
In der Enge
Die Holsteinische Straße hat runde sechzig Hausnummern, auf jeder Seite derer gute dreißig. Für uns war nur der vordere Teil interessant, sagen wir Nummern 1 bis 8 und 52 bis 60. Alles andere war schon der hintere Teil, und die Kinder von dort waren die "Hinteren". Denen galt's ein paar in die Fresse, Steinschlachten und damit eingeworfene Scheiben und häßliche Dellen wie Kratzer in heiligen Autos eingeschlossen.
Wo die "Vorderen" wohnten, standen Altbauten mit Seitenflügeln, Gartenhäusern und mehr oder minder begrünten wie kahlen Hinterhöfen. Die Stirnseite bestand aus Ruinengrundstücken, und auch dort, wo die Grenze zwischen uns "Vorderen" und den feindlichen "Hinteren" begann, hatten Bomber des zweiten Weltkriegs eine Schneise geschlagen, die erst später zugebaut wurde. Als ich zu den "Vorderen" stieß, standen diese Neubauten noch nicht, und Steine für Straßenschlachten gab es genug. Tags spielten in den Ruinen die Kinder, und nachts sollten sich Gerüchten zufolge darin die schlimmsten Sachen abgespielt haben. Als ich das erste Mal von einer Vergewaltigung hörte, dachte ich an Skalpierung, wußte aber auch nicht so recht, was das eigentlich war.
Eines Tages große Aufregung vor den Ruinen: Feuerwehr und, für damalige Verhältnisse, immense Polizeieinheiten hatten sich vor ihnen versammelt. Aufgeregt rannten Neugierige zwischen den Uniformierten hin und her und verbreiteten Sagen.
Beim Spielen in den Kellern hatten Kinder hinter Gerümpel zwei Skelette entdeckt. Von ihren Uniformen waren nur noch Teile erhalten: Gürtelschlösser, Mützenschirme, metallene Knöpfe. Offenbar handelte es sich der Sage nach um SS-Schergen, die bei Kriegsende dort ausgeräuchert, von Phosphor-Bomben überrascht oder erschossen und liegengelassen worden waren. Fundsache 1959.
Uns Kindern war unklar, worum es ging. Gut, zwei Leichen, das war schon was, aber das begründete die Aufregung der Erwachsenen kaum. Es wurde auch bald wieder darüber geschwiegen in den Läden und Wohnungen. Die "armen Kerle", als lebten sie noch, wurden abtransportiert, Polizisten in Zivil durchsuchten in den folgenden Tagen die abgesperrten Restruinen und ließen die Absperrungen stehen, was uns nicht hinderte, ein paar Tage tote Nazis zu spielen. Aber Cowboy und Indianer war spannender; davon wußten wir einfach mehr, und sie waren uns historisch und geographisch natürlich näher.
Ich war integriert, der Schnee im Erzgebirge war von gestern, und nach einem halben Jahr war das Wirtschaftswunder - von Südfrüchten, die mich bald kaum mehr interessierten, abgesehen - vorbei. Geschenke wurden rar und fielen wie im Arme-Leute-Deutschland nur noch zu den dafür vorgesehenen Festen und längst nicht mehr so üppig wie in den Tagen nach meiner Ankunft im Westen an. Mit dem Tag unseres Umzugs von Schöneberg nach Wilmersdorf, aus der neugotischen Komfortwohnung in die graukalte Ladenwohnung blieb zwar das mich umgebende Warenparadies erhalten, aber schien täglich unerreichbarer. Unser gesamtes Umzugsgut paßte in den Kofferraum von Onkel Kapitals Opel Rekord. Als ich von seinen Rücksitzen auf den Bürgersteig rutschte, verlor sich das glitzernde Paradies der ersten West-Tage, und zwischen der Gräue der DDR und Glitzer-Berlins gab es keinen Unterschied mehr.
Unsere Kleidung stapelten wir vorerst in den Regalen des Ladens, zwei unbeschreibbare Trumms von Betten mit den berüchtigten Dreiteil-Rückenschmerz-Matrazen dienten nachts zum Schlafen und, tags mit Decken gewandet, als Sofas. Ein abgewetzter Teppich aus dem Büro meines Großvaters war das erste Luxusmobiliar, zu dem später ausrangierte Kommoden, Schränke, Tische, Stühle und Sessel von Bekannten und Verwandten hinzukamen. Ich lebte mit meiner Mutter vor der Mode des Begriffs in einer Sperrmüllwohnung.
