Schloss

Weglaufen

      Ich lese im Titel immer wieder Wegsaufen. Jede Zeile, die ich mühsam aus der Erinnerung hervorkrame wie die gesuchte Ausgabe einer Zeitschrift aus vielen verstaubten Stapeln, verführt mich, sie sofort ungeschehen zu machen.
       Warum krame ich in diesen längst vergangenen, so unerheblich wirkenden Ereignissen meiner Kindheit herum, stehe vor ihnen fassungslos und frage mich, ob sie mir oder irgendeinem fremden Kind geschahen, dem ich nur zuschaute? Ich könnte leichter leben, würden sich lügenhaft aus den Ohrfeigen und Demütigungen aufregende Filmbesuche oder kleine Geschenke machen lassen. Statt als Mensch ohne Vergangenheit laufe ich unter den Menschen mit einer herum, die ich bisher verschwieg und die mich zu einer wandelnden Zeitbombe macht. Wann und gegen welchen Unschuldigen wird das hervorbrechen, nicht mehr kenntlich als meine Geschichte, aber auch Geschichte der Deutschen.
       Ich sehe diesen Widerhaken in der Vergangenheit, an dem mein Hals, durch einen Strick verbunden, hängt und der sich dort verkantet hat. Ich kann ziehen und zerren, nach vorn drängen, komme nicht los, wenn ich nicht zurückgehe und mich befreie. Ich kann nicht weglaufen, worin ich Übung habe; ich hänge fest.
       Weglaufen, fliehen ist keine Bewegung, sondern Erstarrung. Es entsteht aus Unlust an der Zukunft, ist Verlust der Neugierde. Aber wer ist nach dauernder Demütigung noch neugierig, wenn sich in ihm die Gewissheit ausgebreitet hat, die nächste, die kommt, überlebe ich nicht mehr. Das Wissen, dass es dennoch immer weitergeht, wenn nicht der Tod alles beendet, kommt dagegen selten an. Bei einem Kind kaum.

       Meine Eltern waren aus der DDR weggelaufen, ließen meine Schwester und mich bei Großmutter, Onkel Albert und Tante Edith zurück. Die Flucht des Vaters traf uns schwer. Als Mutter ihm folgte, war uns das gleichgültig. Vater hatte sich als Liberaldemokrat für oder gegen Ungarn, wie hätte ich das begreifen können, 1956 mit der SED angelegt. Meine Mutter lief ihm einige Zeit später nach, weil sie sich im "Goldenen Westen" einen goldenen Arsch zulegen wollte. Sie entfloh der bedrückenden Enge Annabergs, der sozialistischen Kleinstadt am Berghang, die für sie Ausdruck der Spießigkeit und Armut war, um sich fortan jenseits der deutsch-deutschen Grenze von ihrer unstillbaren Sucht nach Geld und Macht über andere einengen und verspießern zu lassen. Mein Vater verlor seine Heimat und soff nun noch mehr als vorher.
       Uns Kindern ersparten sie für einige Zeit mit ihrem Weglaufen das unsere: meiner Schwester vor den ungezügelten Prügeleien der Mutter mit Kochlöffeln, Regenschirmen und Gürteln, von denen mein Vater nie etwas erfahren sollte, aber doch davon wusste. Noch heute träume ich davon, wie sich meine vielarmige Mutter über das am Boden liegende Kind hermacht, das längst nicht mehr weinen und schreien kann, eher ergeben wimmert, die Mutter aber nicht aufhört zu prügeln, bis es ihr endlich selber an Kraft gebricht.
       Ich war froh, dass ich nicht mehr wegzulaufen brauchte vor den Tränen meiner Schwester, die ich beileibe nicht liebte, sondern mit der grauenhaften Brutalität meiner Kinderseele nur bemitleidete, weil ich ihr ja nicht zu helfen können glaubte.
       Hineingeprügelt in meine Schwester sollte das Dienstmädchen werden, das meiner Mutter seit ihrem Weggang aus dem elterlichen "Herrscherhause" so sehr fehlte. Und lieben konnte ich sie nicht, weil mir in ihr als Folge der Prügel eine weitere Wärterin erwachsen war, die es selbst nicht an bigotter Strenge mangeln ließ.
