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Scheißhaufen

               Das "Große Vorbereitungskomitee zur Vorbereitung vorbereitender Ideen für das große Jubiläum" hatte getagt. Es bestand aus sechsunddreißig ausgewählten Persönlichkeiten der Öffentlichkeit, zwei Sekretären, einem großen runden Tisch, sechsunddreißig Füllern mit Goldfedern und ebenso vielen schwarzen Ledermappen, in denen sich Blöcke befanden, auf deren jeder Seite zentriert in Silberprägung das Wort "Ideen", natürlich unterstrichen, stand. Als bedürfe es der ständigen Erinnerung, was allerdings unnötig war, war in der unteren Ecke leuchtend rot eine Summe eingedruckt: der Etat für das große Jubiläum von Freistadt.
               Natürlich kennen wir die Höhe dieses Etats aus zuverlässigen Quellen dieser Runde. Bei so vielen honorigen Prominenten ist es unvermeidlich, dass einige von ihnen selbst den blitzenden Neid im Auge eines kleinen Journalisten zur Selbstaufwertung benötigen, wenn sie prahlen, mit welch gigantischen Summen sie um sich werfen dürfen. Und wenn wir die absolute Höhe dieses Etats nicht nennen, so nur deswegen, weil über Geld, mit denen Gutes getan wird, in Freistadt nicht gesprochen wurde. Diese alte Sitte erleichterte es nämlich den Verantwortlichen der Stadt in Politik, Verwaltung, Handel und Industrie, auch über die Summen zu schweigen, mit denen ihnen Gutes getan wurde. Dafür gab es gängige Nebensätze. War einer der Vorteilsnahme, des Betrugs oder gar der (aktiven wie passiven) Bestechung überführt worden, hieß es, er dürfe auf keinen Fall "im Regen stehen gelassen" oder sogar "zum Sozialfall" werden. Dafür standen den Sozialhilfeempfängern der Stadt zum Ausgleich alle Möglichkeiten offen, sich um Amt und Würden zu bewerben oder sich bei Regen in den nächsten Hauseingang zu flüchten.
               Was wir von den Herren des Vorbereitungskomitees nicht erfuhren, sondern von einer Sekretärin, die vor jeder Sitzung den Saal vorzubereiten hatte und die einzige Frau war, die je in dieser Runde gesehen ward: Auf den Blöcken befand sich in der Regel weder vor noch nach der Tagung etwas außer Strichmännchen, Einkaufsnotizen oder pornographischen Ausdrücken.
               Bei der Tagung, von der hier die Rede ist, kam aber letztendlich doch etwas heraus. Ungefähr zwei Stunden hatte sich die Debatte zäh verschiedenen Vorstellungen gewidmet. Der bekannte Bankier hatte vorgeschlagen, aus dem Ausland ein bekanntes Kunstwerk zurückzukaufen, aber keinem fiel etwas ein, was man gern wiederbekommen hätte. Ein großer Verleger wollte einen Bezirk der Stadt mit Zeitungspapier tapezieren, stieß aber auf den Widerstand des Vorsitzenden des Komitees, Vorschläge hätten uneigennützig zu sein und er habe ja nur vor, die Lager der Retouren seines Verlagshauses kostengünstig zu leeren. Als ihm auf den Einwand, dieser Plan schaffe Tausende von neuen Arbeitsplätzen, von einem anderen Verleger erwidert wurde, ob es nicht reiche, dass ihm sowieso schon alle Zeitungen Freistadts gehörten und was denn mit den vielen Tapezierern nach dem Jubiläum geschehen solle, zog er sich erst in den Schmollwinkel und dann in Gedanken über die Zukunft Freistadts zurück. Dies war sowieso sein Hobby und darin konnten ihn Widersprüche anderer nicht stören. Er fühlte sich als Visionär, und es machte ihm nichts aus, dass seine Artikel, Aufsätze und Bücher wegen ihrer vielen Stilblüten zwar veröffentlicht, aber sogar von den kuschenden Angestellten seines Verlagshauses versteckt belacht wurden.