Mit dem Verfügbaren mußte "gehaushaltet" werden, und dieses "Haushalten" wurde für Jahre zur wichtigsten Vokabel dieses Ladenhaushalts. Später, als meine Schwester zu uns zog, wurde ihr sogar geraten, mit ihrer Jungferschaft "hauszuhalten", also sparsam damit umzugehen, wie immer das auch gemeint war und was sie - was Wunder - auch nicht schaffte. Meine Mutter legte monatlich eine kleine Summe ihres sehr sparsamen Lohns beiseite, von der teils so unsinnige Anschaffungen wie Stehlampen und Tischdecken, Bettwäsche oder Blumenvasen getätigt, andererseits Rücklagen für größere Anschaffungen gebildet wurden.
"Haushalten", war mir klar, bedeutete, so schnell gäbe es nichts Neues. Wie spare ich aber an einem Comic, der am ersten Tag bereits dreimal gelesen und nach einer halben Woche auswendig gekonnt wurde? Aus dieser Not entstanden erste, nahezu sozialistische Solidargemeinschaften: Ich kaufte die Erzeugnisse Walt Disneys, Bernd "Fix und Foxi" und Detlef "Felix" - und dann wurde getauscht. Gut zwanzig Kinder waren in diese Genossenschaft eingetreten, in der sich die Mitglieder gegenseitig mit Stoff versorgten. Aus ihrem Gelingen erhielt sich in der Heimat des deutschen Kapitals eine kleine sozialistische Utopie, die darin endete, daß sich die erwachsenen Utopisten später Asterix privat leisteten.
Gut, das Paradies hatte sich als Lüge entpuppt; es galt nicht für alle. Was für ein Paradies? Die Waren lockten mich noch immer: Comics, Süßigkeiten, Schallplatten, Bücher oder Fahrräder, aber zwischen ihnen und mir fehlten die Mittel, Geld in seiner dümmsten Form, nämlich Asche, denn mit einer Mark in der Woche war ich regelmäßig am ersten Tag schon abgebrannt.
Eltern haben die Pleite in den Taschen ihrer Kinder bisher nur interpretiert, ich beschloß, sie zu verändern; soviel zu der Frühzeit meiner Kritik der politischen Ökonomie.
Mein Entschluß, in dieser anfangs unüberschaubaren Metropole des Besitzes zu bleiben, war ja nur entstanden, weil ich aus Schaufenstern und von Bildschirmen ununterbrochen aufgefordert wurde, am Besitz teilzunehmen. Von Geld hatte keiner etwas gesagt.
Auch meine Mutter redete selten vom Geld, weil sie kaum welches hatte. Ihr einziger Wunsch nach Luxus bestand darin, nicht länger mit dem Sohn, dann später mit Mann und Tochter in einer Ein-Zimmer-Wohnung zu hausen. Also wurde für eine größere gespart, wo doch für den Mindeststandard menschenwürdigen Lebens bislang auch schon in unserem Laden das meiste von ihren Einkünften wegging. Die vollen Weihnachtstische wurden zwischen Oktober und März im Wortsinne vom Munde abgespart.
Sie verdiente rund vierhundert Mark, und die Miete kostete allein schon achtzig. Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, ein Auto vielleicht, ja bitte, aber wie? Wir fuhren öffentliche Verkehrsmittel, Kinder noch für zehn Pfennige, gewaschen wurde am Rubbelbrett entlang in der Plastikbadewanne, in der auch Ganzkörperreinigungen stehend stattfanden, und zweimal im Jahr ging's ins öffentliche Wannenbad. Das Essen kühlte in der Speisekammer, und das klappte sogar, weil es noch so wenig Chemie enthielt, daß Butter, Milch und Wurst ihr wahres Alter selten geheimhalten konnten.