       Die Prügelorgien meiner Mutter machten mich trostlos, das heißt, ich war nicht einmal fähig, meine Schwester in ihrer Not zu trösten. Zum Einen, weil ich ganz froh war, dass sie und nicht ich die Prügel bekam und jede Solidarisierung mit der Schwächeren mich ja zum Komplizen gemacht hätte. Ich hielt ja, dass meine Mutter mich nicht schlug, für Liebe. Zum Anderen wirkte sich meine Erziehung zum deutschen Manne aus, der immer lieber auf Seiten der Sieger stehen wollte, egal, was immer das für miese Würstchen waren. Vater, zum Beispiel, der vom Großvater gebrochen, immer noch Stärke spielte, über die er nie verfügte. Weinende Menschen machten mich auch später ratlos. Was ist das, dieses Weinen? Wo setzt man an bei ihm? Beim Schritt natürlich, dem ersten, der das Weglaufen einläutet und verhindert, dass etwa zu trösten wäre.
       Ich habe Weinen als letzte Station der Hilflosigkeit gelernt, die nur Ohnmacht erzeugt. Sehe ich jemanden weinen, werde ich ängstlich, hilflos, meine Nerven und Muskeln zucken, spannen sich an. Ich will loslaufen oder zuschlagen und renne doch schließlich weg in dieselbe Angst und Hilflosigkeit.

       Das gelobte Land war fortan die Wohnküche bei Großmutter, Tante und Onkel. Meine Schwester, zu einem braven, demütigen Kind längst hingerichtet, kam in den Himmel. Als Junge hatte ich einen Rest Narrenfreiheit, solange ich nicht gegen die ehernen Gesetze der Regimentsdisziplin der Großmutter verstieß.
       Sie war eine frömmelnde, altmodische Frau, die nach dem Tod ihres Mannes die Gesamtaufsicht über die ganze Sippe ergriff, wogegen keiner sich aufzulehnen wagte. Altmodisch war sie vor allem in dem, was Kinderliebe für sie war. Sie schlug selten, war oft gerecht bis zur solidarischen Lüge, das hieß, sie log für uns Kinder gegen alle, die uns in ihren Augen mit unsinnigen Strafen bedrohten, ließ aber selbst drakonisch Verstöße gegen ihre Normen nicht zu. Beim Kartenspiel steigerte sie sich selbst uns gegenüber in einen Rausch, schummelte, kämpfte, bis sie, aus Angst zu verlieren, ihre Karten hinwarf, raus lief und schmollte. Sie schmollte immer, wenn die Kompottgläser, die im Flur in einem grob gezimmerten Regal standen, von ihr neu sortiert wurden. Als Möglichkeiten hatte sie die alphabetische Ordnung, bei der Äpfel vor den Birnen kamen, aber auch die Trennung von Baum- und Strauchfrüchten; letztlich sortierte sie nach Größen der Früchte, dann wieder der Einmachgläser.
       Gegen unsere launische Mutter erschien sie uns wie ein Engel voller Güte und Nachsicht, aber, wie gesagt, das war relativ. Selbst in ihrer Weichheit und Freundlichkeit übertrug sie Denk- und Handlungsverbote, ja -tabus. Meine Schwester, der jegliche Lust ausgetrieben worden war, Grenzen auszuprobieren, versank völlig in ihrer Liebe. Ich drohte mehrfach zu platzen, weil mich die Gefahr, die Zuneigung der Sippenchefin zu verlieren, in meinem Bewegungs- und Versuchsdrang schier erdrückte.
       Weglaufen schien da anfangs undenkbar. Die salomonische Gerechtigkeit der Großmutter traf mich öfter, weil meine Schwester natürlich nicht mehr in der Lage war, etwas anzustellen, weshalb alles, was angestellt wurde, natürlich von mir ausging und zu mir zurückführte. Weil es nicht anders war, begann ich mit Übungen in der Kunst der Lüge. Gegen die verdorrte Bravheit meiner Schwester kam ich nicht an; sie für meine Taten zu beschuldigen, ging mir, ich weiß auch nicht, warum, gegen den Strich. Wahrscheinlich war ich zu Recht der Ansicht, sie hätte ihre Prügel für den Rest ihres Lebens bekommen, aber nun für den Rest meines Lebens der Sündenbock meiner Taten zu sein, kam mir auch nicht in den Sinn.
