
Ignaz Xaver Sturm
Ignaz Xaver Sturm war glücklich, obwohl das gar nicht möglich ist. Denn seit er im zarten Alter von drei Jahren das erste Mal "Ich" gedacht und gefühlt hatte, wusste er, dass es ihn auf die Seite der Unglücklichen unter den Menschen geschlagen hatte. Später, als er mehr als "Ich" denken konnte, mithilfe seines Kopfes die widerwärtigen und abstrus erlebten Gefühle besiegt zu haben glaubte und auf Erfahrungen verweisen konnte, wusste er, dass man auf der Sonnenseite des Lebens zur Welt oder eben nicht kommen konnte, das diese Vorentscheidung aber nicht mehr revidierbar sei. Also hatte er Glück aus der Liste seiner Lebensziele gestrichen und war umso glücklicher, wenn er einmal glücklich war.
Noch später, als er sich geeignete Worte für sein Leben selbst suchen und finden konnte, sprach er von seiner Basis-Trauer oder auch von einer unglücklichen Software in einer an sich glücksfähigen Hardware, schalt diesen Gedanken aber sofort unsinnig, weil sich Soft- und Hardware derart nicht bedingten - und in dieser Beziehung war Ignaz Xaver sehr genau - nicht ohne Grund.
Um sich seine Schelte zu vergegenwärtigen, hieb er sich dann immer mit der einen Hand auf die andere, wo er sich auch gerade befand und ohne Rücksicht auf die Umstehenden zu nehmen, die erstaunt auf den sich selbst Prügelnden reagierten.
Aber seine Basis-Trauer hatte letztlich einen höheren Stellenwert als logische Überlegungen. Wann immer er die kaum stillbare Sehnsucht nach dem Freitod verspürte, formulierte er es so: "Es wird Zeit, den Stecker rauszuziehen!"
Aber ebenso logisch verwarf er diese Gedanken mit dem Motto, das er sich im Laufe seiner Ausbildung angeeignet hatte und das ihm in's Blut übergegangen war: "Solange noch Strom da ist, gibt es keinen Grund, eine Maschine abzustellen.
Obwohl seine Vornamen es nahe legen, war Ignaz Xaver kein Bajuware. Er hatte es auch keiner sonderlichen Zuneigung seiner Eltern für das Brauchtum dieses Volksstammes zu verdanken, eher im Gegenteil, sondern dem unglückseligen Ausgang einer Wette.
Seine Eltern, Stine und Jens Uwe Sturm aus dem kleinen ostholsteinischen Drei-Höfe-Ort Luschendorf, hatten sich während Stines Schwangerschaft mit Bekannten und Freunden aus der Nachbarschaft an einem schnapsklaren und herbbiergelben Abend derart auf einen männlichen Nachkömmling versteift, bis Jens Uwe auf die Sticheleien der anderen schließlich aufgebracht ausrief: "Min Jong würd'n Jong unn' wenn'ä Ignaz Xaver heeten soll."
Obwohl Jens Uwe schon einige Lütte in sich hatte und seine Frau Stine ihn unter ständiger, gottanrufender Beschwörung auf die Leibesfrucht von dem Verhängnis abzubringen suchte, dem gewünschten Sohn als faule Eier ausgerechnet gebräuchliche Vornamen jenes entlegenen und verkommenen Volksstammes in's Nest zu legen, der nicht einmal der plattdeutschen Sprache fähig war, bot Jens Uwe schließlich dröhnend an, Haus, Hof und Besitz abzugeben, wenn sich im dicken Bauch Stines kein "Jong" befände.
Einer der Nachbarn, der nun gar nicht mehr wusste, worum es bei Streit und Wette eigentlich ging, bot wiederum sein Haus, den Hof und Besitz an, wenn es ein Mädchen würde. Jens Uwe verstand zwar den Sinn dieser Gegenwette überhaupt nicht, sagte dann aber zu, der Kerl werde Ignaz Xaver heißen, selbst wenn er ein Weib sei. Nach einer weiteren Flasche Köm und einem schmerzhaften Händedruck gingen die Männer auseinander und Stine weinte in dieser Nacht kummervoll in ihr gestärktes Kopfkissen, was auf das werdende Kind sicher nicht ohne Folgen blieb, während Jens Uwe in seinem Rausch kräftig schnarchte, bis Stine mit Zeige- und Mittelfinger einen schrillen Pfiff ausstieß und schließlich selbst einschlief.