Als das Transistorradio nur noch mit Schütteln zum Spielen zu bewegen war, begann sie für eine Musiktruhe mit Plattenspieler zu sparen. Und hätte der Händler uns nicht eine Platte geschenkt, wäre der Plattenspieler wohl erst einen Monat später eingeweiht worden.
Mutters Familie Kapital war zwar Familie, aber die Blutsbande begannen bei Geld zu gerinnen. Ich fühlte mich getäuscht, begann fieberhaft zu suchen und wurde fündig. Unter der Bettwäsche im Schrank knisterte Papier zwischen Stoff. Nur machte mich mein Fund ratlos: Für einen Pfennig bekam ich zwei Gummibärchen und für vierzig Pfennige ein Micky-Maus-Heft. Für die silberne Mark öffneten sich schon die Waffenlager: eine Wasserpistole, Wasser gratis aus der Leitung. Bei fünf Mark wurde es zünftig: Knallplätzchenpistole im Western-Look mit Tasche und Munition für mindestens drei Wochen und tausend tote Indianer. Natürlich reichten meine Rechenkünste auch noch bis zehn Mark, wo aus den Münzen ein Schein wurde, denn alles konnte kombiniert werden: die Knarre mit Gummibonbons, das Katschi mit Brausepulver oder das Kino mit Cola. Was aber macht einer mit fünfzig Dingern?
Zu Bargeldverkehr war ich nicht erzogen. Von der weichen Mark in der DDR war mir suggeriert worden, sie sei nicht nur nichts wert, sondern man könnte dafür auch nichts kaufen. Die harte Mark besaß im Gegenteil diese Eigenschaften, aber ich besaß die harte Mark bisher nicht. Ich konnte den Schein ja schlecht wechseln und das verklebte Restgeld wieder unter die Wäsche schieben. Aber der kriminelle Entschluß war gefaßt, wie sollte da die Größe der Beute mich aufhalten können, zumal sie meine Vorstellungskraft einfach überstieg? Und das Wissen um die sichere Entdeckung spielte schon gar keine Rolle mehr, als ich zitternd vor Angst und Vorfreude den Schein faltete und in die Tasche schob.
Schafft ein Kindermagen Süßigkeiten für fünfzig Mark nicht, schaffen es zehn leicht. Wenn ein Kinderhirn sich Spielzeug für diese Summe nicht vorstellen und vor allem keinen Erwachsenen erklären kann: zehn Kinderköpfen gelingt es. Also begründete und festigte ich meine Stellung als neuer Bandenführer der »Vorderen« in der Holsteinischen Straße mit großzügigen Geschenken an meine Horde. Wer mit einer Mark oder weniger in der Woche auskommen muß, dankt für eine Prämie von fünf Mark herzlichst. Und wem das Kleingeld reichlich in der Tasche klimpert, denkt sofort erwachsener: Wir begannen zu rauchen.
Normale Packungen kosteten eine Mark und enthielten zwölf Zigaretten. Für Asoziale, Rentner, Lehrlinge und Kinder gab's "Wynchester" oder "P4", vier oder fünf Zigaretten in einer schmalen Packung, der von Präservativen nicht unähnlich, die dreißig oder vierzig Pfennige kosteten.
Auf einem der Ruinengrundstücke hatten wir uns aus abgeklopften Ziegelsteinen eine Höhle gebaut. Dort wurden Wörter eingeübt wie "ficken", "Votze" oder "knutschen", was alles für uns dasselbe bedeutete und wovon wir keine Ahnung hatten. Eingeschworene Weiberfeinde, die wir alle waren, hatten wir es natürlich schon wild getrieben, meist mit viel älteren und dicken, das heißt dreizehnjährigen "Putzen". Schließlich muß man kennen, was man haßt. Ähnlich war's mit den Zigaretten, bloß an die sind wir rangekommen.
Wenn wir nicht rauchten oder erotische Geheimnisse austauschten, spielten wir Fußball. Aus unserer Höhle wurde eine Kabine, wo wir uns, wegen ihrer Höhe, kniend umzogen und in der selbstverständlich nicht geraucht werden durfte. Es gab eine fast automatische Anzeigetafel, die der kleine Bruder von Rolf Schuster bediente. Stellte er die Zahlen falsch ein, gab's "Senge", was schließlich bald sein Spitzname wurde.
