Karpfen

Großvater und der 47er Karpfen

               Rechts stand immer die Kautsch. Einige Menschenleben stand sie gleich rechts neben der Tür unter der Uhr und hinter dem Esstisch in der Küche. Wie sie früher mal ausgesehen hatte oder was aktuell an ihr noch original war, wusste wohl keiner von den vielen, die sie benutzten. Zum Einen war sie schon mehrmals bezogen worden, und immer war sie bedeckt mit einer dieser bekannten Schondecken.
               Wir Kinder mussten immer auf der Kautsch sitzen; die Stühle waren, zumindest beim Essen, nur für die Erwachsenen, obwohl's Unsinn war. Die Kautsch war nämlich so tief, dass wir weder durch die Nasenlöcher, geschweige denn durch den Mund hätten essen können. Unsere Sitzlage legte eher nahe, uns das Essen über die Köpfe zu kippen oder, was der Wahrheit näher kam, es uns durch einen (Nürnberger-)trichterähnlichen Stutzen einzufüllen, denn das war Essen: Füllen, egal wie und was, aber möglichst viel und meist über die Sättigungsgrenze weit hinaus:
                "Ich bin satt, mag kein Blatt. Mäh, mäh!"
               Also thronten wir auf einem wackligen Stapel Kissen und versuchten, das Fressen in unserem Inneren möglichst gleichmäßig zu verteilen, um nicht umzukippen und gleichzeitig zu verhindern, dass wir uns im Falle des Kissensturzes Messer in Bäuche oder Gabeln in Augen rammten. Aber vermutlich diente diese Prozedur dem sinnvollen Training, uns zum Stillsitzen zu disziplinieren:
                "Nu' sitz doch emoal stille, oder hoaste Kwecksülbör im Hintern?"
               Zum Küchenfenster hatte man sich also zwischen Kautsch, Esstisch und dem Herd durchzudrängeln und geriet dann in eine noch viel engere Gasse zwischen Küchenschrank und Abwaschkommode, weil hinter dem Schrank ein provisorisches Badezimmer abgetrennt war. Standen Großmutter oder Tante beim Abwasch, war kein Durchkommen mehr und keine Lade des Schranks zu öffnen. Wer das Essen servierte, lebte immer in der Gefahr, sich hinterrücks am glühenden Eisenofen zu entzünden, der die einzige Kochgelegenheit war und sommers wie winters brennen musste: Morgens für den Frühstückskaffee und -tee, vormittags, um diverse Essen vorzukochen, mittags zum Erhitzen des Mahls, am frühen Nachmittag für Klein-, Bunt- und Kochwäsche, zu "Gaffe und Guchen" nachmittags und am frühen Abend zur Vorbereitung des Nachtessens, das so hieß, weil jeder fürchtete, ohne dieses opulente letzte Essen vorm Schlafen nachts klammheimlich zu verhungern. Und weil es weder Warmwasserversorgung noch einen Boiler gab, brannte der Ofen zwischendurch immer für diverse Töpfe mit warmen und heißen Wasser für Abwasch, Wohnungs- und Körperreinigung. Die Ganzkörperreinigung, die hinter Küchenschrank und Plastevorhang stattfand, verwandelte im Vorfeld die Küche in eine Dampfsauna.
               Sie war nicht nur der absolute Herrschaftsbereich meiner Großmutter; sie war auch Wohn-, Ess-, Mittagsschlaf- wie Gästezimmer, Salon und Verhandlungsraum, Empfangssaal und Wäscherei, Bügelzimmer und Schularbeitsraum:
                "Geh'n wor erstmal in de Güche!" Als hätte es, außer am Sonntagnachmittag, noch räumliche Alternativen gegeben ...
               Die Funktion der Schlafzimmer war vorgegeben und duldete Ausnahmen nur bei Krankheit und Strafe, und die des Wohnzimmers eindeutig beschränkt auf drei bis vier Stunden am Sonntag vom Mittagessen bis zum Kaffee sowie für die klassischen Ausnahmefälle wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Taufe, Hochzeit oder Tod. Erst lange, nachdem ich die DDR verlassen hatte und nur noch Tante und Onkel die Gemächer bewohnten, erhielt ich verklausuliert die Nachricht, dass mit dem Einzug eines Farbfernsehers der Marke "Zauberton" das ehemalige Weihewohnzimmer zum banalen Vorabend- und Abendzimmer entweiht worden war.
