
Christine
Von meiner ersten, einer tiefen Kinderliebe gibt es wenig zu erzählen. Ich lebte noch in der DDR, ging auf die Grundschule in die zweite Klasse und liebte Christine, Tochter eines Fleischermeisters. Ein Kind mit großen Augen, Bubikopf, alles in allem fast ein Junge, nur dass ich Jungen eben nicht liebte. Also tat ich für sie Dinge, die mir bei meinen Freunden nie eingefallen wären.
Ihre ältere Schwester und meine gingen in eine Klasse, aber das hat mit Christine und mir nur am Rande zu tun. Ich war noch nicht einmal neun Jahre alt, und, Ihr könnt es mir glauben oder nicht, ich wusste nicht so recht, was Männlein und Fräulein unterscheidet. Besonders Ihr Kinder der neuen Zeit, die Ihr schon im Kindergarten lächelnd diesen Unterschied bezeichnen könnt, werdet es hören, ohne zu begreifen.
Ich hatte zwar mit meiner Schwester früher oft nackt in der Badewanne gesessen - das ist mit Fotografien zu belegen -, aber die Kenntnis vom kleinen Unterschied war mir entweder schnell wieder entfallen oder evangelisch - moralisch mit Hilfe Hunderter von Kindergottesdiensten erdrückt worden. Als es eines Tages unvermittelt hieß, das gemeinsame Baden sei nun vorbei, dachte ich mir nichts. Vater und Mutter, Opa und Oma, Tante und Onkel - mir war schon klar, dass es mit diesen Unterscheidungen etwas auf sich haben musste, und mit fast jeden von ihnen hatte ich als Kleinkind mal in einer Wanne gesessen, aber wer dachte denn damals, dass diese Unterschiede später einmal zum Problem werden könnte. Und zu was für einem!
Turnen hatten wir immer nachmittags, Religion zwei Mal in der Woche vormittags und Biologie noch gar nicht. Die Familie schwieg sich über die existenziellsten Grundlagen unseres Seins aus und die Zoten, die mein Vater, wenn er genug getrunken hatte, von sich gab, konnte ich noch nicht enträtseln. Ich bemerkte nur das hektische Auf und Ab der Augenlider meiner Mutter, wenn er sie in unserer Gegenwart erzählte und vermutete ein interessantes Geheimnis dahinter.
Es war für mich die natürlichste Sache der Welt, zum An- und Umziehen lieber schlotternd ins eiskalte Schlafzimmer zu gehen als bei den anderen in der warmen Küche zu bleiben. Deshalb fand ich es nicht verwunderlich, dass auch die Anderen in der Familie mit dem Ding zwischen ihren Beinen ähnlich geizten. Alles andere hätte Erstaunen, wenn nicht sogar Empörung hervorgerufen.
Mein Schnuller-, Puller- oder Pfriemelmann war mein erster Freund und (als chronischem Bettnässer) Feind zugleich und so ziemlich das einzige, was mir in der Wohnung ganz allein gehörte. Also wurde ich schnell mit ihm intim.
Dass ich nachts manchmal davon träumte, die nackte und fette Frau Schuster um einen Waldteich zu jagen, um sie schließlich ins kalte Wasser zu werfen, half mir nicht weiter. Was sie zwischen den Beinen hatte, war zeit- und kulturgemäß in meinen Träumen ausgeblendet. Auf die Idee, dass es Haare sein könnten, wäre ich nie gekommen: Die hatte ich auf dem Kopf, mein Vater auch auf der Brust und manche Tiere am ganzen Körper.
Also, Turnen war immer nachmittags. Wir trieben uns meist schon eine Stunde früher vor der Aula, die uns als Turnhalle diente, herum und warteten auf Herrn Donner, unseren senilen Sportlehrer. Am Tag, als ich Christine zu lieben begann, waren gerade die kindhohen Zäune um den Schulhof mit grüner Farbe gestrichen worden. Ich trug das vorgeschriebene weiße Sporthemd, also ein Unterhemd, zu schwarzer Hose. Während wir warteten, veranstalteten wir in der Regel Wettrennen um das Schulgebäude.