Sehr gefragt waren Begegnungen wie "Young Boys Bern" gegen "Hamburger SV" oder "Real Madrid" gegen "Eintracht Frankfurt". Wer nicht Uwe Seeler sein durfte, mußte sich mit Charly "Das-O-Bein" Dörfel zufrieden geben. Die Älteren waren stets die Deutschen, die Jüngeren die Ausländer. Damit waren die Gewinnchancen von Anfang an jedem dummen Zufall entrissen.
Die Schwester kam vor der Mauer, aber vor der Schwester kam der Vater aus Köln und nach dem Vater und vor der Schwester unser erstes Auto, noch vor einer größeren Wohnung, denn für Geld war in der neuen Heimat alles zu haben, nur Wohnungen nicht. Vor dem Vater war ein Fernseher ins Haus gekommen, und ich weiß bis heute nicht, was meine Mutter bewog, Vater zu Fernseher, ihr und mir zurückzuholen. Ebenso unklar ist mir, warum er nach erster Scheidung und zweiter, sehr langer räumlicher Trennung zu seiner Familie, die ihn kaum interessierte, überhaupt zurückkehren wollte. Köln war weit, aber selbst bis nach Berlin war die Kunde von seinem fröhlichen Leben in der Rheinmetropole, wo er es sich bei Kölsch und Kellnerinnen ein gutes Leben sein ließ, gedrungen.
Ab und zu trafen von ihm Pakete oder mit heißer Feder geschriebene Briefe bei uns ein, aber mit mir hatte über diese Familienzusammenführung niemand geredet; weder über die erste, deren Anlaß und Opfer ich war, noch über die anstehende mit dem Vater oder die folgende mit dieser Schwester, die in meiner Erinnerung nichts anderes war als ein Kotzbrocken, die erstens petzte, zweitens ihre Nase dauernd in Dinge steckte, die sie nichts angingen, und drittens aller Liebling war. Ich war niemandes Liebling, aber allein zu zweit mit der Mutter, an deren Leben ich soviel teilhatte wie sie an meinem, nämlich nahezu nichts, war in meines fast so etwas wie Ruhe und Sicherheit eingekehrt.
Klaute ich ihr Geld, wußte ich um die Konsequenzen. Was also sollte dieser Mann in unserer Behausung, mit dem sie mir neuerdings immer drohte: "Wenn dein Vater hier wäre ...!" oder "Wenn erstmal dein Vater wieder hier ist!"
Da am Anfang jeder Strafpredigt immer stand: "Du bist wie Dein Vater!", drohte ich mit den genannten Endsätzen langsam irre zu werden. Weil ich also wie mein Vater war, würde er mir ... na was?
An ihn erinnerte ich mich kaum noch. Wenn er in Annaberg nach Hause kam, öffnete er die Fenster und pfiff. Das hieß Abendbrot. Kamen wir in die Küche, stand das Essen auf den Tisch, und er war in der Kneipe, aus der er zurückkehrte, wenn wir schon schliefen. Ab und zu rochen wir seine Fahne, wenn er in unser Zimmer kam, um nachzusehen, ob wir schon schliefen.
Meine Mutter sagte: "Übrigens, Dein Vater kommt in den nächsten Tagen. Für immer. Dann wird hier einiges ganz anders," fügte sie orakelhaft hinzu.
In diesem Augenblick klingelte es. Vor der Tür stand ein Mann mit drei Koffern und einer Aktentasche, den ich erst, als er mich küssen wollte, am Geruch erkannte. Jahrelang wurde als Anektode in der Familie erzählt, daß ich echt berlinerisch "Wat willsten du hier?" gefragt hätte.
Daß er mit einer Drohung reagierte, wurde zugunsten der Anektode unterschlagen: "Das wirst Du schon noch merken!" Sächsisch.
Kurz vor dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls brachte dieselbe Ost-Tante, die bereits mich menschenhändlerisch dem Aufbau des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden entrissen hatte, meine Schwester in unsere enge Dreisamkeit, allerdings völlig legal im Rahmen der Familienzusammenführung, die für uns zu einer Zusammenpferchung wurde.
