise Weinen einer Frau zu hören war, die auf meinen Trost wartete. In meinem Alter ahnte ich noch nicht, was so was nach sich ziehen kann. In der Pause, beschloss wiederum ich, würde ich auf Christa zugehen, sie in die Arme nehmen und mit einem lässigen Griff in ihre Bluse ihre Brüste trösten.
      Rechtzeitig fiel mir aber ein, dass Christa mindestens einen halben Kopf größer als ich war. Mein Film riss abrupt. Sollte die Ziege doch heulen, bis ihr die Augen austrocknen! Nichts ist unmöglich – außer einem kleineren Jungen neben einem größeren Mädchen.
      In der Pause wiederholte sich die Szenerie, und langsam wurde ich doch neugierig, was sich dahinter verbarg. Wir mussten auf den Hof, Christa durfte in der Klasse bleiben, und Monika war immer gut genug, etwas aus dem Amazonen-Lager zu berichten. Also steuerte ich auf sie zu und brauchte gar nichts zu fragen. Monika platzte fast vor Erzähllust.
      "Dieses Schwein!", sagte sie zuerst nur, und mir war sofort klar, dass es um eine Liebesgeschichte ging.
      Ich fragte: "Wer?"
      "Jochen", sagte Monika knapp.
      Das war ein blonder Schönling aus der achten Klasse. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz in der Anstalt, wonach sich Mädchen nur in Jungs aus höheren Klassen zu verlieben hatten. Deswegen wartete ich mittlerweile auf meine Versetzung und die neuen siebenten Klassen, genauer: auf ihre Mädchen. In Jochen verliebten sich viele, das war bekannt, und bekannt war auch, dass er es ausnutzte, sozusagen schamlos.
      "Ach so", sagte ich wissend, obwohl ich völlig ahnungslos war. Als ich aber merkte, dass diese Anmerkung Monikas Lust zum Weitererzählen sichtlich verringerte, fragte ich hastig nach:
      "Was hatter denn gemacht?"
      "Na ja, er hat gesagt, er liebt sie."
      "Und warum heultse dann?"
      "Hmmm!".
      Monika schien sich unschlüssig, ob sie mir das erzählen sollte, und wenn ja, mit welchen Worten.
      "Also", begann sie zögernd, "er war gestern mit ihr im Preußenpark, und da hamse eben rumgeknutscht und so. Und dann hatter ihr in die Bluse gefasst."
      Ich war sofort voll da, aber Monika stockte. Deswegen sagte ich beiläufig und erwachsen:
      "Na und, deswegen würde ich noch nich heulen."
      "Monika sah mich etwas seltsam an.
      "Aber er wollte ihr‘n BH aufmachen, und Christa wollte nicht, wegen der Leute und so. Hmmm."
      Pause.
      "Und da hatter ihr ... hmmmm ... blitzschnell untern Rock gefasst."
      Sie schien froh und sicher zugleich über den letzten Satz.
      "Aber das wollte sie erst recht nicht."
      Pause.
      "Jedenfalls nicht so schnell ... denk ich."
      "Aber deswegen brauchtse doch nicht zu heulen."
      Ich versuchte, ein wenig väterlich zu klingen, obwohl ich mich vor Aufregung fast verschluckte.
      "Na ja, das ist ja nicht alles. Heute morgen hat der Schuft dann zu ihr gesagt, sie liebt ihn ja wohl doch nicht richtig, und er kennt so viele, mit denen er viel mehr machen könnte und auch schon gemacht hat. Liebend gern."
      Das klang verdächtig, weil Monika mit ihren Augen den Schulhof absuchte.
      "Er würde sich doch mit niemanden rumärgern, der so zickig wäre, und Christa solle erst mal erwachsen werden. Und wennses is und weiß, wasse will, kannse ja noch mal klopfen."
      "Klopfen?", fragte ich zur Sicherheit nach.
      "Hmmm. Und nu’ heultse eben."
      Wir waren beide etwas rot im Gesicht, als wir auseinander gingen, aber ich dachte mir nichts dabei.


© by Gerd Hunger

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