       Meine ersten Lügen waren unglaublich, das heißt, sie waren zu plump und ungeschickt und deshalb unglaubwürdig. Die Lüge findet ihr Wesen nur dann, wenn sie wie Wahrheit aussieht, und niemand lernt das Kopfwerk des Lügens, wenn er nicht beständig übt. Aber eine Ausbildung in der Praxis verlangt die Probe mit anderen, die natürlich die ständige Gefahr birgt, schnell als professioneller Lügner erkannt zu werden. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er selbst die Wahrheit spricht. Scheiße.
       Der Einfachheit halber dehnte ich vorerst mein Lügenwerk auf Kameraden und Kumpanen aus, von denen mir gleichgültig war, ob sie für einen Lügner hielten. Taten sie, kriegten sie was aufs Maul, bis sie wieder gläubig wurden. Ich log bald nicht nur aus Angst vor Strafe oder zur Erlangung ungerechtfertigter Vorteile, sondern bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das Misstrauen meiner Umgebung stellte sich zwar folgerichtig bald ein, wenn ich etwas ableugnete, aber kaum, wenn ich etwas erlog.
       So schickte ich meine Schwester, die mit Geld bereits umgehen durfte, mit der geschickten Lüge, in der "HO" gebe es Bananen, zum Einkaufen. Geschickt war diese Lüge, weil über der Wahrscheinlichkeit, dass es Bananen wirklich gibt, die sehr größere Hoffnung darauf bestand. Und stellte sich das Gerücht als falsch heraus, galt nicht der Bote der falschen Nachricht als schuldig, sondern der miese Staat, der uns die Bananen vorenthielt, weil er sie wahrscheinlich selber fraß.
       Südfrüchte jeglicher Art gab es nämlich kaum im kleineren deutschen Staat, und ihre Ankunft verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer zum Erstaunen der "HO"-Verkäuferinnen und zur Empörung der lang wartenden, zahlreich erschienenen Kundschaft. Dabei hatte ich nur meine Schwester ärgern wollen, die von fünf bis acht Uhr morgens mit den vielen anderen vor dem Laden wartete.
       Aus meinem Lügen lernte ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung - und das Weglaufen! Wo die Wirklichkeit bedrohlich oder auch nur unangenehm oder unübersichtlich wurde, log ich sie um. Ich schulte mein Gedächtnis in meiner Lügenwelt. Schon nach kurzer Zeit konnte ich auf Basislügen aufbauen, Lüge mit anderer Lüge untermauern, log auch, auf eine längst vergangene Lüge anschließend, die Fortsetzung nahtlos an. Vor meinen Lügen war keiner mehr sicher, nur ich wurde immer sicherer.
       Die Wahrheit war mir bald abhanden gekommen. Sie schien mir nicht nur Zumutung, sondern zunehmend belanglos und langweilig. Ich saß in meinem Lügenhaus, schaute dort zum Fenster raus und rief: "Alles Lüge!"

       Mein Weglaufen in die Lüge war eine Art Befreiung, aber drängte mich in meine Einsamkeit zurück. Zwar habe ich auch manchmal mit anderen gelogen, aber das ließ ich als unnütze Fingerübungen bald sein. Wie kam ich dazu, in Lügen anderer mitzulügen, wenn ich das viel besser konnte, meine Lügen immer wahrer waren als die meiner Altersgenossen. Nur in mir waltete so etwas wie die Gesamtlüge. Sie war mein Stolz, mein Schutzschild, an dem nicht gekratzt, also auch nicht teilgenommen werden durfte.
       Aber mit der Zeit reichte die Lüge als eine Form des Weglaufens nicht mehr aus. Verwandte hatten uns ein Paket aus dem Westen geschickt, aus dem ich den Inhalt einer ganzen Packung Pralinen in einem Zug runterfraß, was schon eine erstaunliche physiologische Leistung war und mich auch zum ersten Mal mit der beruhigenden Wirkung von Alkohol auf ungute Erinnerungen vertraut machte. Die Weinbrandbohnen ließen jegliches schlechtes Gewissen sofort verstummen.