Einer spielte dabei immer Heinz Florian Oertel, den bekanntesten Sportreporter der DDR. Die Mädchen waren Zuschauer und wir die Stars mit den Namen der damals bekanntesten Leichtathleten. Dabei war es egal, wenn Kugelstoßer oder Schwimmer überraschend in die Gilde der Läufer gerieten. Aus ideologischen Gründen mussten die Schwächeren immer als die Gegner "aus dem kapitalistischen" Ausland antreten.
Christine hatte mir bis dahin nichts bedeutet, aber das muss nicht unbedingt betont werden, weil es für einen Achtjährigen als höchst unschicklich galt (und vielleicht noch gilt), etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun zu haben. Aber dennoch achteten wir Jungstars sehr genau darauf, wer von den "Weibern" wen anfeuerte, wieviel Enttäuschung über Niederlagen oder Freude über Siege in ihren Gesichtern zu lesen war. Meine erste erotische Empfindung hatte also mit einem Wettrennen zu tun; andere mögen sich drum streiten, was das für mich bedeuten sollte.
Bevor mein Lauf begann, lehnte ich mich mit dem Rücken versehentlich an den frisch gestrichenen Zaun und unterschied mich fortan von den anderen durch ein grün gestreiftes Trikot, was auch Wolfi alias Heinz Florian Oertel in seinem Rennbericht zu würdigen wusste. Vielleicht brachte mir dieses sehr auffällige Signum, das mir zuhause einige Ohrfeigen einbringen sollte, die Zuneigung Christines ein. Jedenfalls war sie unter den stillen Mädchen das stillste, und als ich nach Vor-, Zwischen- und Endlauf den, ja, tatsächlich, Sieg davontrug, strahlte sie in mein keuchendes Gesicht. Ich war mir augenblicklich sicher: Das ist die Liebe! Weil ich aber mit dem Wort "Liebe" noch nichts anfangen konnte, dachte ich: Das ist es! Das ist sie! Oder besser: Das muss sie sein! Nämlich Christine.
Herr Donner kam, die Stunde begann. Mir ist heute noch unklar, wie die DDR mit solchen Sportlehrern an die Weltspitze im Sport vorstoßen konnte. In der Aula wurden die Stühle an die Wand gestapelt, und wir hüpften mit unseren billigen, oft geflickten Stoffturnschuhen auf dem ständig nach chemischen Reinigungsmitteln stinkenden Linoleum herum. Herr Donner saß während des gesamten Unterrichts auf der Bühne hinter dem Flügel und intonierte Volkslieder. Dazu machten wir so sinnige Spielchen wie Kniebeugen im "Waldeslust" - Rhythmus oder Bauchdeckenstrecken zu "Alle Vöglein sind schon da".
Christines freudenfeuchte Augen nach meinem Sieg im Wettlauf hatten mich an ihre Seite gedrängt; meine Seite wiederum war die grüne.
"Peter!", donnerte Herr Donner von der Rampe herunter, "wir kommen in ordnungsgemäßer Turnkleidung zum Unterricht!" Er zum Beispiel kam in Anzug und Straßenschuhen.
"Dddddas wwwwar dddder Zzzzzaun," stotterte ich, dachte aber: "... und nicht die Lerche."
Ich nahm Christines Hand, denn wir sollten einen Kreis bilden. "Des Müllers Lust" kam Donner in den Sinn und wir mussten im Kreise in die Knie und wieder auf.
"Auf, nieder, auf, nieder, auf, nieder ...!", dröhnte Donner. Wer weiß, woher er wusste, dass Müller so wandern, aber das Auf und Nieder weckte einen Wunsch in mir, wie ich ihn vorher nicht kannte. Ich hielt immer noch Christines Hand, Hand in Hand. Meine wurde feucht oder ihre; wer kann das heute noch wissen? Mein Mund jedenfalls näherte sich bei jedem Nieder immer weiter ihrem Handrücken.