               Aber die Zurückweisung seines Vorschlags hatte ihn doch mehr verletzt, als er im ersten Augenblick selbst glauben wollte. Das wurde ihm erst richtig bewusst, als er aus Gram darüber verstarb und laut der Regularien des Vorbereitungskomitees nicht mehr dazugehörte.
               Es folgten nunmehr in loser Aneinanderreihung weitere Vorschläge von Vorsitzenden, Präsidenten, Optikern, Quizmastern, Urbanistikern und Prälaten, die ebenso lose abgeschlagen wurden, bis der Vorsitzende des Komitees mit einem silbernen Hämmerchen auf eine Gummimatte einhieb und von der Monumentalität des bevorstehenden Jubiläums sprach.
               Ein Hochschullehrer, und wir wissen nicht, ob er das Jubiläum oder den Ausbruch meinte, sagte in die Runde: "Monumental!"
               Worauf der einzige Literat des Gremiums, sich der Folgen für die Schriftsteller, die er zu vertreten hatte, um ihnen einen großen Teil des Kuchens, ach was, der Torte zu sichern, nicht bewusst, weiter verkürzte und von "Monument" sprach.
               "Das ist es!", schrie der Vorsitzende, wie er schon einmal in einem längst vergangenem, tausend- bzw. zwölfjährigem Reich geschrieen hatte, und um die Bedeutung seines Ausbruchs zu betonen, rief er nochmals nachdenklicher: "Das ist es! Ein Monument! Aus Stein oder sowas."
               Der Literat war erschüttert. "Ich habe doch nur ein Sprachspielchen gemacht ... äh ... Monument muss doch kein Denkmal sein, semantisch gesehen ...". Aber die Versammlung hatte sich derart auf seinen Vorschlag gestürzt, dass er verzweifelt im Zeitalter der bürgerlichen Melancholie nach einem Zitat kramte, aber nur "Das muss nun mir geschehen" fand. Dabei war in diesem Gremium nicht einmal ein Bildhauer.
               Als einziger sprang dem verzweifelten Literaten der Optikermeister bei, der zwar nicht als solcher, sondern als Präsident der Freistädter Handwerksinnung dem Gremium angehörte, aber sein Einwand, dass die Idee von einem Monument zu begrüßen, dieses aber sehr klein zu sein habe, ja, er wolle einmal von einem winzigen Monument, dass man nur mit einer besonders gut gearbeiteten Brille sehen könne, reden, stieß nur auf das zynische Gelächter der anderen Anwesenden.
               Die beiden Sekretäre wurden beauftragt, aus dem Archiv jene Bildhauer und bildenden Künstler hervorzukramen, die als Monumentalisten bekannt seien. Da es weniger um das Monument, als um die Werbekraft des Namens seines Schöpfers ging, wanderten drei Kügelchen mit den Namen eines Spaniers, eines Engländers und eines Franzosen in das Wasserglas des Vorsitzenden, der es dreimal kräftig schüttelte, dann ein etwas angefeuchtetes Papierkügelchen herausfischte und den Anwesenden mitteilte, die fach- und sachgerechte Wahl sei auf den französischen Bildhauer gefallen. .

               Wie der Name schon sagt, ist das "Große Vorbereitungskomitee für die Vorbereitung vorbereitender Ideen für das Große Jubiläum" nur für die Ideen zuständig. Finanziert wurden sie von den Steuerzahlern Freistadts und realisiert von einem Stab umtriebiger und emsiger Sekretäre. So flatterte dem französischen Bildhauer mit dem rumänischen Namen Dimitri Mifalimengistou einige Tage später ein Schreiben auf Briefpapier mit goldenen Lettern in sein Pariser Atelier, in dem er aufgefordert wurde, zum Großen 750jährigen Jubiläum Freistadts ein Monument zu erstellen, das in Thema und Ausführung frei, aber natürlich etwas Typisches Freistadts darstellen solle. Zu seiner Verwirrung war am unteren Ende des Schreiben in grellen roten Ziffern eine Zahl eingedruckt, die Mifalimengistou fälschlicherweise als das ihm zugedachte Honorar missinterpretierte.