       Aber bei der strikten Süßwarenrationierung meiner Großmutter, die in der Regel etwas geraspelte Schokolade einmal in der Woche zwischen zwei dicken Butterstullen bedeutete, war meine Tat eigentlich allgemein verständlich. Diese Schachtel Pralinen erschien mir als mein persönliches Eigentum. Natürlich kann es sein, dass ich den "Fall" etwas zurechtlüge, vielleicht das Aufteilen vergesse und den Anteil meiner Schwester übersah, aber wenn auch: sie gehörten mir als jemandem, der essen wollte, und etwas, was gegessen werden wollte. Zumal das spießige Besitzrecht, wie es "im Westen" galt, in der DDR außer Kraft war, was ich aber so noch nicht formulieren konnte und in unserer Familie auch keine besondere Aufnahmebereitschaft für derart ideologische Verbrämung der Fresssucht vorhanden war. Erziehung heißt und hieß, alles Wilde und Grenzenlose zu bändigen. Alles habe seine Grenze, hieß es, nur das Vaterland im Kriege nicht. Und auch mein Vater hatte, wenn er soff, keinen Überlaufregulierer.
       Ein Kind, das sich überfrisst, kriegt's mit dem Magen. Darauf aber konnte ich mich gar nicht konzentrieren, das heißt auch, man schnitt mir diese Erfahrung ab, indem ein unglaubliches Affentheater um die paar Pralinen nach der Entdeckung meiner Tat aufgeführt wurde, bei dem es natürlich nicht um mein Wohlergehen oder das meines Magens ging, sondern um Prinzipien, die in meinem Verhältnis zu den Pralinen überhaupt nicht vorkamen. Ich musste, aller Lügen um den Verbleib der verbotenen Süßigkeiten zum Trotz, vorm Abendbrot ins Bett, aber Hunger hatte ich sowieso nicht. Am Fußende dieses Bettes standen Großmutter und Tante im heiligen Zorn über meine Maßlosigkeit entbrannt, aber anstatt zuzugeben, dass auch sie nur allzu gern die ganze Ration weggeputzt hätten, predigten sie Verzicht, Bescheidenheit und wetterten gegen mein vermeintliche Habgier, die ich bei so vielen Gelegenheiten von ihnen gelernt hatte. "Das Sticke do gehört oaber nu mir!"
       Ich sann auf Rache. Und weil einem die Hand aus dem Grabe wächst, wenn man sie gegen die Großmutter erhebt und, gegen den Onkel, der in der Küche saß, keine Hand stark genug war, versprach ich mir in meine heimlichen Tränen hinein und grimmig, diese Schmach nie zu vergessen. Bei diesem Gedanken wurde ich ruhig, großartig und müde. Und dass es hier steht, beweist, wie ernst es mir damals war.
       Nur eins beschloss ich noch vorm Schlafe: auf die Lüge eins draufzusetzen: meine Abreise!

       Weglaufen hat mehrere Voraussetzungen. Es ist nicht etwa zu verwechseln mit dem billigen, schnöden und feigen Wegrennen vor einer Ohrfeige oder dem beabsichtigten Wegfedern der Hüften bei Schlägen auf den Kinderarsch. Es ist auch nicht das Verstecken, wenn der Vater zum Abendbrot pfeift oder Mutter und Schwester gepetzt haben, dass ich nämlich die blöden Glasperlen meiner dämlichen Schwester in verständlicher Wut auf den Boden geschmissen und darauf solange herumgetobt hätte, bis sie nur noch feiner Sand waren.
       Nein, Weglaufen ist ein Ritual, ein Akt der Verzweiflung, und Verzweiflung ist das Kriterium, das Wegrennen vom Weglaufen trennt. Ich war nämlich ein mutiges Kind, das einen Arschvoll oder den Zahnarzt nicht fürchtete, aber unter Verletzung seiner Würde in einen fast religiösen Eifer geriet, der vom Gebet barocken Ausmaßes bis zum endgültigen Hungerstreik ... nein, nicht ging ..., sondern geplant wurde.
