Stones

Die erste Platte

               Montags gibt es immer im RIAS die "Schlager der Woche". Der Moderator heißt, wenn die Erinnerung richtig buchstabiert, Fred Ignor. "Tschüss, liebe Schlagerfreunde, Tschüss bis zum nächsten mal und bis dahin - alles Gute".
               Mittwochs gibt es eine Wiederholung, die aber bis Viertel nach Mitternacht geht, und da ist das Zimmer, in dem die Musiktruhe der Familie steht, das Schlafzimmer meiner Schwester. Aber auf RIAS 2 gibt es auch eine Wiederholung am Freitag, da ist die Schwester meist aus und ich kann mich auf die Titel freuen, die ich mir montags notiert habe. Die Sendung ist mono und als ich das erste Mal höre, notiere ich mir nur ganz wenig Titel. Meistens Cliff Richard And The Shadows. Manchmal auch auf Deutsch: "Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da." Hat mich Gabi heute wieder nicht geküsst, weil es zu kalt war und ich blaue Lippen hatte? Oder kennt sie das Lied gar nicht?
               Und dann kommen sie endlich. Ich hatte von ihnen gehört, aber noch nichts gehört. Die Beatles. "Love Me Do". Es ist anstrengend, zwei Mal in der Woche eine ganze Stunde Radio zu hören, von der nur zwei Minuten und ein paar Sekunden hörbar sind. Kaum hat die Erregung angefangen, kommt schon der Schlussakkord.
               In der Anstalt ist es das Thema. Ich höre denen interessiert zu, die sich auskennen. Es soll eine Langspielplatte von ihnen geben, das fasziniert mich, auf jeder Seite über `ne Viertelstunde, dann wäre ja "Love Me Do" nicht zu Ende nach zweieinhalb Minuten. Hindernis: 18 Mark! Ich kratze mein Sparschwein aus bis auf die Innereien, gar nicht leicht bei einem Ding, das aus Plastik ist und nicht geöffnet werden, sondern nur geschlachtet werden kann. Als ich es leer habe, würden durch den Schlitz auch Fünfzig-Mark-Stücke passen, wenn es sie gäbe: 9,43!
               Über mehrere Wochen übe ich Verzicht auf alles, was mich an meinem Taschengeld erfreute und habe endlich zwei Hände voller Münzen, zusammen gerechnet 18,71. Bei Baltzers von der Drogerie tausche ich sie, die brauchen immer Kleingeld.

               In der Wexstraße gibt es einen Plattenladen: "Melodie". "Was sie hier nicht finden, beschaffen wir Ihnen.". Das Schaufenster sieht schrecklich aus. Rex Gildo. Fred Bertelsmann. Nana Mouskouri. Unter dem "was sie hier nicht finden", steht klitzeklein "in zwei Wochen".
               "Wie heißen die?", fragt der Besitzer, der wie Fred Bertelsmann aussieht.
               Ich wiederhole geduldig den Namen. Wahrscheinlich hat der Fachmann ihn einfach nicht verstanden.
               Er schaut mich unfachmännig fragend an.
               "Sind das so Langhaarige?"
               Na endlich. Jetzt hat er’s.
               "Ich glaube nicht, dass ich die habe. Aber ich habe hier eine, die sind auch langhaarig."
               Er verschwindet völlig hinter seinem Ladentisch. Als er wieder hochkommt, hat er einen roten Kopf vor lauter Anstrengung.
               "Ich glaube, das ist so was Ähnliches."
               "Aber das sind …", ich wollte "fünf" sagen, schlucke es aber runter.
               "Die kommen mir nicht in meine Wohnung", höre ich meine Mutter sagen.
               "Mit unserer teuren Musiktruhe spielst du die nicht", ergänzt mein Vater.
               "Die habe ich ganz allein angeschafft, auf Raten", widerspricht meine Mutter, "da bestimme ich noch immer, was damit gespielt wird."
               Bevor sie ihren Widerspruch bemerkt, beschließe ich, meinen Erwerb heimlich in die Wohnung zu schaffen und sie nur mir vorzuspielen.
               Die Typen auf dem Bild sehen grässlich aus. Ich habe nie gelernt, Nein zu sagen und das kostet mich jetzt 18 Mark. Als ich nach Hause laufe, trage ich Platte so, dass keiner das Bild sehen kann.
               Vor der Wohnung lege ich sie unter die Fußmatte und erkunde das Terrain. Die Luft ist rein, aber nicht lang. Ich bewege die Musiktruhe, Strom anzunehmen und den Plattenspieler sich zu drehen. Mit einem Knacks setzt er auf und ich bin geschockt. Das sind quäkige Chinesentöne, begleitet von mir bis dahin nicht bekannten Instrumenten. Nach acht Minuten hat das Entsetzen ein Ende, aber weil ich nicht glauben kann, was ich höre, spiele ich zum zweiten Mal in der Hoffnung, es käme jetzt etwas anderes aus dem Lautsprecher.
               Zur Kontrolle lege ich Freddy Quinn auf. Freddy Quinn klingt wie immer. Ich habe den Verdacht, dass die kleinen Platten besser zu dem Plattenspieler passen als große, denn solche hatten wir bis jetzt noch nicht. Vielleicht waren sie ihm zu groß, vielleicht war er dafür nicht gebaut.

