
Der Vogelbaum
Es war einmal ein Baum, der stand genau an der Grenze zwischen zwei Hinterhöfen zweier Häuser in einer großen Stadt. Da man uns diese Geschichte lediglich überliefert hat aus einer Zeit, die lange vor uns gewesen ist, wissen wir nicht, was dies für ein Baum war.
Es kann eine Eiche oder eine Buche gewesen sein, eine Erle oder eine Lärche, ein Ahorn oder eine Kastanie. Nur daß es eine Birke hätte sein können, glauben wir nicht, denn der Baum muß nach den Erzählungen und überlieferungen ein sehr ausladendes Geäst gehabt haben. Auf jeden Fall muß es ein Baum gewesen sein, auf dem sich Vögel sehr wohl gefühlt haben; und es muß dazu gesagt werden, daß es wohl auch sehr viele Vögel gewesen sind, die in den warmen Jahreszeiten auf diesem Baum ihre Heimstatt hatten. Und es waren alle Arten von Vögeln, die in einer großen Stadt leben und morgens auf ihren Bäumen erwachen: Lerchen und Sperlinge, Meisen und Drosseln, Spechte und Amseln. Sie lebten friedlich vereint auf diesem Baum und brachten ihre Dankbarkeit dadurch zum Ausdruck, daß sie frühmorgens zwischen vier und fünf Uhr mit ihren Liedern die Menschen in den beiden Häusern weckten und fröhlich in den neuen Tag riefen. Diese nahmen das Geschenk auch an; ob sie dankbar gewesen sind oder gleichgültig , wissen wir natürlich auch nicht, aber es ist uns auch nichts darüber bekannt geworden, daß es irgendeinen Menschen, der seine Fenster zu diesen Höfen hatte, besonders aufgefallen wäre.
Vielleicht hatten sie ihre Schlafzimmer gar nicht zur Hofseite hin oder hatten einen so festen und tiefen Schlaf, daß sie das morgendliche Konzert mit seinen auf- und abschwellenden Gesängen, den Verlangsamungen und Tempisteigerungen, den kunstvollen Pausen und den Soli gar nicht hören konnten.
In einem dieser Häuser lebte zu dieser Zeit auch ein Mann in mittleren Jahren in einer zwar nicht riesigen, aber doch relativ großen Wohnung, der sein Schlafzimmer zu dieser Hofseite hin hatte, auf der unser Vogelbaum zeit seines Lebens stand. Dieser Mann lebte allein, und es schien so, als mache ihm das Alleinleben nicht besonders viel aus, vielleicht sogar Spaß oder Freude. Er litt keine große Not, hatte eine Arbeit, die ihn interessierte, und er war auch sehr selten zuhause. Wenn er schlief, schlief er, und wenn er doch einmal morgens zwischen vier und fünf Uhr erwachte oder in einen die Außenwelt wahrnehmenden Halbschlaf glitt, hörte er den Vogelchor mit seinen charakteristischen Einzelstimmen mit der Freude dessen, der weiß, der neue Tag kommt, aber es ist noch genug Zeit, sich umzudrehen, das Kissen unter dem Kopf zurechtzudrücken und auf das Klingeln des Weckers zu warten.
Ihm mangelte offenbar nichts, und in der Gleichförmigkeit seiner Tage hätte sich durchaus so etwas wie Wohlbefinden einstellen können, wenn man den Legenden jener Zeit wirklich glauben will. Aber der Mann wurde, ob es ihm gewiß war oder nicht, schleichend von Tag zu Tag unzufriedener. Warum, fragte er sich eines Morgens, klingelt dieser Wecker eigentlich immer zwanzig Minuten vor sieben? Weshalb klingelt er nicht mal um sechs oder um neun oder gar nicht? Beim Frühstück mäkelte er daran herum, daß es immer nur Graubrot gäbe, fragte aber nicht, warum er nicht mal anderes Brot einkaufte, denn schließlich lebte er allein und konnte gut selbst bestimmen, welches Brot er essen wollte. Er hatte ja die Wahl.
Las er ein Buch, fiel ihm plötzlich auf, daß in allen Büchern, die er bisher gelesen hatte, die Schrift schwarz und das Papier weiß gewesen sei. Warum gibt es keine roten oder grünen Schriften, weshalb können es nicht weiße Buchstaben auf schwarzem Papier sein?