               Zu Lebzeiten des Großvaters Max Schoppe, der im Allgemeinen und von Allen der "stramme Max" genannt wurde, hatte das Wohnzimmer, das in der Ecke am Fenster einen alten und dennoch glänzenden Eichenschreibtisch beherbergte, noch die Funktion des Familienbüros. Und Bürovorsteher wie einziger Nutzer war der Großvater. Nach seinem Tod erlosch aber auch diese Funktion, und die Vielzweckwaffe Küche übernahm sie.
               Obwohl der "stramme Max" zwar ein typisch erzgebirgischer und sächsischer Patriarch, wie es keinen schöneren gibt, war, blieb ihm in der Küche bis auf eine Ausnahme nur die Rolle des völligen Untertans, Sklaven, Gehilfen und Knechts der wendigen, dicken und kleinen Großmutter.
               Wie mit einem unartigen Kind, das beim Essen in der Nase gepopelt hatte, schimpfte und murrte und maulte Oma Melanie mit ihrem "Alten", der so natürlich vor uns Kindern nie genannt werden durfte. Eins nämlich ließ der "stramme Max" selbst unter der Knute der Großmutter in der Küche nie: Er qualmte seine dicken, billigen und stinkenden Zigarren.
               Bei der ersten maulte die Großmutter leise vor sich hin. Bei der zweiten hieb sie, sonst eine Seele von Mensch, alles Küchenwerkzeug, mit dem sie hantierte, kräftig und laut auf Tisch, Büffet oder Herd. Zündete er sich die dritte an, hub ein gewaltiger Streit an, den der Großvater jedes Mal mit demselben Argument beendete; Atmen, Furzen, Rülpsen und Rauchen lasse er sich auch in der Küche nicht verbieten - und so war es auch. Großmutter knallte noch einen Deckel auf einen Topf, während Max bewusst eine dicke Qualmwolke in ihre Richtung pustete.
        Der "stramme Max" war nämlich durchaus nicht maulfaul: Er hatte die ständig freche, sächselnde Schnauze eines Marktweibs, und darum versammelte er unter den Menschen um sich herum mindestens so viele Feinde wie Freunde, die untereinander auch durchaus ihre Rollen sehr schnell tauschen konnten.
               Das war nach dem zweiten Weltkrieg wie in Faschismus und real existierendem Sozialismus so wichtig wie gefährlich. Der Großvater, der trotz der vielen Mangeljahre nie dünn war und trotzdem bis zu seinem Tod eher ein jungenhaftes Gesicht hatte, also zumindest in Teilen ein eher untypischer Opa war, schaffte es spielend, aus so dubiosen wie dunklen Quellen rare Nahrungsmittel und Luxusartikel für seine Sippe zu beschaffen, über die andere nicht verfügten. Wenn er dann harte Würste, Kaffee, Zigaretten, Schokolade, Brote, Fette oder Schnäpse aus seiner immer gebeulten und voll gestopften Aktentasche hervorkramte, strahlte sein Jünglingsgesicht bis hinauf zu den korrekt und kurz geschnittenen und akkurat gescheitelten Beamtenhaaren, die ihn zwar grau, aber immer noch nicht alt aussehen ließen.
               Im reifen Alter von 55 Jahren rollte er in voller Feiertagsmontur durch den Schnee die Straßen von der "Festhalle", seiner Alkoholquelle, die Lindenstraße hinunter bis vor unsere Haustür, weil ihm irgendwer eine Flasche Schnaps dafür geboten hatte. Die fast weltmeisterliche Leistung, für eine Salami über einen zwei Meter entfernt stehenden alten DKW hinweg zu pinkeln, ist zwar notariell nicht beglaubigt, aber wahrscheinlich. Als ich dreißig Jahre nach seinem Tod das erste Mal wieder die "Heemat" besuchte, sprachen mich mir wildfremde Menschen immer noch auf dieses historische Ereignis an.
               Großvater war ein Tier, ein charakterlicher Koloss, der sich entschlossen hatte, seinen vielen oft geschmacklosen Scherzen, die er aus unerschöpflichen Quellen schöpfte, als Krönung einen darauf zu setzen: sich selbst. Er narrte, erpresste, betrog, schimpfte, intrigierte und schlug um sich - und soll doch so ein "feiner, stiller Mensch" gewesen sein.
