Annen

Das Auge der Kirche

        Ich lasse die Kirche im Dorf, obwohl sie nicht im Zentrum steht, wo sie eigentlich hingehört. Frühere Generationen haben das Zentrum an anderer Stelle geschaffen, als hätten sie gewusst, dass einst die Partei über Annaberg kommen würde. Ihr klobiges Gemäuer erhebt sich im oberen Annaberg, an der Mariengasse hoch zum Pöhlberg, in der Nähe des Denkmals von Adam Riese. Der kleine Platz vor dem Eingangsportal der Annenkirche muss früher einmal das Zentrum des Orts gewesen sein. Annaberg war ein Dorf, an den Berg geleimt, von dem seine Einwohner früher einmal lebten.
        Das neue Zentrum liegt im unteren Teil Annabergs, beherbergt das Rathaus, das schäbige Hotel und das einzige Kaufhaus. Kurz dahinter fällt die Stadt nach Buchholz hinunter, irgendwann in Annaberg als Annaberg-Buchholz II eingegliedert. Das neue Zentrum ist das weltliche, der Platz der neuen Partei, des 1. Mais und der Todesfeier für Stalin. Die Partei hat sich zweihundert Schritte vom Marktplatz in einer alten Villa einquartiert und beobachtet von dort alles. Aber auf alles blickt von oben der mürbe, aus unregelmäßigen Feldsteinen gerüstete, kalte Kirchenbau aus seinen riesigen und defekten Bleiglasfenstern.
        Die Annenkirche steht da, um Kinder zu erschrecken. In ihr wohnt der Gott, der alles sieht und alles weiß und überall wohnt. Wer an ihr vorbei muss, kriegt ein Frösteln in die Unterwäsche. Wenn abends ihre Lichter brennen, bekommt sie Augen, die in alle Wohnungen der Stadt und in die Seelen der großen und kleinen Sünder blicken, das Gewissen abkitzeln. Habe ich was angestellt?
        Der Bau erinnert daran, dass es kein Entrinnen und keine Gnade gibt und sonntags nach der Andacht der Kindergottesdienst stattfindet. Gegen ihn gibt es keine Hals- oder Bauchschmerzen. Niemand käme je auf die Idee, zu krank für den Gottesdienst zu sein.

        Wenn sich die Seelen auf ihren letzten Weg begeben an die Himmelspforte, wo sie entweder eingelassen oder ins Fegefeuer abgewiesen werden, müssen sie noch einmal in die Kirche. Sagt die Großmutter. Das Wichtige wäre nicht der sterbliche Leib, sondern die ewige Seele, von der wir aber nicht wissen, wo sie sitzt. Um unsere Fragerei zu beenden, bestimmt die Großmutter ihren Platz zwischen Lunge und Milz. Da! Und wenn sie sich auf ihren letzten Weg begibt, kommt sie der Leiche aus dem Mund.
        „Aber warum begegnen wir den Seelen dann nicht in der Kirche, Oma?“
        „Nun, sie warten die Nacht ab, dann sammeln sie sich im dunklen Kirchenschiff und fliegen gemeinsam zum Himmel.“
        Wir sind nicht so sicher, ob wir schon eine Seele haben, einigen uns schließlich auf eine klitzekleine und gedenken, an der Himmelspforte unerkannt durchschlüpfen zu können, wenn’s mal an der Zeit ist.
        Es war halt an der Zeit, sagen die Erwachsenen immer, wenn einer gestorben ist.
        Aber die Großmutter hat uns erkannt, zählt auf die Sünden allein der letzten Tage und schildert den Färbeprozess: Jede Sünde schwärzt die unschuldig weiße Kinderseele ein bisschen mehr ein. Wir geraten wieder in heftigste Diskussionen, wie schwarz denn die unseren schon sein könnten, welche schwärzer wäre, meine, nein deine, und wie man sie eventuell reinigen könnte.
        Von der Beichte „der anderen Seite“ war uns kleinen Protestanten nichts bekannt. Auch unsere eigene Theologie bekamen wir nur in ausgesuchten Dosen: Lieber ein reuiger Sünder als zehn Aufrechte! Warum verschwieg man uns das? Den Protest, aus dem unsere Gattung kam? Dass Jesus Christus ans Kreuz kam, weil er die Herrschenden provoziert hatte?
        „Oma!“
        „Ja.“
        „Gibt es auch seelenlose Menschen?“
        „Nein.“