So geriet er immer tiefer in seinen Groll, und nach und nach machte ihm auch sein Beruf keinen Spaß mehr. Er sah nur noch, was sich jeden Tag wiederholte, aber nicht mehr das, was neu und interessant war, hörte nur noch das Bedrückende aus den Reden seiner Kollegen und kümmerte sich nicht mehr um ihre Freude und Fröhlichkeit, ihre Erfindungen und Erzählungen. Abends konnte er nicht schnell genug in seine Wohnung kommen, seufzte erleichtert auf, wenn er das Schloß hinter sich schließen konnte und sagte sich nur noch: Ich will jetzt meine Ruhe haben!
Aber seine Ruhe fand er nicht. Hatte es ihn anfangs noch ein wenig aufgeheitert, wenn er endlich Ordnung in seiner Wohnung geschaffen hatte und nun Platz und Zeit dafür gehabt hätte, was er doch schon immer tun wollte, befiel ihn eine solche innerliche Leere, daß er nur noch apathisch in seinem Sessel sitzen konnte, weil ihm eigentlich nichts einfiel. Dabei erklärte er sich seine Unzufriedenheit damit, daß er vor lauter Arbeit und den Nichtigkeiten des Alltags nie dazu gekommen sei, das zu tun, was er eigentlich tun wollte.
Diese Apathie machte ihn schnell müde, und so ging er immer früher ins Bett, weil das, was er eigentlich tun wollte, verlangt hätte, es einfach zu tun. Wenn er es nicht tat, wußte er immer genau, was er wollte. Wollte er es tun, schien er das alles plötzlich vergessen zu haben.
Der frühe Schlaf hatte zur Folge, daß der Mann auch immer früher wach wurde. Weil er aber in den frühesten Tagesstunden noch weniger Energie aufbrachte, das zu tun, was er eigentlich wollte, blieb er dumpf in seinem Bette liegen. Diese Form der Schlaflosigkeit nahm immer mehr zu, und des Mannes bemächtigte sich insbesondere in den vielen Stunden des nächtlichen Wachliegens eine große Deprimiertheit. Er fühlte sich furchtbar allein, ungeschützt und abgetrennt von aller Wärme, und je mehr er sich unter sein Bett verkroch, um so kälter wurde es ihm. Er dachte an das Sterben, aber nicht an eines, daß das Ende des Lebens ist, sondern an eine Steigerung der Kälte, Winters allein und nackt in der gefrorenen Erde irgendeines Friedhofs zu liegen.
In diese seine düsteren Gedanken und Gefühle drang jeden Morgen der Gesang der Vögel vom Baum aus dem Hof durch sein offenes Fenster. Und weil er schon lange wach gelegen hatte, ärgerte es ihn, daß es jetzt erst die Zeit des Vogelzwitscherns sei und wie lange es noch dauern würde, bis er aufstehen müßte. Dabei hinderte ihn niemand, wenn er schon nicht schlafen konnte, das Bett zu verlassen und in der Morgendämmerung, zum Beispiel, durch die Straßen zu laufen und die Stadt wieder einmal so zu sehen, wie er sie als junger Mann oft gesehen (und geliebt) hatte: in der Frühe, aus dem Luxus heraus, nicht auf den Beinen sein zu müssen, sondern es zu wollen und zu können.
Den Mann aber ärgerten erst einmal vor allem die Vögel, als seien sie daran schuld, daß er nicht oder nicht gut geschlafen hatte. Er erinnerte sich, daß er einmal spät abends in der Dunkelheit mit einer Taschenlampe auf dem Hof zufällig in den Baum geleuchtet hatte, worauf darin die vielen Vögel ganz aufgeregt hin und her zu flattern begannen.
Er ging in seine Küche, öffnete ein Fenster, blies eine Papiertüte auf und brachte sie zwischen seinen Händen mit einem lauten Knall zum Platzen, was den Vogelgesang abrupt zum Schweigen brachte. Wenige Zeit später, die Vögel wollten gerade wieder zu musizieren anfangen, waren andere Bewohner der Häuser von dem lauten Knall erwacht, öffneten ihre Fenster und riefen "Ruhe, verdammt noch mal!" oder "Wer hat denn hier geschossen?" oder einfach nur "Scheiße!".
Jedenfalls sorgte dieser ungewohnte Krach dafür, daß die Vögel, die für ihren Gesang die Stille gewohnt waren, für diesen Morgen verstummten.