       Die dumme Mär von der schönen Kinderzeit vergisst, dass das Kind vor allem das Schreckliche und Widerwärtige zu schnell vergisst. Die Verzweiflung eines Kindes aber ist so absolut wie vergessbar, weil es darauf nicht mit dem Verstand relativierend einwirken kann. Keine Stimme im Hintergrund sagt ihm, die Mutter werde mit der Prügelei schon wieder aufhören, der Vater wieder mit ihm reden und nicht nur schnauzen. Das Kind kann sich ja die Eltern nicht wegdenken, ohne sich selbst wegzudenken. Paradoxerweise fiel mir immer nur Weglaufen ein, wenn sich meine Eltern oder Erzieher sowieso von mir abwandten. Das beginnt mit der Drohung, ausgesprochen oder nicht: Wenn ihr mich nicht mehr liebt, gehe ich weg. Was soll ich dann noch hier? Auch vom Auswechseln der Eltern träumt das Kind. Manche Erwachsene suchen in Illustrierten nach neuen Eltern: "Dessen Tochter hätte ich sein wollen ...". Auch so kann man in einen anderen sozialen Stand eintreten - nach Feierabend.
       Ein Kind denkt sich zuerst einmal die Eltern von Freunden aus, die in verzweifelten Lagen natürlich immer besser sind als die eigenen. Sie haben bloß den offenkundigen Mangel, die Eltern anderer und bei genauerem Hinsehen auch nicht besser zu sein, worauf in Deutschland fast immer Verlass ist. Vielleicht bieten sie für eine Nacht Schutzhaft, aber taugen nicht für ein Weglaufen, das auf lebenslanges Asyl hinausläuft. Eben nicht: "Lasst das Kind doch diese Nacht mal bei uns, bis sich alles beruhigt hat". Bei Quasiverwandten, Schwipstanten. Kann ich schlecht zu meinen Eltern, die mich ja verzweifelten, muss ich zur Großmutter. Kinder werden so vor der Zeit zu Realisten, kargen Pragmatikern: Sie suchen sich das Erstbeste aus.
       Meine Lage war schwieriger: Ich lebte bei der Großmutter, plante also die Abreise zu meinen Eltern, die inzwischen getrennt im Westen in Köln und Berlin lebten, hatte also nicht nur eine lange Zugreise mit zwei Zielen vor mir, die mir gar nicht klar waren, sondern auch die streng kontrollierte Grenze zwischen Oma- und Eltern-Deutschland, Ost und West.

       Nichts eignet sich besser zum Spielen als eine unbewachte Baustelle, auf der Eltern, die im Westen waren, nicht für das Spielen ihrer Kinder haften können. Auf diesen Bauplätzen werden aus Rotzjungen furchtlose Kirgisen oder furchterregende Konterrevolutionäre. An Indianern und Cowboys oder Räubern und Gendarmen fehlte es der realsozialistischen Kindheit damals noch, und das Wort Konterrevolutionär schult ja nicht nur ideologisch, sondern auch sprachlich ungemein.
       Einige Stunden kann man auf Baustellen von Gebirge zu Gebirge über todesträchtige Gräben springen oder mindestens fünfmal vom Feind tödlich getroffen werden. "Wenn Du jetzt nicht tot bist, spiele ich nicht mehr!"
       Gegen eine Baustelle hat die dampfende Mittagssuppe sowenig Chancen wie die mahnende Schwester oder eine zürnende Großmutter. Selbst wenn letztere die gerechteste wäre, lässt sie eine Suppe nicht drei Stunden auf dem Herd, der ja nicht von Gas oder Strom, sondern Winters wie Sommers mit Holz und Kohle beheizt werden musste, abgesehen davon, dass das gemeinsame Essen zu den kaum brechbaren Tabus gehörte, das übrigens nie einen Sinn ergab oder ergibt, wenn man es einfach, also physiologisch betrachtet.
       Wenn also der Ofen samt Suppe erkaltet war, stiegen die Chancen, dass bald mein Hintern glühen würde. Was auch geschah.