               Ausgerechnet für einen solchen hielt ihn die schlimmste Feindin seiner ganzen Sippe - meine Mutter. Einschließlich ihres eigenen Mannes, der ja schließlich des Großvaters Max' Spröss- und Zögling war, war ihr die ganze angeschwiegerte Sippe ein Gräuel, schon weil diese das unvermeidlich breiteste Sächsisch qua ihrer Zugehörigkeit zu diesem Volksstamm sprach. Nur der, der noch breiter als alle anderen sächselte, der "stramme Max", war ihr unerklärlicher Weise ein Gott.
               Dieses feixende Monstrum, das seinen Enkeln zuliebe ganze Seiten arg holzhaltigen DDR-Zeitungspapiers fraß und die widerlichsten Grimassen im Erzgebirge schneiden konnte, übernahm ein einziges Mal im Jahr im Reich der Großmutter Melanie das uneingeschränkte Regiment. Sie, bei der wohl keiner auf Augenschein je auf die Idee gekommen wäre, sie sei unterdrückt, so eisern führte sie ihre Küchengewalt, wurde bei diesem Anlass still und fast unterwürfig, beschränkte sich auf Handreichungen und schwieg selbst zu Großvaters stinkenden Zigarren. Deren Asche hing bedrohlich lang über den teuren, weil seltenen Nachkriegslebensmitteln, drohte in Töpfe und Terrinen zu fallen und ihren Inhalt zu verderben, fiel aber und verdarb nicht, und Großmutter schwieg.
               Dieser eine Tag im Jahr war der 24. Dezember, der sich in unserer Familienbande dadurch auszeichnete, dass alles Unheilige fromm, alles Böse gut und alles Streitbare friedlich und harmonisch wurde. Die Göttinnen hafte Macht der Großmutter war gebrochen: über qualmenden Herd, Töpfen und Essen schwadete der Rauch von Großvaters Zigarren.
               Bis ins kleinste und feinste Detail wurde schon Tage und Wochen vorher geplant und ausgetüftelt, was doch jedes Jahr dasselbe war und schon seit Großvaters Existenz als Familienhaupt feststand: Er besorgte, bereitete und servierte den Weihnachtskarpfen:
               "Heelscher Oabend, heelscher Fisch!"
               Schon in der bitteren Frühe auch des 24. Dezember 1947 zog er wie immer los, ausgerüstet wie ein berufsmäßiger Fischer, um sich, wie er es auch jedes Jahr wiederholte, "een floddn Hecht", der bloß ein Karpfen sein würde, zu angeln.
               Dabei war er, der noch nie im Leben Angeln, Netze oder Reusen bedient hatte und die Fortbewegungsart mit Boot oder Schiff für "reenstes Deibelszeuch" hielt, wie immer weit davon entfernt, sich selbst einen zu angeln. Ans Wasser begab er sich stets nur widerwillig, und manche aus der Familie behaupteten sogar, bei solchen Anlässen in seinen Augen etwas ihm eigentlich völlig Fremdes, nämlich Angst entdeckt, zu haben.
                "Wennsch fors Woasser geborn wär, hättsch Flossn un Kiemn."
               Sein Heilig-Abend-Fischfang war ein einziges Spiel - und er spielte die Hauptrolle, die tragende Rolle, denn er trug einen großen Wassereimer als wesentliches Requisit seiner Taten bei sich.
               Beim Fischhändler Buschmann in der Kleinen Kirchgasse, einem seiner besten Freunde und ausgiebigstem Saufkumpanen, erstand er genau den Karpfen, der es sein musste. Dabei war er durchaus nicht, wie meine Mutter vermutet hätte, von feiner Wesensart, sondern brachte den ganzen kleinen Laden samt Bedienung und Kundschaft für einige Zeit völlig durcheinander; denn in der Regel sollte es ein Karpfen sein, den schon ein anderer Kunde bestellt hatte bzw. den Buschmann dafür vorgesehen hatte.
               Großvater stapfte also, ohne sich um die Menschenschlange vor der Tür zu kümmern, mit Eimer und Fischerkleidung in den Laden und brüllte über die an diesem Tag besonders zahlreiche Kundschaft hinweg den leicht aufstöhnenden Buschmann an:
                "Meestor, een Garpfn!!!"
               Ohne sich um dessen Hinweise, er sei ja noch gar nicht dran, zu kümmern, schob er alle vor ihm Stehenden beiseite, ging schnurstracks auf das Becken zu, in dem die reservierten Fische schwammen, sondierte und deutete auf sein Wahlexemplar: "Meestor, där doa!"