Handrücken und Mund: nichts in meinem bisherigen kurzen Leben hätte die Assoziation Kuss wecken können. Küsse: das waren die alkoholgeschwängerten meines Vaters, die waschlappennassen meiner Tante Edith, die ihr abgerungenen meiner Schwester und die vom Lippenstift klebrigen meiner Mutter, die welken Oma - Küsse und die bissigen meines Onkels, der es wohl für unmännlich hielt, Neffen zu küssen und deswegen biss.
Katholische Handküsse für Priester, Bischöfe, Kardinäle oder Päpste hätte ich im erzprotestantischen Erzgebirge höchstens im Fernsehen sehen können, noch dazu nur auf dem Westkanal, was verboten war. Aber Fernseher kannten wir noch nicht; bei dem Wort hätte ich höchstens an Feldstecher gedacht.
Wie auch immer: nach dem neunten oder elften "Nieder!" schoss ich strikt auf und als ich wieder niederkam, drückten sich meine Lippen leicht geöffnet auf Christines Hand und meine antwortete mit zärtlich - tröstendem Druck auf ihr erschrockenes Zucken.
Herr Donner wechselte von den perversen Gelüsten des Müllerhandwerks zum "Frühtau zu Berge", aber diese Zweideutigkeit lasse ich mal folgenlos, weil mich der Kuss zwar in eine schwer beschreibbare Erregung versetzt hatte, aber die befreundete wie feindliche Macht zwischen meinen Beinen natürlich noch nicht berührte. Donner war halbblind. Er hatte zwar die grünen Streifen auf meinem Hemd gesehen, nicht aber den Kuss. Den wiederum hatten die fürchterlichsten Feinde eines Achtjährigen gesehen: andere Achtjährige!
Einige Jungen aus meiner Klasse waren Zeugen dieses Kusses geworden und, kaum war die Turnstunde beendet, gellten mir die Rufe vom "Weiberhelden" und "Muttersöhnchen" hinterher, die nicht etwa deswegen freundlicher klangen, weil sie in breitestem Sächsisch gebrüllt wurden.
Heute denke ich manchmal darüber nach, was Jungen in diesem Alter veranlasst, Liebe und Freundschaft zu Mädchen so zu diffamieren. Sollte das bereits das "Schwanzdenken" sein, wie man es oft von der lila Seite des Universums zu hören bekommt? Als Vorwurf, natürlich. Wie aber das bei diesem kümmerlichen, nein, ich schreibe nicht: Zipfel, wohl aber Hängsel, das meiner Seele wie meinem Kopf zwar wert war, aber auf beide noch kaum einen Einfluss hatte.
Und ich erinnere mich auch, dass nicht die Mädchen auf Christine einbrüllten, sondern nur die Knaben auf mich. Es war wohl eher Korps- als Körperdenken, was mich nach meinem ersten Handkuss plötzlich zum Unjungen machte.
Manche Schritte in unserer Jugend, die wir eher aus innerer Not denn aus Überzeugung tun, können wir später als richtige begreifen. Und obwohl ich alles andere als ein Held war, entfloh ich den Beleidigungen der anderen mit einer Heldentat. Ich nahm Christine sehr bewusst und öffentlich an die Hand und brachte sie nach Hause. Diese Handnahme historischen Ausmaßes lenkte mich in die entscheidende Richtung meines Lebens: zu den Frauen. Ich ahnte, dass bei ihnen ein Geheimnis schlummerte, dessen ich habhaft werden wollte, und ich verzweifle auch heute nicht daran, dass ich noch immer danach suche.
Meine frühreife Tat mit Christine blieb nicht ohne Folgen. Nur die Münder dienen der Liebe, denn sie lügen nicht. Aber die Mäuler haben in der Geschichte der Menschwerdung des Affen manche Liebesbande zerstört. Und die Bande meiner Klassenkameraden sorgte dafür, dass die Nachricht von den zarten Bindungen zwischen Christine und mir nicht nur an die Ohren des Fleischermeisters Lindner drangen, der einer der letzten "Privaten" in der sozialistischen Volkswirtschaft war; nein, auch meine gestrenge Großmutter erfuhr davon und sie war dem Brauche gemäß die Sippenchefin, seit mein Großvater seine Augen für immer geschlossen hatte.