               Sein Assistent, der gerade dabei war, ein Stahlmonstrum zur Vorbereitung eines natürlichen Rostungsprozesses unter Wasser zu setzen, entdeckte in den Augen des Meisters ein begeistertes Blitzen und eilte herbei.
               Das könne er sich nicht vorstellen, meinte er nach Lesen des Briefs und natürlich auf französisch, dass mit der Summe der Preis für das geplante Monument gemeint sei. Für das Geld könne er ganz Freistadt unter Wasser setzen und langsam verrosten lassen. "Die werden vielleicht auch an so etwas gedacht haben," kommentierte Mifalimengistou.
               "Aber," fragte der Assistent zurück, "um welches Freistadt handelt es sich denn dabei. Soweit ich mich meiner dürftigen Schulbildung erinnere, soll es derer zwei geben."
               Beide starrten das Papier in Mifalimengistous Händen an. Aber da ihnen von Freistadt nichts bekannt war, sagte ihnen auch der Sitz des "Großen Vorbereitungskomitees" überhaupt nichts. Aber, so kamen beide zu der Einsicht, da diese Stadt bereits 750 Jahre existierte, erst seit vierzig Jahren aber geteilt sei, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch der andere Teil ein Jubiläum feiern würde. Egal, welcher sich nun zuerst bei ihnen gemeldet hätte.
               "Das ist schon von Bedeutung," meinte der Assistent, "denn nach meinem Wissen ist die Währung des einen Teils hart, die des anderen dagegen international unerheblich. Und dann besteht noch die Gefahr, dass unser Honorar nicht in Geld, sondern in Waren beglichen wird."
               "In Waren?", fragte Mifalimengiistou zurück.
               "Ja, in Schweinehälften, Dreschmaschinen oder Kassettenrecordern."
               Sofort stürzten beide zu den Telefonen, um bei Banken und Geografieprofessoren, Politikern und Politwissenschaftlern herauszubekommen, was von dem Angebot zu halten sei.
               So erfuhr der Assistent, dass die Währung der einen Freistadt etwa viermal weniger wert sei als die des anderen. Ob denn die Währung dabeistehe? Aber das war nicht der Fall, und so kamen sie nicht weiter.
               Der Meister selbst bekam einen bedeutenden Politologen der Sorbonne an den Hörer, der nach einigen Fragen zum Wesentlichen in die Details ging.
               "Sehen Sie sich bitte die Briefmarken an. Sind sie sehr bunt, ich meine, wirken sie unnatürlich?"
               "Nein, würde ich nicht sagen," antwortete der Meister.
               "Sind Fahnen oder Sportler abgebildet?"
               "Nein, auch nicht!"
               "Sind Kuvert und Briefpapier weiß oder grau?", fragte der Professor weiter.
               "Weiß", sagte Mifalimengistou wahrheitsgemäß.
               "Dann kommt der Brief garantiert aus dem Freistadt harter Währung. Sie können das Angebot annehmen, auch wenn die aufgedruckte Summe in den roten Ziffern als Honorar unvorstellbar hoch ist."
               Damit legte er auf.
               In des Meisters Kopf spann sich eine Idee immer deutlicher aus, seit sein Assistent davon gesprochen hatte, dass es Freistadt zweimal gibt.
               "Da wäre es," dachte er halblaut vor sich hin und an den politischen Realitäten vorbei, "doch gigantisch, ein Monument zu schaffen, das beide Stadtteile miteinander verbindet, sozusagen das Transzendental-Einigende über das Real-Trennende hinaus ...".
               Sein Assistent unterbrach ihn.
               "Soweit ich weiß, ist es eher so, dass nur eine Seite auf dem Einigenden, die andere aber sehr brutal auf dem Trennenden besteht. Aber, soweit ich weiß ...".
               "Wissen Sie eigentlich einmal etwas ganz genau und nicht nur soweit?", fragte Mifalimengistou barsch zurück.