               Der Fischhändler und Großvater stritten und schimpften nun so lange und so laut, dass an ein weiteres Bedienen der restlichen Kundschaft gar nicht zu denken war, nannten sich "Gaunorr", "Ganoofe" und "Muddermördr" - und einigten sich, wenn die überraschte Kundschaft sich langsam gerappelt hatte und zu murren anfing, auf Großvaters Wunschkarpfen.
               So war der 24. Dezember jedes Jahr der einzige Tag, wo der Fischhändler sich unter keinen Umständen vom Großvater zu Schnaps und Bier hätte einladen lassen; ja, mehr als einmal fluchte er, nachdem der "stramme Max" seinen Laden verlassen hatte:
                "Wenn där mür nochemoal hür neigommt, hau ischn doas Fillediermessor in`n Wonst bis hinne dursch!"
               Der Karpfen, der nicht ahnte, wie wichtig er war, landete im Wassereimer und gelangte so vor seinem Tod, nein, nicht zu uns nach Hause, sondern erst einmal auf eine Tour durch alle geöffneten Kneipen und Restaurants des Städtchens am Fuße des Pöhlbergs.
               Jedermann, und der Großvater unterschied überhaupt nicht zwischen Bekannten und Fremden, musste den Fang ausführlich bewundern, sich die Erzählungen über das Wie, Wo und Wann des Fangs anhören und natürlich Großvaters Fischers gerechte Ausrüstung loben. Jeder, der das mit ausreichend Langmut ertrug, wurde reichlich mit Bier und Schnaps auf Großvaters Kosten belohnt - und er trank natürlich mit. Es gab keinen in der Stadt, der es gewagt hätte, seine Erzählungen anzuzweifeln, z.B. nach dem ja wohl nötigem Gerät zum Fischfang zu fragen, oder den Fisch selbst zu klein, zu fett oder zu schäbig zu finden. Ortsunkundige, so geht die Sage, die solches tatsächlich versucht hatten, sollen die Stadt fortan gemieden und über ihre Bewohner nur Unfreundliches verbreitet haben.
               Der Karpfen selbst hatte noch seine grüngraue Naturfarbe, wenn der Großvater längst blau war und seine Erzählungen bereits zu Lallungen verkommen waren, und das war schon wunderlich, bekam er doch bei jeder Runde, die der "stramme Max" ausgab, auch einen Schnaps in das wenige Wasser, in dem er noch ein paar Stunden zu leben hatte. Und nie soll ein Fisch an Alkoholvergiftung oder ähnlichem vor der Zubereitung krepiert sein ...
               "Die Garpfn sinn die schlimmsten Suffgöppe untoarn Fischn."
               Keiner weiß wie, aber Großvater und Karpfen gelangten jedes Jahr, und so auch in diesem Jahr 1947, abgesehen von ihrer Alkoholisierung unbeschädigt nach Hause und lebten. Das arme Tier musste sich seinen Rausch in der Sitzbadewanne ausschwimmen, während Großvater auf die Kautsch in der Küche taumelte und sofort einschlief.
               Im Wohnzimmer schmückte die Großmutter - wo sollte sie auch hin? - unterdessen den Baum und verpackte Geschenke. In der Küche wollte der Großvater schlafen, aber der Karpfen nicht in seiner Wanne bleiben. Kaum schnarchte ersterer durch Türen und Wände hindurch hörbar, schwappte es in der Wanne, und der dicke Fisch klatschte auf das Linoleum des Fußbodens. Dort lag er und schlug mit der Schwanzflosse einen unregelmäßigen Takt, der dem Großvater erst ohne Wirkung in die Ohren, dann durch seinen Rausch in das letzte Restchen Nüchternheit drang und ihn zum Handeln zwang.
               Ächzend griff er nach dem glitschigen Viech, ließ es mehrmals fallen und schaffte es schließlich doch, es zurück in die Wanne zu werfen. Um weitere Fluchten zu verhindern, drehte er den Küchentisch mit der Platte nach unten und deckte damit die Wanne zu. Dann wankte er zur Kautsch zurück und setzte seinen unterbrochenen Rauschausschlaf fort.