Weil Jens Uwe und der Nachbar nächstentags nicht mehr wussten, was sie denn eigentlich gewettet hatten, sich aber erinnerten, dass es um alles ging, stritten sie sich cirka zwei Stunden, bis Jens Uwe bekräftigte: Das Kind werde Ignaz Xaver heißen!
Stine Sturm verweigerte ihrem Gatten fortan den ehelichen Beischlaf, worauf der sich der Trunksucht völlig ergab. Ignaz Xaver blieb somit ihr einziges Kind, aber mit dieser Schande sollten sie nicht zur Ruhe kommen.
Der Standesbeamte behauptete steif und fest, derartige Buchstabenfolgen seien gar kein Name und schlug Hugobald vor. Schließlich, wegen Jens Uwes Widerstand, verweigerte er die Eintragung in's Register. Auch der heimische Pastor wollte an derartigem Teufelswerk keinen Anteil haben und floh vor der anberaumten Taufe mit dem Kirchenschlüssel für drei Tage in einen der Nachbarorte. Dabei schlug er drei Kreuze, bis ihm gewahr wurde, dass er der Konfession, in der das üblich ist, gar nicht angehörte.
Stine, die Hoffnung geschöpft hatte, ihr Mann werde von seinem Plan ablassen, bot sich Jens Uwe noch vor der Kirche unzeit- und unortgemäß gar für die kommende Nacht an, der aber packte das Kind, verkleidete sich zum katholischen Pilger und ließ es in Regensburg auf die bewussten Namen taufen.
Zwar mussten die Eltern bei der Einschulung der Schulbehörde mit dem Gutachten eines bekannten Namensforschers nachweisen, dass Ignaz und Xaver durchaus deutsche, wenn auch in Norddeutschland ungewöhnliche Namen seien, aber das Kind durchlief eine Hölle von Kindheit und Jugend als stilles, sich immer mehr zurückziehendes Kind.
Er weigerte sich, mit seinen Eltern mehr als das Nötigste zu reden, und schon sehr früh in seinem Leben machte er ihnen klar, dass er Haus und Hof nie übernehmen werde. Aber denen war das zu diesem Zeitpunkt längst gleichgültig. Jens Uwe hatte zwar, um Haus und Hof zu behalten, die Wette eingelöst, aber wegen seiner Trunksucht und der Konsequenz Stines verloren sie beides im siebten Lebensjahr Ignaz Xavers endgültig - an den Wettnachbarn.
Kurz darauf verstarb die Mutter an Leberversagen, und der Vater folgte ihr aus Herzeleid - oder umgekehrt. Ignaz Xaver wuchs bei einem Onkel in Lübeck auf, hieß fortan nur noch "Neffe" und widmete sich den klar erkennbaren Lebensgesetzen von Mathematik und Physik. Später zog es ihn in größere Städte und auf immer höhere Schulen, bis er mit ausgezeichnetem Zeugnis die Universität einer bayrischen Stadt als Computerfachmann, Informatiker und praktischer Mathematiker verließ.
Aber das programmierte Unglück verließ ihn nicht. Er nannte sich zwar nur noch I.X. Sturm und wegen seiner Berufswahl war er sogar kurze Zeit bereit, seine Vornamen - zumindest abgekürzt - gut gewählt zu finden, aber an keinem Arbeitsplatz hielt er es länger als sechs Monate aus bzw. hielten es seine Arbeitgeber mit ihm aus, weil er die Probezeiten trotz seiner ausgezeichneten Referenzen nie überstand. Er beherrschte die kompliziertesten Rechenoperationen, kein Computersystem und keine Programmiersprache waren ihm fremd und seine selbstgeschriebenen Programme hätten zu den besten seines Fach gehört, wenn, ja wenn sich I.X. nicht geweigert hätte, die Taste "Enter" zu drücken, also jedes Programm "abstürzte". Zur Rede gestellt zuckte er immer nur mit den Achseln, und nur zu sich selbst sagte er dabei manchmal: "Ich werde keine vollendeten Tatsachen schaffen!".
Es kam schließlich soweit, dass die wichtigsten Arbeitgeber seiner Branche vor I.X.S. gewarnt waren und seine Kürzel ihm als böses Stigma vorangingen.