               "Ich weiß, dass eigentlich beide kein Interesse daran haben, wieder zu einem Gemeinwesen vereinigt zu werden."
               "Dann kann man ja das Trennende symbolisch deutlich machen," regte der Meister an. "Vielleicht eine Mauer genau zwischen dem einen ...".
               "Zu spät!", fiel ihm der Assistent ins Wort, "dieses Kunststück ...äh ...Kunstwerk steht in Freistadt bereits", und verbiss sich ein "soweit ich weiß."
               "Jedenfalls werden wir nicht darum herumkommen, hinzufahren, uns die Stadt einmal anzusehen."
               "Wieso?", fragte der Meister. "Ich habe ein Monument für San Francisco geschaffen und Amerika nie gesehen. Meine Plastik ‚Liebende und Grenzen’ steht in Johannesburg, und ich war nie dort. Mein ...".
               "Ja, gut", erwiderte der Assistent, "aber das Honorar!"
               "Das ist ein Argument!", leuchtete Mifalimengistu ein. "Außerdem kann es ja vielleicht nicht schaden, sich diese Mauer mal anzusehen. Nur, was heißt, wir fahren hin? Ich fahre hin. Und Sie, Sie sorgen jetzt dafür, dass dieses Ding da bis September endlich rostet!" .

               Das erste, was Mifalimengistou beim Verlassen des Jets auf dem Freistädter Flughafen auffiel, waren nicht die beiden aufgeregten jungen Herren zu Füßen der Gangway. Es war auch nicht der strahlende Sonnenschein oder die besonders reizende Stewardess, die ihm einen angenehmen Aufenthalt in Freistadt wünschte. Die Zeiten, in denen ihn das andere Geschlecht gereizt hatte, waren lange vorbei. Statuen, in denen das menschliche Gesicht, die Gestalt oder vielleicht gar noch der weibliche Körper angedeutet waren, verachtete er auf das Höchste. Und deswegen war er schon vor Jahren zu der Einsicht gekommen, aus seinen Sinnen alles zu verbannen, was damit in Verbindung zu bringen ist.
               Nein, das erste, was ihm auffiel, beschäftigte nicht seine Augen oder seine Ohren, sondern seine Nase. Es lag ein eigentümlicher Geruch über dieser Stadt, der ihn bedrängte, seit sich die Tür des Flugzeugs geöffnet hatte. Und deswegen stand der international bekannte Bildhauer nun auf der oberen Plattform, reckte seine Nase in die Luft, behinderte andere Aussteigende und korrigierte sich in Gedanken sofort.
               "Nein, das ist kein eigenartiger Geruch", dachte er, "hier stinkt's schlicht und einfach."
               Und stieg die Stufen hinunter.
               "Vielleicht wären die hier mit einem riesigen Parfüm - Flakon besser bedient," überlegte er weiter, verdrängte aber diese Idee mit Gedanken an die unglaubliche Summe, die er nicht aus dem Gedächtnis schieben konnte.
               Die beiden Sekretäre des "Großen Vorbereitungskomitees" empfingen Mifalimengistou ehrerbietig, fast ein wenig unterwürfig, wozu dieser "Nicht schlecht" dachte.
               Was er denn oben auf der Gangway empfunden habe, wollte der eine Sekretär wissen, als er quasi das erste Mal seine Füße auf Freistädter Boden setzte.
               "Hier stinkt's," hätte der Meister beinahe geantwortet, aber es war ihm im Laufe seiner Karriere zu einer zweiten Natur geworden, mit seiner weltbekannten, oft verletzenden Ehrlichkeit und Direktheit erst zu operieren, wenn die Verträge wasserdicht waren. Also stotterte er etwas unbeholfen los: "Es ist schon ... äh ... ein bewegender Augenblick gewesen. Schließlich beeindruckt es sehr, am Vorabend quasi eines solchen großen Jubiläums ... äh ... und dass sich die Väter dieser Stadt, durch die sich dieses Monument ... äh ... dieses scheußliche Machwerk von Mauer ziehe, entschlossen haben, gerade ihm ... das ist doch eine Ehre für jeden Künstler."
