Birgitta

Unsentimentaler Bericht vom Einbruch des Unglücks in ein bis dortenhin friedliches Büroleben

      Sehr geehrte Damen und Herren! Zu meinem Antrag auf Frühinvalidisierung verlangen Sie von mir einen ausführlicheren Bericht zur Begründung, den ich hiermit gern nachreiche:
       "Eigentlich hatte ich ja nur erwartet, dass sie mir ihre Lohnsteuerkarte und das Sozialversicherungsheft ins Büro hereinreichen würde. Ich gehöre natürlich zu den Menschen, die voraussetzen, dass es ein selbstverständlicher Teil der Zivilisation ist, eine Lohnsteuerkarte und ein Sozialversicherungsheft zu besitzen. Klara Fall. Ach Mann, Frau Bachmann!
       Schließlich war sie mir angekündigt worden als ein relativ normaler Mensch, eine neue Kollegin sozusagen, nichts eigentlich besonderes, also jemand, der Lohnsteuerkarte und Sozialversicherungsheft eigentlich haben müsste. Der Tag schließlich hatte auch nicht anders begonnen als andere Tage auch. Nach dem Aufschließen musste ich wie immer die Tür leicht anheben, um sie zu öffnen. In der Küche - habe ich wirklich Küche gesagt? - war weder eine saubere Kaffeetasse noch die Möglichkeit vorhanden, eine schmutzige abzuspülen, und in den Zeitungen stand wie üblich, was am Tage vorher geschehen war, leider aber nicht, was mir an diesem Tage blühen würde. Dann hätte ich nämlich die Tür leicht angehoben, hinter mir verschlossen, wäre den Mehringdamm hoch Richtung Flughafen Tempelhof gerannt und hätte den nächsten City-Wopper meinetwegen nach Castrop-Rauxel genommen.
       Es gibt Fragen, die sind extrem unanständig, wie z.B. "Woll’n wir ‘ne Nummer zusammen schieben?" oder "War’n Sie das, der hier auf die Bank geschissen hat?" Es gibt Fragen, die sind so unanständig wie drohend und eigentlich gar keine Fragen: "Soll ich Dir eine auf die Nuss geben?!" z.B. oder "Hasse mal ‘ne Mark?" Und es gibt Fragen, die überhört man besser, wenn man an ein Fortleben nach dem Tod glauben will. Eine dieser Fragen lautet: "Ick hab’ hier’n Klavier! Wo soll’n det hin?"
       Bevor ich überhaupt ihre Bekanntschaft machte und bevor ich mich existentiell mit ihrer Lohnsteuerkarte und ihrem Sozialversicherungsheft absichern konnte, kam nämlich ihr Klavier! Klavier? Sagte ich jetzt Klavier? Da untertreibe ich aber heftigst. Es war ein Flügel und jetzt, wo ich dies sage, fällt mir auf, wie übel uns unsere Muttersprache mitspielen kann. Ein Flügel! Ein Flügel ist etwas aus ganz leichten und weichen Federn, er ist beheimatet auf dem Rücken von meist eher kleinen bis kleinsten Tierchen und verhilft ihnen in der Regel zu einem sanften, schwebenden und gleitenden Flug, wenn man von Albatrossen und Pinguinen mal absieht, aber sonst erinnert nichts bei einem Flügel an einen großen, klobigen, unförmigen und tierisch schweren schwarzen Kasten, der plötzlich auf dem zweiten Hinterhof eines Kreuzberger Fabrikhauses stehen könnte und begehrte, in den vierten Stock direkt unters Dach gebracht werden zu wollen.
       Es gibt Menschen, die kommen an die Tür, klingeln, grüßen freundlich, wenn man ihnen auftut und sagen: "Guten Tag. Mein Name ist Bachmann. Haben Sie mal den Band von Meyers Universallexikon von grunch bis urps?" Dann öffnen sie ihren Musterkoffer und überreichen selbstverständlich erst einmal ihre Lohnsteuerkarte und das Sozialversicherungsheft. Im Falle dessen, dass sie letzteres nicht bei sich haben, sagen sie einfach: "21-03067-B-241". Das reicht dann auch und vermittelt das Gefühl von Zivilisation und Deodorant. Was aber soll man mit Menschen anfangen, die sich nicht an solche Selbstverständlichkeiten halten und einfach einen Winzling von Mann schicken, der, erlauben Sie mir diesen Hinweis, leicht verschwitzt wirkte und leider auch so roch, zottelige und lange Haare hatte und scheinbar keine anderen Begrüßungsformeln kannte außer: "Ick hab’ hier’n Klavier! Wo soll’n det hin?" Ach Mann, Frau Bachmann!