               Ich greife zum Telefon und rufe meinen besten Freund an. Er geht nicht ran, kann es auch schlecht, weil er noch kein Telefon hat, aber das nehme ich ihm nicht übel: Wir haben schließlich auch keins.
               Ratlos stehe ich an der Fensterfront im Erker. Fredie Ost kommt gegenüber aus dem "Narrkose-Stübchen", leicht unsicheren Schritts. Er ist ein Stricker der Frühschicht in der Firma meines Onkels, dem auch das Haus gehört, indem wir wohnen – und Fredie Ost zwei Etagen über uns.
               Ich laure ihm hinter der Wohnungstür auf und als er den letzten Treppenabschnitt besteigt, komme ich wie zufällig aus der Wohnung.
               "Hallo, Fredie!"
               "Ha – Hallo, Peter!"
               Ich bin zwei Stufen unter ihm, da tue ich, als fiele mir was ein.
               "Du, Fredie, sag mal …".
               "Peter?"
               "Hast Du’n Plattenspieler?"
               "Logisch", sagt er, "und was für einen!"
               "Ich hab da’n Problem."
               "Joi, joi, joi", pfeift Fredie, "wie ham deine Eltern denn den über’n Krieg gerettet?" – "Oder habt Ihr’n Museum überfallen?"
               Ich kann seine Häme nicht ertragen, also lege ich Freddie Quinn auf.
               "Geht doch, die Kreissäge! Was is denn dein Problem?"
               Ich lege die Langspielplatte auf und all die Chinesen von der schwarzen Scheibe legen los.
               "Ich find, das hört sich etwas seltsam an, oder?"
               "Das will ich meinen."
               Irgendetwas gluckst in seinem Bauch. Er wird uns doch jetzt nicht auf den Teppich kotzen, denke ich, aber das Glucksen wird lauter und ergreift seinen muskulösen Oberkörper, dann brüllt es aus ihm raus: "Was – was – was ist das denn?"
               In mir festigt sich die Gewissheit, mich verkauft zu haben.
               "Dreiunddreißig", sagt Fredie, der sich langsam wieder beruhigt, "Jungchen, eine Ellpie musst du auf dreiunddreißg laufen lassen. Lernt ihr denn gar nix Gescheites da auf so’nem Gümnasium!"
               Der Tonarm hebt sich von der Platte. Ich höre ein Klacken, als Fredie in die offene Truhe greift.
               "Ne Ellpie auf fünfundvierzig!"
               Er wackelt zur Wohnungstür.
               "Ich fasses nich’."

               Ich hole tief Luft, dann stelle ich den Plattenspieler an. Es knackt, als der Tonarm aufsetzt. Es stimmt, nun klingt es anders. In meinem Kopf geht es rund. Die Chinesen hatten zwischenzeitlich Stimmbruch, aber – es sind immer noch Chinesen. Chinesen, die sich einen englischen Namen gegeben haben. The Rolling Stones. "Around And Around". Keine Beatles. Nix "Love Me Do". Du mich auch.


© by Gerd Hunger

Zurück zur Startseite