               Er hatte sich, bevor er die Reise antrat, bei einem Beamten des französischen Außenministeriums ausführlich informieren wollen, doch der gute Mann war derart überarbeitet und versprach, ihm etwas Papier zuzusenden. Alles, was mit Freistadt zusammenhänge, sei schon für die Spezialisten in seinem Amt schwer durchschaubar.
               Tatsächlich erhielt der Bildhauer nach einigen Tagen ein dickes Papier mit den Reden aller französischen Politiker, die diese bei ihren Besuchen in Freistadt gehalten hatten. Und, so entdeckten sein Assistent und er, diese Reden waren in der Regel deckungsgleich.
               "Das müssen diese Simpel in Freistadt doch gemerkt haben", meinte der Assistent, "dass da einer vom anderen abgekupfert hat."
               Zu den beiden Sekretären gewandt meinte der Meister abschließend, erstaunlicherweise sei ihm beim Verlassen des Flugzeugs zuerst die Luft Freistadts aufgefallen.
               "Wer soviel herumkommt in der Welt", log er weiter, "beginnt mit allen Sinnen das Neue aufzunehmen. Während sich die Flughäfen großer Städte von Gesicht und Gehör kaum unterschieden, sei das einzigartige Flair einer Stadt für ihn mehr und mehr mit dem Geruchssinn wahrnehmbar geworden. Und, ich bin mir da sehr sicher, Freistadt rieche nicht nur anders als viele anderen Städte, sondern hier vermute ich etwas ganz besonderes."
               Die beiden Sekretäre waren erfreut. Ja, die Luft in Freistadt sei nicht nur etwas Besonderes, sondern sie sei im Laufe der Geschichte auch berühmt geworden und in vielen Liedern besungen worden. Und sofort begann einer der beiden ein Lied zu singen, dessen Text Mifalimengistou zwar nicht verstand, das ihm aber deshalb gefiel, weil der singende Sekretär dabei in die Hände und auf seine Schenkel klopfte, zwischen zwei Fingern rhythmisch mitpfiff, worin auch der andere einfiel. Sie sahen dabei etwas verrückt aus, und wenn Dimitri Mifalimengistou nicht ein Franzose rumänischer, sondern gallischer Abstammung gewesen wäre, hätte er sicher gedacht: "Die spinnen, die Freistädter!" .

               Dimitri Mifalimengistou war nicht unzufrieden. Er wurde in einem der besten Hotels von Freistadt untergebracht, und die beiden Sekretäre des Großen Vorbereitungskomitees suchten ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Natürlich hatte sich gleich im ersten Gespräch mit dem Komitee herausgestellt, dass die auf den Briefbögen aufgedruckte Summe nicht als sein Honorar gedacht sei, sondern den Gesamtetat des Großen Jubiläums bedeutet. Er hatte darauf zwar mit erkennbarer Verärgerung reagiert, sich gar zu der Formulierung verstiegen, weshalb er denn eigentlich die Reise angetreten hätte, aber als ihm der Vorsitzende freundlich bedeutete, man werde in der Honorarfrage sicherlich nicht kleinlich sein, wenn er, der große Bildhauer, sich in der Stadt umgeschaut und Ideen gesammelt habe, beschloss er, einige Tage zu bleiben und sich die Stadt anzuschauen.
               Obwohl ihm die beiden Sekretäre ständig mit einem bequemen Wagen zur Verfügung standen, beschloss er, Freistadt zu Fuß zu erkunden. Es war ihm immer noch nicht gelungen, dem Geheimnis des eigenartigen Geruchs auf die Schliche zu kommen, der ihn seit seiner Ankunft aufgefallen war. Er ließ zwar mit der Zeit seines Bleibens etwas nach, und Mifalimengistou konnte sich dies nur mit zunehmender Gewöhnung erklären, aber ganz los wurde er den Gestank trotzdem nicht.