An diesem Morgen war Ignaz Xaver glücklich, weil es gelungen war, beim "Städtischen Referat für kulturelle und wissenschaftliche Aufgaben" in Freistadt eine neue Aufgabe zu finden. Bis hierhin war sein schlechter Ruf noch nicht gedrungen, weil Freistadt sich für den Nabel der Welt hielt und sich einen Dreck darum kümmerte, was an Kopf, Brust, Beinen und Füßen der Welt vorging. Und die bisherigen Arbeitgeber Ignaz Xavers hatten zwar aus Gründen der Industriespionage ein Interesse daran, dass so ein Flaumann nicht bei der Konkurrenz unterkommt, aber es interessierte sie einen feuchten Kehricht, was er im öffentlichen Dienst anrichten könnte.
Also war auch die Behörde glücklich, einen weiteren ausgezeichneten Fachmann in ihre Reihen zu bekommen, denn im "Referat" waren alle von sich der Meinung, ausgezeichnete Fachleute und unter den Behörden die Behörde an sich zu sein.
Flugzeuge benutzte Sturm nie, seit in deren Cockpits computergesteuerte Sicherheitssysteme benutzt wurden, ein Auto hatte er nie besessen und deshalb saß er im Zug, der ihn nach Freistadt bringen sollte und jetzt am letzten Kontrollpunkt der "Republik" hielt.
Sein Glück war zwar etwas getrübt, weil ihn ein Grenzpolizist freundlich, aber in einem grauenhaften Dialekt gefragt hatte, ob er wohl Bayer sei. Aber weil seine Gedanken ständig um die neue Herausforderung kreisten, verschwand dieses Ärgernis schnell wieder aus seinem Bewusstsein. Auch für diesen Vorgang hatte sich Ignaz Xaver eigene, quasi fachliche zurechtgelegt, die es ihm erleichtern sollten, seine chaotische Gefühlswelt mithilfe der wissenschaftlichen Terminologie zumindest in sprachliche Ordnung zu bringen. Also hatte er das Ärgernis vorerst "in seinem Arbeitsspeicher abgelegt" bzw. in den "Transzustand" verlagert bzw. in einem "versteckten Programm gespeichert", wo es entweder für immer verschwand oder bei Bedarf wieder hervorgeholt werden konnte.
Seine neue Stellung schien ihm trotz der vielen vorhergehenden Enttäuschungen verheißungsvoll. Aus dem öffentlichen Dienst konnte niemand, der einmal eingestellt worden war, so leicht wieder gekündigt werden und außerdem boten kulturelle Aufgaben - selbst wenn sie in Programme gefasst werden sollten - nicht die Klippen und Hindernisse auf, die er bei seiner bisherigen Arbeit verspürt hatte. Da ging es manchmal gar um Menschenleben, und darin war Ignaz Xaver mit der Zeit sehr empfindlich geworden.
Als völlig amusischer Mensch stellte er sich Kultur als etwas vor, das eher mit Spielplätzen und Vergnügungsparks denn mit weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu tun hatte. Und falls das sich als nicht so erweisen sollte, wollte er zumindest, und das notfalls unter Bruch seiner Prinzipien, die Probezeit überstehen, denn schließlich war er mittlerweile in ein Alter gekommen, in dem er sich nach einem Platz zum Verweilen sehnte. Dazu gehörte aber ein menschenwürdiges Einkommen, und das war ihm in sicherer Staatsstellung nach der Probezeit gewiss.
Skrupel kannte er nicht, denn für ihn zählte nur, was er zählen konnte. Und mit dieser Gewissheit lehnte er sich auf der Bank seines Abteils zurück und blätterte fröhlich in seiner Fachzeitschrift, als der Zug wieder anruckte und den Hauptbahnhof Freistadts ansteuerte.
Zur gleichen Zeit saß in einem anderen Zug der Freiherr Ludwig vom Pfuhl auf seinem Weg nach Freistadt. Er war nervös. Nur unter größten Bedenken hatte er sich entschlossen, sein angesehenes und gut dotiertes Amt in einer südlichen Bischofsstadt aufzugeben, um "Stellvertretender Referent" beim Kulturreferat in Freistadt zu werden. Seine Familie war noch zurückgeblieben, bis der bisherige Hausstand aufgelöst war, und dann konnte das Flugzeug wegen Nebels nicht starten. Nachdem auch die beiden nachfolgenden Maschinen ausgefallen waren, musste er zwangsläufig mit dem Zug fahren, wollte er nicht riskieren, anderntags bei der Verleihung der Ernennungsurkunde zu fehlen. Also hatte er nach Freistadt telegraphiert ...
© by Gerd Hunger
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