       Es erübrigt sich mitzuteilen, dass er weder Lohnsteuerkarte noch Sozialversicherungsheft bei sich hatte, aber es ist schon einer Mitteilung wert, dass er wie gedruckt log. Er stand vor der Tür zu meinem Büro im vierten Stock des zweiten Hofes eines Kreuzberger Fabrikhauses, und das Klavier, das eigentlich ein ausgewachsener Konzertflügel war, hatte er mitnichten dabei: Es stand unten im Hof und musste wohl in den vierten Stock. Und das sollte ausgerechnet ich Rheumatiker mit diesem Winzling von Kerl bewerkstelligen, der wahrscheinlich nicht einmal einen Kanarienvogel anheben, geschweige denn tragen konnte. Mit dieser Vorstellung trug ich mich, bis wir - fragt nicht, wie? - den Flügel tatsächlich so in den Lastenaufzug gekantet hatten, dass die Türen gerade so zugingen. Denn fragen konnte ich in dieser Situation nichts mehr. Fragen Sie mal irgendwas oder irgendwen, wenn Sie die Rundung eines riesigen Konzertflügels voll in die Teile gepresst bekommen, die Laienpsychologen gern als die wertvollsten Teile des Mannes zu bezeichnen pflegen. Die Rundung presste sich so peinigend und schmerzend also in meine Knie und als der Fahrstuhl anhub anzuheben, hob es auch mich an, und ich schmiegte mich im Fall mit vollem Oberkörper an dieses Untier von Musikinstrument, was meinen Kleintiertransporteur zu dem zweiten Satz seines Daseins veranlasste: "Det is’ aber nich’ besonders jut für’t Jerät!"
       Fragen Sie mich nicht wie, aber es gelang uns tatsächlich, das Monstrum in unsere Probenetage zu bugsieren und aufzustellen. Dass ich seitdem in der Kirche erhebliche Schwierigkeiten hatte, mich hinzuknien, zeitigte zumindest den Vorteil, dass ich aus der Kirche austrat und auf meiner Lohnsteuerkarte seitdem das Feld für die Konfessionszugehörigkeit leer blieb. Ich sank in meinem heimeligen Büro erschöpft auf den Drehstuhl und zog die Bilanz meines Lebens. Sie war immer noch negativ, aber, dachte ich, jetzt steht immerhin ein Klavier bei uns im Theater. Ob das eher auf der Positivseite oder auf der anderen abzubuchen wäre, wollte ich just in dem Augenblick überlegen, als der Miniklavierstemmer begann, das Instrument zu stimmen. Ich weiß bis heute nicht, wie viele schwarze und weiße Tasten so ein Gerät eigentlich hat, aber es müssen Tausende sein, was mir bis dato noch nicht aufgefallen war. Ohne es begrifflich schon richtig formulieren zu können, schob sich eine Ahnung in meine Hirnrinden, die ungefähr der ähnelte, die Passagiere in einem abstürzenden Flugzeug haben müssen.
       Das "Dimmdimmdimmdimm" und das "Dammdammdammdamm", begleitet von einem Geräusch, das an das Anziehen rostiger Daumenschrauben erinnerte, wollte nicht aufhören, bis plötzlich ein drittes Geräusch in diese akustische Tortur drang, das weder an ein Klavier noch an einen Schraubenschlüssel gemahnte. Mit Erschrecken vermutete ich, dass der Klavierträger aus Missmut über das verstimmte Instrument zur Motorsäge gegriffen hätte oder eins dieser Kleinflugzeuge aus Tempelhof versuchte, unser Hausdach abzusäbeln, aber es war doch ein Geräusch oder besser ein Lärm, der nichts Vergleichbares aus meinem bisherigen Leben erinnern, etwas, das nichts Menschliches vermuten und selbst die Phantasie über alle Formen von Gerätelärm erlöschen ließ. Und doch: Es war eine Lache! Es war, mit Zurückhaltung gesagt, die dreckigste Lache, die ich je in meinem Leben gehört hatte. Und wenn mir diese Steigerung erlaubt ist: Es war mir auf Anhieb klar, dass der Mensch, dem diese Lache gehörte, mit an tödlicher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Lohnsteuerkarten und Sozialversicherungshefte ignorieren würde. Ach Mann, Frau Bachmann!