Den Mann aber hatte eine Idee gepackt, die ihn wie ein Fieber ergriff, und er begann auch für die folgenden Morgen zu überlegen, wie er den Vögeln ihre Frühmusik leidig machen konnte. Da er wußte, daß er innerhalb kürzester Zeit erkannt und ertappt würde, wenn er nun jedesmal Papiertüten am offenen Fenster zum Knallen brächte, entwickelte er mit einem hohen Einsatz an Erfindergeist und technischem Geschick immer neue Möglichkeiten, die Vögel zu erschrecken. So verband er den Zünder eines Sylvesterknallers mit einer Zeitschaltuhr und einem ausgeklügeltem Zündmechanismus oder installierte versteckt einen Schreckschußrevolver, den er per Seilzug zum Feuern brachte. Er montierte einen winzigen Lautsprecher in den Baum und spielte bei Beginn des Vogelgesangs eine Aufnahme einer Maschinengewehrsalve ab oder ließ eine riesige Mehltüte im Baum explodieren.
Jeden Tag und jede freie Minute war er nunmehr beschäftigt, sich immer neue Methoden der Gesangsverhinderung auszudenken, daß er völlig vergaß, was er eigentlich tun wollte, daß er lange mürrisch und apathisch gewesen war. Die Kälte wich aus seinen Nächten, und mit einem warmen Spannungsgefühl wartete er jede Nacht auf den Augenblick, in dem seine Arbeit Früchte trug und es den Vögeln ihre Stimmen verschlug.
Die anderen Bewohner des Hauses empörten sich über diese morgendlichen Ruhestörungen natürlich sehr, und sie setzten sich zusammen, um zu beraten, was zu tun wäre. Der Mann saß natürlich unter ihnen, weil ihn seine Abwesenheit eventuell verdächtig gemacht hätte, aber er lancierte die Debatte dann so geschickt in die Richtung, daß die Versammlung am Ende zu dem Schluß kam, der Krach komme immer, wenn die Vögeln zu lärmen begännen, sie lärmten aber nur, weil sie in dem Baum wären, dieser aber auf dem Hof stünde. Gäbe es den Baum nicht, wären keine Vögel drin, sie würden ergo auch nicht singen, und damit wäre der Krach weg!
Lange setzten sie die Besitzer der Häuser unter Druck, der Baum müsse dringend abgeholzt werden, nicht nur wegen des Krachs und der lärmenden Vögel, sondern er nähme auch Licht weg und sei sicherlich Ursache für allerlei Ungeziefer.
Weil diese Proteste immer heftiger wurden, kamen eines Tages viele Männer mit Sägen und äxten auf den Hof, zerkleinerten den Baum in seine Einzelteile und transportierten ihn schließlich ab. Zurück blieb lediglich ein kurzer Stumpf, und weil es ein sehr alter Baum war, war der sehr groß in seinem Durchmesser. Er sah aus wie ein Gartentisch.
Der Mann war zufrieden und lachte sich klammheimlich ins Fäustchen. Aber da er nun nichts mehr zu tun hatte, fiel er zurück in seine Apathie und seine Schlaflosigkeit. Fast schien es ihm, als wartete er die ganze Nacht nur darauf, daß die Vögel endlich wieder zu trillieren begännen, aber zwischen vier und fünf Uhr in der Frühe tat sich nichts mehr, und auch sonst war der Hof zwischen diesen beiden Häusern offensichtlich vogelfrei. Nur ein paar Tauben kackten die Dachrinnen voll, aber ihr Gurren nahm nicht einmal der Mann richtig wahr, selbst wenn er genau zu hören versuchte.
So schleppte er sich in seiner Lethargie, die mittlerweile zu seinem Grundgefühl geworden war, aus dem Bett, zog sich an und schlich durch die umliegenden Straßen, suchte nach offenen Türen und Höfen, auf denen ein Baum stand, in dem Vögel zwitscherten. Diese Suche füllte mehr und mehr auch seinen Tag, ohne daß sie ein Ergebnis brachte. Er verlor seine Arbeit, und schließlich verlor er auch seine Wohnung, aber er zog erst durch seine Stadt, die schon ziemlich groß war, auf der Suche nach einem Vogelbaum auf einem Hof, dann durch andere Städte, aber er wurde nicht fündig.
Woher hätte der Mann auch wissen können, daß der Baum auf dem Hof seiner ehemaligen Wohnung der letzte seiner Art war?
© by Gerd Hunger
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