               Am Nachmittag des 24. Dezembers hatten die Schlafzimmer Vollsaison; selbst den Erwachsenen, wenn sie nicht außerhalb der Wohnung etwas zu schaffen hatten, blieb nichts anderes übrig, als sich dorthin zurückzuziehen. Großvater durfte in seinem Schlaf ebensowenig gestört werden wie im Wohnzimmer die Großmutter bei den Festvorbereitungen. Ging es langsam auf sechs Uhr abends zu, nahte der große Schlußauftritt des Großvaters und somit die Todesstunde des Karpfens.
               Der Rest der Familie hatte bereits den nachmittäglichen Weihnachtsgottesdienst in der St. Annenkirche hinter sich und drückte sich, um ja nicht zu stören, entweder in einer unbenutzten Ecke der Küche oder, besser noch, auf dem Flur mit Blick durch die offene Tür auf Großvaters Tun herum.
               Erst mit dieser Zeremonie wurde es wirklich weihnachtlich in ihren Herzen und vor allem in den Nasen. Vor allen anderen Gefäßen wurde nämlich der große Karpfentopf, der auch nur zweimal im Jahr, am "Heiligen Abend" und zu Sylvester, den Grund seiner Bestimmung erfuhr, mit reichlich Wasser, Salz, Zwiebeln, Pimentkörnern, Nelken, Lorbeer und Essig gefüllt und zum Sieden gebracht. Der würzige Duft des Suds durchzog bald die ganze Wohnung und versetzte alle in eine Art heiliger Trance, in der selbst der etwas Heiliges zu spüren bekam, der es etwa gewagt hätte, die Zeremonie zu stören: nämlich den Zorn des Großvaters.
               Der stand mit hochrotem Kopf in der überheizten und dampfenden Küche, Zigarre im Mundwinkel, die Ärmel des karierten Baumwollhemdes hochgekrempelt in seiner Fischerhose und den kniehohen Gummistiefeln. In kleineren Arbeitspausen, wobei er nie aus den Augen ließ, was sich vor ihm auf Tisch oder Herd gerade tat, klemmte er die Daumen zwischen Hemd und Hosenträger und wippte zwischen den Lippen solange mit der Zigarre, bis diese ihre Asche fallen ließ. Von diesem Augenblick an stapfte die Großmutter wortlos ins Wohnzimmer zurück; sie genoss als einzige das Privileg, nicht zum Publikum gehören zu müssen. Unausgesprochen war sonst nämlich die Anwesenheit aller, die dann auch mitessen würden, eine Pflicht, eine, die Großvater aus den Augenwinkeln sehr wohl kontrollierte.
               Die Butter - keiner wusste, wo Großvater sie 1947 geklaut bzw. "organisiert" hatte, wurde am Herdrand in einem Tiegel vorsichtig zerlassen, das Kartoffelwasser harrte der Erdfrüchte, die er wirklich selbst geschält hatte, und im Karpfentopf kräuselte sich langsam die Wasseroberfläche und zeigte so an, dass es Zeit für den Fisch wurde.
               Erst jetzt hob Großvater den Tisch von der Wanne, griff sich den alten Axtstiel, der auch nur zweimal im Jahr benutzt wurde, und bedeckte die Tischplatte mit alten Zeitungen. Sehr viel geschickter als mittags griff er sich den Karpfen, setzte ihn auf die Zeitungen und hielt ihn mit der linken Hand fest, während er mit der Rechten und dem Axtstiel mit einem gezielten Schlag genau zwischen die Augen dessen Leben ein schnelles Ende bereitete.
               Gewandt und fachmännisch schnitt ihn Großvater auf, wusch ihn aus und sortierte die Innereien, die er selbst essen würde, nach Genieß- und Ungenießbarem und verkündete dann mit dröhnendem Sächsisch, es wäre nun soweit. Die Familie rückte ein Stück näher an den Ort des Geschehens. Zuerst versanken die Innereien im Sud, der Großvater zwinkerte fröhlich in die Runde. Dann warf er fast triumphierend, als sei seit dem Fang bis zu diesem Augenblick alles Kampf gewesen, aus dem er endlich siegreich hervorgegangen wäre, den Karpfen ins Wasser, dass es auf der Herdplatte nur so spritzte und zischte, - und, hastewaskannstenichgesehen, schlug er, alter Tradition folgend, den Deckel auf den Topf und drückte ihn mit Topflappen fest zu. Denn das ist jedem Karpfenkoch bekannt, dass die zuckenden Nerven der frisch geschlachteten Fische sie oft auch noch nach ihrem klinischen Tod hochspringen lassen.