       Ich griff instinktiv zu meinem Karteikasten mit den roten Reitern und legte mir die Nummern unseres Steuerberaters und der Telefonseelsorge heraus. Versonnen und unterlegt von einer tiefen und hoffnungslosen Trauer fiel mein Blick auf die säuberlich beschrifteten gelben Aufkleber der Aktenordner mit "Gehälter, Steuern und Sozialabgaben" 1978, 1979, 1980 und so fort. Eine Epoche meines Lebens, ja, eine Ära dieses ordentlichen und aufgeräumten Büros, das ich aufgebaut hatte, und ein Zeitalter dieses Theaters und seiner mustergültigen Organisation gingen zu Ende, und ich kann sagen, ich bin dabeigewesen.
       Nichts verführte mich in diesen Minuten des Unglücks dazu, aus meinem Raum auf die Probebühne zu treten und die Besitzerin dieser unheildräuenden Lache auf ihre Pflicht zu verweisen, dass sie gefälligst erst dann zu lachen hätte, wenn mir die Lohnsteuerkarte und das Sozialversicherungsheft ausgehändigt worden wären. Ich griff zum Hörer und wollte gerade "110" wählen, als hinter der dünnen Wand meines Büros Stille eintrat, eine jener Stillen, die man unheimlich zu nennen sich angewöhnt hat, und als seien alle meine Befürchtungen gerechtfertigt, fiel kurz darauf auch ein Schuss. Selbstverständlich lief ich sofort zu unserem vom Gewerbeaufsichtsamt gerade im Monat vorher überprüften "Erste-Hilfe-Schrank" und war bereit, beim ersten Hilfeschrei oder Röcheln mich mit Mull und Binden in die tödliche Gefahr zu stürzen, als mich die Schreie schon erreichten: "Na, dann Prost!". "Auf gutes Gelingen!". Und "Die Pedalen müssen aber auch noch ran!"
       Sprechen wir es ruhig und mit der in dieser Situation noch möglichen Gelassenheit aus: Besonders der letzte Satz bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: "Die Pedalen müssen aber auch noch ran!" Es gibt sicherlich Sätze, die einen von einer Sekunde zur anderen abrupt daran erinnern können, dass jeder Tag der erste vom Rest seines Lebens ist. Ich weiß noch, dass mich der Satz "Das Spülmittel ist schon wieder alle!" einmal an die Endlichkeit alles Seins gemahnte, und war es nicht so, dass ich im fortgeschrittenen Alter von nahezu 35 Jahren das erste Mal in meinem Leben an eine zusätzliche Altersversorgung dachte, als meine damalige Lebensabschnittsgefährtin ausrief: "Iiihh, guck’ mal, da klebt ein angelutschtes Gummibärchen auf dem Sofa!"
       Der Flügel und der Schampus sollten mich fortan in meinem Büroalltag begleiten. Von beiden hatte ich die Folgen zu tragen. Entweder dröhnten mir die Ohren, dass vernünftigerweise Telefonate nicht mehr zu führen waren, oder jeder Versuch, auch nur ein vernünftiges Gespräch zu führen, ertrank in diesem perlenden Zeug, besonders wenn es sich in den Hirnen seiner Trinkerinnen endlich festgesetzt hatte.
       Aus dem Nebenraum klang etwas an mein Ohr, was sich wie ein "Crashendo" oder ein "Decrashando" anhörte, auf jeden Fall hörte es sich nach Crash an. Das war der Crash meines Lebens als Büroangestellter eines kleinen Theaters, und obwohl ich das bis dahin nicht wissen konnte, war es zugleich der Beginn vom Ende dieser meiner Karriere. Das Geklimper brach ab und kurz darauf öffnete sich die Tür meines Büros. Herein trat, sozusagen zur Begrüßung nochmals ihre Lache trompetend, die künftige musikalische Verursacherin meiner Leiden und sagte: "Hallo! Ich bin Frau Bachmann! Ist hier wer?"
       Ich lag, wie immer in Krisensituationen, unter meinem Schreibtisch und vertraute der Illusion, dass, wenn ich nichts sähe, auch ich nicht gesehen werden konnte. Oder noch besser: dass die Welt nicht mehr da ist, wenn ich auch nicht da bin. Ach Mann, Frau Bachmann!
       "Der Penner scheint nicht da zu sein!", klang es mir von der Tür her in den Ohren, und von draußen hörte ich die Stimme einer mir bekannten Kollegin: "Guck mal unter’m Schreibtisch! Da liegt er öfter!"
       "Seltsam!", hörte ich wiederum die Stimme derer, die sich Frau Bachmann nannte, und kurz darauf fielen erst ein paar lange, dunkle Haare in den Sichtausschnitt der Fußzone meines Schreibtischs, und dann kam das ganze Gesicht, sozusagen verkehrt herum. Ich habe viele Jahres meines Lebens danach daran gerätselt, was es wohl zu bedeuten habe, dass ich diese Frau eigentlich verkehrt herum kennenlernte, und auch mein Analytiker, den ich seit diesen zwölf Jahren konsultiere, ist mittlerweile mit mir der Ansicht, dass in dieser Welt eigentlich auch alles anders herum sein könnte und sie so, wie wir sie bis zu einem bestimmten, aber entscheidenden Augenblick kennen, vielleicht gar nicht war oder gar nicht wahr war.