       Diesmal schwor ich nicht allein ewiges Erinnern dieser Entwürdigung, sondern zog die Konsequenzen: in diesem konkreten Fall den einzigen Reisekoffer der Familie unterm Bett der Großmutter hervor, in den ich gut reingepasst hätte, ohne mich unnatürlich krümmen zu müssen. Aber ich wollte mich ja nicht verstecken, sondern die Trennung von Tisch und Bett. Entrüstet, aber stolz und ohne Tränen schleppte ich ihn also zum Schrank und begann zu packen. Dabei steigerte es meine Wut nur noch, dass die Drohung, auf der Stelle zur Mutter nach Westberlin zu reisen, auf keine erkennbare Resonanz stieß. Aber immerhin war zum Koffer ein wichtiges zweites Requisit gekommen: das Reiseziel. Eine Mutter, vor der es dem Kind noch wenige Monate vorher graute, kann schneller wieder zum Hoffnungsträger werden, als sie es selbst ahnt.
       Wenn Weglaufen ein religiöses Ritual ist, sind seine Insignien Koffer, Stullenpaket und Fahrkarte. Wie an die Fahrkarte kommen, war noch nicht die Frage. Auch das ich oft genug von der Mutter weggelaufen war oder es gewollt hatte, spielte keine Rolle. Hinter mir würde nicht einmal die Ruine eines Brückenpfeilers stehen bleiben.
       Das waren die Momente der Befreiung in meinen Fluchtträumen. Ich ging ja nicht irgendwo hin oder zu irgend jemanden, nein, ich ließ alles bisherige Elend hinter mir gleichgültig zurück, was mich offen für jede unbestimmte und unsichere Zukunft machte. Später, unter Einschaltung des Verstandes, was ja auch Abschätzen möglicher Risiken bedeutete, verlor die große Idee der Flucht ihren Reiz zunehmend, blieb aber als Affekt vorhanden.
       In unserem Familienkoffer wurde in der Regel alte Kleidung mit Mottenkugeln aufbewahrt so wie Verreisen bei uns hieß, zu Beerdigungen, Taufen oder Hochzeiten zu fahren. Jetzt aber, wo ich packte, flog ich in meinen Träumen schon im Zug an Feldern und Wäldern vorbei, ohne zu beachten, dass darin meine Großmutter mir gegenüber saß und die unvermeidlichen harten Eier schälte, die uns auf allen Fahrten zu Familienfesten begleiteten.
       Ich packte natürlich all meine Spielsachen ein und wenig Wäsche, schloss den Koffer und - scheiterte an seinem Gewicht. Mit gewaltiger Kraftanstrengung schleppte und zerrte ich ihn zur Wohnungstür, wo ich mit ihm zusammen stolperte, dann stürzte und mit der Stirn gegen die Türklinke schlug. Die Tür öffnete sich, ich fiel mit Koffer und Platzwunde auf den Hausflur und blieb erschöpft liegen.
       An einem blutenden Kind aber konnte meine Großmutter nicht vorbei. Der Koffer wurde ausgepackt, bekam wieder seinen Mottenkugelinhalt und verschwand unter dem Bett, wo er herkam. Ich landete im Bett und bekam Fürsorge, Tee, Kopfverband und Kekse. Da ich das Mitgefühl genoss und erleichtert einsah, dass damit nicht nur das Problem von mangelndem Geld hie und Fahrkartenkauf da gelöst war, sondern sich künftige Packaktionen, dem Temperament meiner Verzweiflungen und ihrer Häufigkeit angemessen, beim dritten oder viertem Mal abgenutzt hätten, beschloss ich, nein, nicht Politiker zu werden, sondern das Ritual zu ändern.

       Hatte ich mich bislang im Zustande der Vorverzweiflung immer heulend aufs Bett geflüchtet, baute und bastelte ich nunmehr meine Dramaturgie zielstrebig aus.
       Beim Heulen hatte ich mitbekommen, wie der Druck im Magen sich unter dem Fluss von Rotz und Tränen stetig löste und zunehmend auf Reaktionen anderer zu warten begann. Aus Erfahrung wusste ich, dass mit Trost nicht zu rechnen war. Von da an suchte ich nicht mehr das Bett zum Weinen auf, sondern den nächsten Spiegel, der im Flur in die Garderobe eingebaut war, und schaute meiner weinend-verzerrten Maske interessiert zu, bemüht, die Erleichterung beim Weinen nicht vor der Zeit zu erreichen, sondern den Schmerz erst einmal auszubauen.