Obwohl ich mir sicher bin, daß ich mit zum Bahnhof mußte, um dieses Mädchen abzuholen, steht sie in meiner Erinnerung plötzlich vor der Tür des Ladens und sieht selbst für damalige Verhältnisse sehr altmodisch aus. Ihre Haare sind zu zwei Zöpfen zusammengezurrt, denen auch die obligatorischen roten Schleifen nicht fehlen. Das Gesicht ist grundiert von einer gesunden, bäuerlichen Rötung, die in dieser Stadt eher krank wirkte und mir sehr provinziell vorkam. Und dann dieser Mantel! Es dürfte ausreichen, ihn als passend zu den Kniestrümpfen und den braunen Tretern zu bezeichnen, mit denen in den Fünfziger Jahren auf Schulausflügen das Waldsterben begann.
Berliner Mädchen hatten spitze Nasen, blasse Teints, schmale Gesichter und sprachen einen anderen Dialekt, sagte mir meine Rassenkunde. Also stand vor mir kein Familienmitglied, sondern ein fremder, rundgesichtiger Dorftrampel. Dieses Urteil war Zeugnis meiner gelungenen Assimilation ins Fremde. Mit dieser Schwester in eine Sippe geworfen zu werden, ließ mich zu Recht Schmähungen meiner Freunde und Feinde, die oft eins waren, fürchten. Wahrscheinlich um mein Ansehen zu erhalten, statteten die Eltern dieses Landkind in den folgenden Monaten völlig neu aus, was hieß, daß ich in dieser Zeit mit meinen Bedürfnissen arg "hauszuhalten" hatte.
Walter Ulbricht betonte in einem Gespräch mit dem britischen Fernsehen, kein Mensch habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Postwendend geschah dann das Gegenteil, was mir endgültig bewies, daß Teddy Thälmann tot sein mußte. Apolitisch, wie ich im kapitalistischen Deutschlandableger mittlerweile dachte, fand ich, was meine Schwester anging, sei die Mauer viel zu spät gebaut worden und war mir darin mit "dem Ami" völlig einig.
Wand an Wand mit uns lebten in einer anderen. allerdings winzigen Einzimmerwohnung ein Kriegsinvalide mit kleiner, verhärmter Frau und fetter Tochter: die Bartoschs. In einer Ecke ihres Zimmers, nur von einem Vorhang abgetrennt, war die Küche, besser: der Herd. Das muß dort gewesen sein, wo bei uns die Blümchen der Tapete eine herbstliche Braunfärbung angenommen hatten. Zu ihrem Klo mußten sie über den Hof in den anderen Hausdurchgang. Zusammen lebten wir sieben in einer Zweizimmerwohnung ohne Tür. Standen die Fenster offen, rochen wir, was es bei den jeweils anderen zu essen gegeben oder ob jemand nachts Blähungen gehabt hatte.
Dennoch war der Kontakt eingeschränkt. Obwohl auch wir nur ein Wohnzimmer hatten, war es doch deutlich größer. Zu den beiden Monstren von Bett war bei uns zwischenzeitlich wie notwendig ein neues Wunderwerk der Raumspartechnik gekommen: die Klappcouch, tags Sofa, nachts Doppelbett. Auf der Musiktruhe befand sich ein Kleinschrank, der, besaß man den Schlüssel dazu, auch als Fernsehgerät genutzt werden konnte. Und Küche wie Innenklo zeigten deutlich, wer die wirklich Asozialen waren: die Bartoschs.
Mal klopfte Herr Bartosch mit seinem Krückstock gegen die Wand, wenn wir zu laut Fernwerbung sahen. Wir wiederum droschen mit Fäusten auf die Tapete, wenn er mit dem Stock auf Frau oder Tochter einschlug; allerdings nicht etwa aus Humanitätsduselei, sondern des Lärmes wegen.
Es herrschte ständig ein eingeschränkter Kriegszustand; schließlich konnten wir, wo Ost und West kalten Krieg praktizierten, im Haus keinen heißen auslösen, bedauerten das aber. Und weil im Kapitalismus bereits alle Klassenschranken niedergerissen schienen, die Sozialpartnerschaft tobte und meine Mutter täglich die Fahne hißte, die uns als zum Bürgertum gehörig auswies, sprach sie zwar mit Herrn Bartosch nie, grüßte aber seine Frau. Mein Vater grüßte sowieso niemanden, aber wir Kinder mußten alle Bartoschs grüßen: "Der Mann ist schließlich Invalide!"