       Und in der Tat, von da an war tatsächlich nichts mehr wie vorher.
       "Was machst’n da unten?", fragte mich der verkehrte Kopf und blies mich mit einer meckernden Lache fast weg. "Ich suche meinen Parker 097 mit versiegelter Hohlraummine und Zugkappe", fiel mir gerade noch ein, um ein peinliches Schweigen zu vermeiden. Sie werden verstehen, dass ich in dieser Ausnahmesituation prompt meine Frage nach ihrer Lohnsteuerkarte und ihrem Sozialversicherungsheft vergaß. Nur am Rande erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass die Krise des deutschen Sozialversicherungswesen, also der Renten, der Krankenkosten, der Arbeitslosengelder- und -hilfen sowie der rapide Absturz der Steuereinnahmen nach meinem Dafürhalten an diesem Tage begann.
       Der Rest ist schnell erzählt. Diese neue Kollegin begann nach diesem Tag bei uns zu arbeiten, wenn man Klavierspielen denn so bezeichnen kann und mehrheitlich tat sie das zu den Zeiten, in denen eigentlich auch ich zu arbeiten gehabt hätte. An ihre Lache hatte ich mich nach einiger Zeit gewöhnt, wie sich ja auch Menschen in den Einflugschneisen von Flughäfen nach einer gewissen Zeit an eigentlich unerträgliche Geräusche gewöhnen. Auf meiner Schreibmaschine schrieb ich schon nach kurzer Zeit zum Rhythmus von "Tiptoe, through the window" und zeichnete meine Briefe grundsätzlich mit "Itsybitsyteenieweenie - Ihr sehr ergebener." Über den Inhalt der entsprechenden Antwortschreiben will ich hier nichts Näheres berichten. Nur als mir ein damals amtierender Kultursenator "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen" schrieb, zweifelte ich doch sehr an der Zurechnungsfähigkeit unserer Politikerkaste.
       Ich sprach sehr oft in den Probenpausen mit einer sehr besorgten, mütterlich wirkenden Dame von der Telefonseelsorge und dachte mir auch nichts Schlimmes dabei, als eines Tages zwei als Handwerker verkleidete Scharlatane in mein Büro traten und scheinheilig fragten: "Soll’n jetzt die Pedalen ooch noch ran?"
       In Erinnerung der Klavierlieferung und mittlerweile heftigst darüber informiert, dass an ein Klavier natürlich auch Pedalen gehören, selbst wenn es ein grosser schwarzer Konzertflügel ist, sagte ich so selbstsicher und bestimmt wie möglich: "Was denn sonst?!" Ach Mann, Frau Bachmann!
       Bis zu diesem Zeitpunkt wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man ein E-Piano auf ein fahrradähnliches Gestell montieren könnte und dann auch noch fahrend darauf spielen würde. Als unsere neue Pianistin bei einer Probe auf ihrem radelnden Instrument schließlich einmal die Bremse nicht fand und ihr endlich der Durchbruch von der Probebühne durch die dünne Holz-, Papp- und Dämmstoffwand zu meinem Büro gelang, riss ich die ordentlich beschrifteten gelben Aktenordneraufkleber mit "Gehälter, Steuern und Sozialabgaben" 1978, 1979, 1980 und so fort aus dem Regal, zerriss alle darin befindlichen Lohnsteuerkarten und Sozialversicherungshefte und merkte mir nicht einmal mehr meine Nummer 731-010849-H-365. Meine Karriere war beendet. Ich schrieb meinen Abschiedsbrief zum Rhythmus von "The Morning After Blues", begründete das mit "Hully Gully" und "Balla balla", wünschte mich "Im Frühtau zu Berge" und endete mit einem optimistischen "Fiderallala". Als ich endlich den belebten Mehringdamm erreichte, der mir vorkam wie eine weite und blühende, lichte Ebene, glaubte ich hinter mir ein Lachen zu hören, das einer Motorsäge sehr ähnlich war. Kurz darauf trat ich meine neue Stelle als Sachbearbeiter im Sozialamt für besonders schwierige Pianistinnen an, aber für ein friedliches Leben wie vor dem Eintreffen des Flügels der Frau Bachmann, ach Mann, fehlt mir jeder Glaube.
      Mit freundlichen Grüßen"


© by Gerd Hunger

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