               Interessiert beobachtete er von einem Strassencafé aus, wie sich denn die Bewohner Freistadts dazu verhielten, konnte aber an deren Verhalten nichts Außergewöhnliches feststellen. Sie benahmen sich, als litten sie alle an Schnupfen. Der Meister begab sich also nicht nur auf die Suche nach dem Typischen, das in sein Monument Eingang finden sollte, sondern auch auf die nach der Quelle des Gestanks.
               Oft glaubte er, etwas gefunden zu haben. So fielen ihm schon nach einigen Stunden wohnwagenähnliche Gefährte auf, die sich an jeder zweiten Ecke der Stadt auf den Bürgersteig vorfanden. Sie waren nach vorn hin geöffnet und ihnen bereiteten weißbekittelte Männer und Frauen Essen auf Papptellern vor, die von den Kunden mit sichtlichen Wohlbehagen verspeist wurden. Dimitri näherte sich die Wagen mit Vorsicht und versuchte, einen Blick auf das zu werfen, was zur Leibspeise von mindestens der Hälfte aller Freistädter zu gehören schien.
               Schon im Umkreis von ungefähr zwanzig Metern schob sich über den Grundgestank in der Stadt ein zweiter, kaum weniger übler als der erste, aber Mifalimengistou hatte schnell die Quelle dessen erraten. Vor Jahren war er bei einer Weltausstellung moderner Kunst in Kanada diesem Geruch schon einmal begegnet: ein deutscher Künstler hatte Becken und Bottiche mit diversesten durchsichtigen Rohren und Schläuchen arrangiert, durch die verschiedenste Flüssigkeiten liefen. Auf seine Fragen hatte ihm der deutsche Künstler dann erklärt, dass der durchdringende Geruch von ranzigem Fett stamme.
               Und genau danach roch es hier auch. Er schob sich näher an einen solchen Verkaufsstand heran und konnte sehr genau sehen, was sich da abspielte. In einer Fettpfanne lagen wie Heringe Würste von einer unbeschreibbaren Braunfärbung, die fettüberzogen vor sich hin brieten und funkelten. Bestellte nun ein Kunde eine derartige Wurst, verschwand sie noch für kurze Zeit in einem kleinen Behälter, in der wiederum reinstes Fett vor sich hinbrodelte, dann wurde sie klein geschnitten, ach was, zerhackt, ohne dass die Schneide des Messers Zeit fand, ihren Weg zu finden und als Höhepunkt des Prozesses kippte der Verkäufer eine Mischung roter und gelber Gewürze über das angerichtete Wurstmassaker, bevor alles völlig mit Ketchup zugedeckt wurde.
               Mifalimengistou wollte sich zwar schnellstens abwenden, weil bei diesem Anblick das sehr geschmackvolle Essen, das er in seinem Hotel eingenommen hatte, ungeschmackvoll aus dem Magen quoll, aber andererseits fand dieser Vorgang ein so starkes Interesse, das sich noch steigerte, als er sah, dass in dem Bottich voll ranzig riechenden Fetts auch noch Pommes frites und halbe Hähnchen aufgebraten wurden.
               Kurz trug er sich mit dem Gedanken, einen solchen Imbiss in seinem unverkennbaren Roststil nachzubauen und darin massenhaft Behälter mit altem Fett brodeln zu lassen, verwarf das aber wieder.
               Nein, auch wenn es sich bei diesen Imbissen um etwas Typisches Freistadts zu handeln schien, wollte er weitersuchen. Und ohne es in diesem Augenblick schon zu wissen, hatte er bereits gerochen, was ihn in den kommenden Tagen seines Aufenthalts immer bewusster werden würde. Nur wusste er nicht, dass er damit nicht nur der Lösung seiner künstlerischen Aufgabe sehr nahe war, sondern auch der Quelle des Freistädter Gestanks.
               Und da fiel sein Blick auf ein verkringeltes Etwas, dass sich auf dem vertrockneten Boden eines Straßenbaums frisch dampfend dunkelbraun abhob. Mifalimengistou hatte eine Idee.


© by Gerd Hunger

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