Wenn es diese Proleten nicht gegeben hätte, wäre es uns dort unten viel beschissener gegangen.
Tags fuhr Herr Bartosch in einem Dreiradkarren, angetrieben über einen Hebel von seinen furchterregend muskulösen Armen, den beinlosen Körper durch die Straßen, schwatzte hier und dort, klopfte mit der Krücke an Ladentüren und gab seine Bestellungen, die auch prompt herausgereicht wurden, auf. Der Mann war schließlich Invalide.
Er lachte viel und schien überhaupt sehr lebenslustig, aber wir Christenkinder hatten trotzdem eine Heidenangst vor ihm: schließlich war er asozial, schlug Frau und Kind - und dann diese Muskeln!
Wenn der "schwarze Mann" in unsere Erziehung eingriff, trug er dunkelbaue Pullover, eine schwarze Schiffermütze mit Kordel über dem Schirm und rauchte selbstgedrehte Zigaretten wie Herr Bartosch!
Die fette Moni war seine Tochter. Sie sah aus wie eine zu breit geratene Pippi Langstrumpf ohne Zöpfe, dafür mit Pony. Wie andere zu dick geratene Mädchen dieses Alters verschaffte sie sich Respekt mit betont burschikosem Auftreten. Sie walzte sich mit der ganzen Pracht ihrer Pfunde durch uns durch, rothaarig, sommersprossig, übergewichtig, aber sonst ein Kumpel.
Nur anlegen durfte man sich nicht mit ihr. Gnadenlos nahm sie uns in den Schwitzkasten, schleuderte ihre Opfer hin und her, bis sich alles im Kopf drehte, der Hauch ausblieb und die Füße verzweifelt Kontakt mit der Erde suchten.
Aber für mich war die dicke Moni das erste Sexualobjekt - meiner Phantasien. Ich hatte zwar, was nach Freud sehr früh sein soll, eine Sexualität, aber ausgebrochen ist sie erst, als ich abends immer öfter begann, an Moni zu denken. Was immer das bedeutet ...
Als einziges Mädchen der Straße in unserem Wirkungskreis hatte sie schon Brüste, die sich in ihrer Mischung aus verbliebenem und angefressenem Speck so unübersehbar wie unförmig über ihren Brustkorb verteilten. Aber nicht sie lösten mein eigenartiges Wohlwollen aus, sondern die Schläge, die sie von ihrem Vater erhielt oder, besser: wohin sie sie meiner Ansicht nach erhielt. Also versohlte ich ihr in meinen Träumen den nackten Arsch, und sie durfte sich nicht wehren. Ich bin mir nicht sicher, ob das meine erste sexuelle Perversion oder nur Verdrängung der Angst war, die ich vor ihren Schwitzkästen hatte.
Es gingen Gerüchte um, daß sie mit den älteren Jungs schon einiges "hatte", wie meine Mutter vieldeutig ab und an beim Abendbrot und meiner Schwester zur Warnung erzählte: "Wenn da mal nich' bald noch'n Balg plärrt ...!"
Der Zusammenhang zwischen Schlägen auf Monis nackten Hintern und Säuglingen blieb mir noch lange unklar, weil ich, mit meiner Perversion allein gelassen, meine Sexualität zwar für etwas nur in mir mögliches, also unmögliches hielt, andererseits aber unbewußt verallgemeinerte.
Später erfuhr ich von der Presseagentur unseres Straßenteils, der Milchfrau und Lebensmittelhändlerin Buchholz, daß "diese, Sie werden sich daran erinnern, diese dicke Rothaarige, die bei Ihnen im Haus gewohnt hatte, ja, die Tochter von dem Krüppel, die hat ja jetzt'n Kind. Von diesem, na, den werden Se nicht mehr kennen, der hatte immer so Tätowierungen auf den Armen ...".
Aber verhau'n hätte ich sie schon gern mal, auf den nackten Blanken.
© by Gerd Hunger
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