       Ich übte stumme Erschütterung, schweratmendes Schluchzen und unter Tränenstürzen völliges geistiges Wegtreten. Diese Übungen setzten mich nach und nach in die Lage, meine Verzweiflung gezielt und gesteuert einzusetzen. So konnte ich mich bei einem besonders starken Anfall nahezu ohnmächtig zu Boden sinken lassen, fast ohne Odem liegen bleiben, um meinen Körper dann zum Höhepunkt erbarmungswürdig aufzubäumen.
       Ich weiß, die Kinderfeinde aller Klassen, Regionen und Nationen werden jetzt diese Sätze begierig aufgreifen: "Seht, so sind sie, diese kleinen Schmierenkomödianten, Falschspieler; berechnend, mit Gefühlen zockend, intrigant!" Aber ich habe hier das Kind nicht zu verraten, das ich einmal war. Ich stehe auf seiner Seite und erkenne an, dass es ihm nicht um den Einsatz einer ausgeklügelten Strategie oder Hinterlist ging, sondern in seiner Ausweglosigkeit zum Einsatz aller Mittel gezwungen war, wollte es in seiner Verzweiflung wenn nicht Recht, so doch zumindest Aufmerksamkeit auf seine Not erkämpfen, die letztlich zu oft immer wieder an dem alle Seelen tötenden und Kinder resignierenden Satz zerbricht: "Der beruhigt sich schon wieder!"

       Mit einer für mein kleines und ungeübtes Hirn eiskalten Kalkulation wandte ich mich der Bibel zu.
       Unsere erste Lieblingslektüre waren zwei "Micky-Maus"-Hefte, die ein entfernter Verwandter "aus dem Westen" eingeschmuggelt hatte und von denen wir mittlerweile alle Sprechblasen auswendig kannten. Dennoch studierten wir die Bildchen weiter mit ungebrochenem Interesse in all ihren banalen Einzelheiten, als seien sie ausgesprochene Kunstwerke.
       Aber Lob und Anerkennung brachte ihre Lektüre nicht. Also griff ich mir die Familienbibel, die sinnigerweise in der Küche gleich neben den Kochbüchern stand, und mein eigensinniges Verständnis von Buch hieß mich, auf der ersten Seite anzufangen und mir die Sache mal durchzulesen.
       In der Schule hatte ich gerade Aufgaben zu erfüllen wie: "Bilde zehn Wörter, die mit A anfangen!" Anfang, zum Beispiel. Noch mitten in der Schule der Wörter begann mein Studium der höheren Theologie. Also studierte ich am ersten Tag voller Interesse das Copyright, am zweiten Tag die verschnörkelte Widmung irgendeines Urahnen. Am dritten Tag fand ich mich gerüstet und legte die Bibel weg, um ein anderes Buch zu lesen. Doch der "Kleingärtner von A bis Z" fand berechtigterweise nicht das Wohlwollen meiner Großmutter, obwohl ihr Schwiegersohn gerade einer von diesen war. Also kehrte ich, ging es mir doch um das Wohlwollen der Sippenchefin, am vierten Tag zur Heiligen Schrift zurück.
       Als in der Grundschule endlich die Epoche der ersten Sätze anbrach, war ich über eine ausführliche Bibelexegese bereits dem Kommawahn verfallen, ohne den Namen dieser interessanten Satzzeichen zu wissen. Diese kleinen Dinger, die mir wie Kaulquappen vorkamen, interessierten mich in meinen Bibelstunden, meist eine Stunde nach dem Mittagsschlaf, manchmal heimlich während desselben, mehr als alle Wörter, Sätze oder Buchstaben, zumal letztere üblerweise in alter deutscher Druckschrift in unserem antiquarischen Besitz vorkamen.
       Dem kam entgegen, dass die Großmutter mich mittlerweile für alt genug hielt, meinen ersten Brief an die Eltern im Westen zu schreiben, den sie mir allerdings aus Vorsicht diktierte bzw. eher vormalte. Den wichtigsten Akt hielt ich allerdings ihrer Abwesenheit vor. Nachdem sie alles, was ihr gefiel, diktiert hatte und mein Brief schon im Umschlag lag, nutzte ich die Gunst ihrer Abwesenheit und unterzog meine Sätze einer neuen Einteilung, obwohl sie schon kinderfreundlich, also kurz Anfang und Ende sowie die erforderlichen Punkte dazwischen enthielten.