"Diese Sünde muss ein Ende haben!", befahl sie meinem Vater, in dem sie zu Unrecht meinen Erzieher vermutete.
Mein Vater arbeitete in der gleichen Branche wie der Christines, nur eben nicht selbständig oder "privat", sondern angestellt beim Fleischermeister Lang, dem Konkurrenten Lindners aus der Wolkengasse. Der war aber nicht verheiratet, hatte auch keine Kinder. Seine Töchter war also schon deswegen tabu für mich, weil es sie nicht gab. Aber mein Vater hatte Menschensinn und Zukunftsblick, also antwortete er nur:
"Der Junge hat Verstand. Verliebt sich in die Tochter eines Fleischers, hat er immer was zu fressen."
Von dieser seiner Einstellung erfuhr ich zwar erst sehr viel später, aber weil die Lindners in meinem sozialistischen Vaterland dennoch oder gerade deshalb mächtige Leute, weil "Private", waren, half mir das auch nicht viel. Herr Lindner verbot seiner Tochter fortan jeden Kontakt mit mir Erbschleicher und Hungerleider, obwohl ich es auf sein Fleisch gar nicht abgesehen hatte - und zu Christines fiel mir noch nichts passendes ein.
Ihre und meine Schwester wurden verdonnert, uns beide auseinanderzuhalten, weil sie sowieso immer zusammensteckten! Es war nicht nur deshalb ein völlig unsinniges Verbot, sondern widersprach auch der Natur, nicht nur der Christines und mei¬ner, denn in Weltgeschichte wie -literatur gibt es genug Beispiele, welchen Kriegs- und Blutsaufwandes es bedarf, Liebende zu trennen, sondern vor allem der Natur unserer Schwestern. Deren Fleisch juckte nämlich in schon ganz anderen Dimensionen als das unsere - und die dazugehörigen Knaben gab es auch schon.
Ich liebte Christine also heimlich, und sie tat es mir nach. Während unsere Schwestern sich in Hausfluren versteckten, zog es uns in die Wälder, wo wir nicht wussten, was mit der Liebe anzufangen sei. Ich trug ihr, allen Beleidigungen zum Trotz, weiterhin die Schultasche nach Hause, besser: bis eine Ecke vor ihrem Haus. Im Wald aber redeten wir davon, bald zu heiraten, wenn wir erst mal lange genug verlobt wären. Das waren wir nämlich de facto schon vom ersten Tag unserer Liebe an. Ich gab ihr von meiner West - Schokolade und sie mir von ihrer Ost - Wurst. Nichts hätte uns trennen können außer - einer Trennung.
Meine Eltern hatten sich inzwischen in den großen Treck der deutsch - deutschen Völkerwanderung von Ost nach West eingereiht und nur wir Kinder verblieben noch einige Zeit bei Großmutter, Onkel und Tante in der DDR. In den Sommerferien sollte ich meine Eltern in West - Berlin besuchen, ohne zu wissen, dass die Sippe längst beschlossen hatte, meine Abreise vom Bahnhof in Karl Marx Stadt sollte zu einer Reise ohne Rückkehr werden
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An meinem letzten Tag in der Heimat wollte ich Christine das erste Mal richtig küssen. Ich spitzte die Lippen und kam auf ihr Gesicht zu; sie bekam von der gerade noch genossenen Waldmeister Limonade einen Schluckauf. Ich traf ihr Kinn, das getroffen ruckartig hoch schoss, und stieß für uns beide schmerzhaft mit einem Zahn dagegen.
Ich versprach, ihr eine Karte zu schreiben, was ich nie tat. Sie schwor mir ewige Treue, betrog mich aber schon dreizehn Jahre später mit einem Parteisekretär aus Zschkopau und heiratete ihn sogar. Gott sei Dank war ich auf ihren Schwur nicht hereingefallen.
© by Gerd Hunger
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