               Im Jahre 1947 war der Großvater schon deshalb gewarnt, weil dieser Karpfen sich bereits in der Zinkwanne als widerspenstig erwiesen hatte. Deshalb hielt er den Deckel weit über die normale Zeit hinaus fest, doch nichts deutete darauf hin, dass der Fisch sich noch einmal regen würde. Wieder zwinkerte der Großvater in die Runde, atmete dann tief durch und drehte sich mit hochrotem Kopf von Töpfen und Deckeln weg.
               Mag es am Schnaps, den er nicht mehr völlig ausschwimmen konnte, an seinem unbändigen Lebenswillen oder einer besonderen Form von Karpfengemeinheit gelegen haben, jedenfalls wackelte, kaum hatte der Großvater sich weggedreht, bedrohlich der ganze Herd, von geheimnisvollen Kräften bewegt sprang der Deckel vom Topf, traf den "strammen Max" im Kreuz, was der mit einem breitsächsischem "Scheiße!" quittierte und, als sei er in seinem zweiten Leben zum fliegenden Fisch verwandelt, schoss das Ungetüm von Karpfen aus dem Sud, schoss hoch über den Topfrand, so hoch, wie es wohl kein Karpfen vorher oder nachher je geschafft hatte und fand erst Grenzen seiner posthumen Flugeskunst an der gekalkten Küchendecke, gegen die er platschte, einen nassen Fleck hinterließ, wieder zur Erde, besser: auf die Herdplatte zischend zurückkehrte und endlich Ruhe gab.
               Der Großvater war, als er den Deckel in seinen Rücken bekam, erstarrt. Was sich da hinter ihm abspielte, schien er nicht einmal zu sehen, geschweige denn glauben zu wollen. Er war weiß und blass im Gesicht, und der Stummel von Zigarre, der eben noch zwischen seinen Lippen klebte, war auf dem Linoleum gelandet. Nur die köchelnden Töpfe auf dem Herd verursachten noch Geräusche.
               Der "stramme Max", schien es, fiel plötzlich in sich zusammen, aber er bückte sich nur leicht taumelnd, ergriff in leichter Drehung erst Stummel, dann Fisch und schmiss beides in den köchelnden Sud. Dann zog er sich wie ein schwerkranker Mann schleppend ins Schlafzimmer zurück, ließ Sippe Sippe und Fest Fest sein und legte sich schwer atmend aufs Bett. Mit diesem "heelschen Oabnd" und vor allem mit diesem Vieh von Fisch, das war deutlich, wollte er nichts mehr zu tun haben.
               Großmutter, die selbst durch geschlossene Türen spüren konnte, wenn sich etwas vollzog, was nicht der erwarteten Folge entsprach, kam aus dem Wohnzimmer, ließ, mit schnellem Blick auf die Lage, sogar die Tür offen und somit weit vor der Zeit Blicke auf das Heiligtum des Heiligen Abends, Baum und Geschenke, zu und übernahm wie selbstverständlich das Regiment.
               Ohne eigentlich von ihrer Existenz wissen zu können, fischte sie zuerst die Reste des Zigarrenstummels aus dem Sud, prüfte Butter und Kartoffeln und redete dann im Schlafzimmer zischend fast fünf Minuten auf ihren Mann ein, aber der hatte die Augen geschlossen und reagierte auf nichts mehr.
               Das erste und das letzte Mal in ihrem Leben servierte sie den Weihnachtskarpfen, und er soll, nach allem was ich von den Zeugen dieses Festes 1947 hörte, der köstlichste und schmackhafteste gewesen sein, den es je gegeben hatte, - auch wenn er etwas nach Schnaps geschmeckt hätte. Aber gerade das soll seinen exzellenten Geschmack nur gefördert haben.
               In unserer Familie wird jedes Jahr, wo auch immer welche von uns zusammenkommen, von ihm erzählt, von dem "Siebenundvierziger", der nicht etwa ein guter Wein besonderen Jahrgangs, sondern nur ein über seinen Tod hinaus widerspenstiger Karpfen war.
               Als lang währendes Denkmal blieb über zwanzig Jahre lang der Fleck an der Decke der Küche und erinnerte an sein Treiben. Kein anderer Karpfen wurde dort nach 1947 angerichtet, bei dem nicht die Geschichte von seinem berühmten Vorgänger erzählt wurde. Und noch heute ist erst dann wirklich Weihnachten, wenn diese Pflicht erfüllt wurde.


© by Gerd Hunger

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