       Nun folgte auf jedes vierte Wort eines jener seltsamen Zeichen, die ich in Ermangelung treffenderer Namen "Hüpfer" nannte; sogar zwischen "Euer Euch liebender Sohn" quetschte ich ein Komma, weil es der Quadrilla meines neuen Satzverständnisses so gefiel und es meinen ersten Erfahrungen mit Statistik entsprach. Hatte ich mir doch bei der Bibel-Lektüre ein mathematisches Mittel errechnet, an welcher Stelle so ein "Hüpfer" vorzukommen hatte. Davon berichtete ich meiner Großmutter voller Freude, allerdings erst, als der Brief schon im Kasten lag. Wovon meine Großmutter erst erbost und dann doch so erfreut war, dass sie mich in langweiligen Belehrungen über die Bedeutung des Kommas aufzuklären versuchte. Damit war mein Interesse an den "Hüpfern" allerdings gänzlich erloschen, hingegen hatte es mir aber das Geheimnis der Sprache derart angetan, dass ich auch so ein Dichter werden wollte wie der, der die Bibel aufgeschrieben hatte. Daran arbeite ich heute noch.

       In der DDR wurden in den fünfziger Jahren nicht nur die Schulbücher, sondern auch die Schreib-, Mal- und Rechenhefte vom Staat gestellt. Ich schädigte das Volkseigentum beim Verteilen, das mir als Primus in der Klasse zustand, um ein Heft, weil ein Dichter Papier braucht und alles überflüssige, das es in unserer Familie gab, von der Großmutter zu Klopapier verarbeitet wurde.
       In Ermangelung eines geeigneten und aktuelleren Stoffs schrieb ich voller Stolz und Ehrgeiz auf den etwas gilbig wirkenden Aufkleber:
PETER SCHOPPE
MEINE BIBEL
       Mit Eifer und zwischen den Lippen aufgeregt hin und herfahrender Zunge füllte ich Zeile um Zeile und erschuf die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments ein zweites Mal, indem ich der Einfachheit halber mich zum "Herrn" ernannte und meine Schwester Karin zur Eva. Mein bester Freund, der Weißbach-Ulli, musste den Adam hergeben, und aus verständlicher Angst vor, aber auch Unkenntnis über Schlange machte ich die unheilige Verführerin zum Regenwurm.
       Als meine Großmutter am siebten Tag meiner Schöpfung, einem Dienstag übrigens, weil im Sozialismus natürlich der Arbeitstag mehr galt als der klassische, christliche Ruhetag, bei der Kontrolle meiner Schulhefte das blasphemische Werk entdeckte, das der "Herr" geschaffen hatte, bekam ich mein Bibelheft erst um die Ohren gehauen, dann die entsprechenden Belehrungen über Christentum (A) und Sozialismus (B) zugleich, und schließlich landete meine "Heilige Schrift" zerschnitten auf dem Klo.
       So wurde wertvolles Volkseigentum als auch zutiefst christliches Gedankengut zweimal missbraucht: zuerst durch Zweckentfremdung wie Verhöhnung, dann für's Scheißhaus. Aber meine Karriere als Dichter war nicht gescheitert, sondern begann damals erst.

       Was war das für ein Unsinn: die Schulhefte wurden zusätzlich mit Plastikumschlägen eingebunden. Diese Umschläge waren teurer als die Hefte selbst. Und dann das Ritual: vorn auf dem Lehrertisch die gestapelten Hefte, und wir begannen in dem Stoß nach der Farbe unseres Umschlags zu suchen. Die Lehrer nahmen Heft um Heft vom Stapel, blättern bis zur letzten roten Eintragung, um sie vorzulesen. Die Spannung war meist unerträglich, die Bewegung der Lehrer zudem aufreizend langsam.
       Es war ein Fortschritt, als die jungen Lehrer von der Uni kamen. Sie schlugen ihre grünen Lehrerkalender auf und ratterten die Noten herunter wie eine Häcksel – Maschine. Weg von der handbetriebenen Guillotine.


© by Gerd Hunger

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