        Da bildet sich was, etwas verfitztes, verknotetes, verheddertes im Knabenhirn, das der Knabe in Mannesjahren einmal einen Widerspruch nennen wird. Es ergreift ihn an Stellen, die sich nie äußern werden, weil er schon gelernt hat, wenn es um die Weißheit der kindlichen Seele geht, droht am ehesten ihre Schwärzung. Da kommen von allen Seiten Flecken auf sie zu, von der Großmutter, der Vaterschwester, dem Pfarrer und seiner stiernackigen Gemeindeschwester, schließlich dem Mann der Vaterschwester.
        Wenn meine kindliche Seele so rein ist, dass sie beschmutzt werden kann: Woher kommt das? Alles kommt von außen, sagt der den Vater stellvertretende Onkel, und davor schützen wir dich.
        Gut, gut. Aber dieser Satz, vom ersten Funken Bewusstsein aufgeschnappt, mit drei oder vier Jahren: „Verlass dich drauf, das werde ich dir schon austreiben“, der sich wie ein Refrain durch die Alltage des Kindes leiert, will sich mir nicht und nimmer. Er setzt keine reine, sondern eine durch und durch schwarze Babyseele voraus, die ausgewaschen und ausgewrungen gehört, damit man ihr etwas austreiben kann.
        Den rechten Weg will man mir weisen, seit ich laufen kann. Auf welchen befand ich mich denn, der Schritte noch unkundig und stolpernd von der erdrückenden Vermutung, ich könnte zwei Seelen haben in der Hühnerbrust: eine schwarze und eine weiße.

        Vor dem Kindergottesdienst ist der normale. Der Einfachheit halber gehen wir Kinder gleich mit. Von Vitaminen kann man nie genug kriegen. Die Probleme der Pastoren machen wir zu unseren: So grüble ich einige Zeit, ob die Woche zu Gottes Wohl und Feier am Sonntag oder mit dem hektischen, besinnungslosem Arbeitsmontag beginne, ob also der siebente Tag der Schöpfung nicht doch der erste zu sein habe.
        Die Christen Annabergs sind eine furchtbare Gemeinde: sie fürchten den Antichristen und das war die Partei. Nur wer in den Kindergottesdienst ging, war für den Dienst bei den Jungen Pionieren verloren.
        Ein feste Burg ist unser Gott. Vor ihm ist der Mensch ein Sandkorn, und um den Menschen daran zu erinnern, gab es die Annenkirche. Der Christ braucht keine blauen oder roten Halstücher, keine Anstecknadeln, um erkannt zu werden. Der Christ strahlt aus seinem Herzen und demonstriert so seine Zugehörigkeit zu Gott. Was meint der Pfarrer damit? Ist der Weißbach-Ulli unser größter Christ, weil er mit Abstand immer den rötesten Kopf hat? Und ich, der ich überhaupt kein Strahlen an mir im Spiegel entdecken kann? Lasset uns beten!
        Aber in der großen Gemeinde kann ich mich verstecken, darf bloß nicht auffallen, habe träumend sitzen zu bleiben und muss natürlich aufspringen, wenn alle sich erheben. An den Säulen hängen Tafeln mit vielen Zahlen, die für die Lieder stehen, die zu singen sind. Ich kann weder zählen noch ein Gesangsbuch lesen, also bewege ich meine Lippen zu den Orgelklängen und singe tonlos meinen eigenen Text. Auch das „Vaterunser“ spreche ich gesenkten Kopfes mit, hoffe, dass nie einer mir die Wörter von den Lippen ablesen kann: „Alte Kröte, die du jetzt verschimmelst!“
        Dabei läuft es mir kalt den Rücken runter. Der da oben weiß den Wortlaut meines Gebets. Meine Seele kann sich gut und gern den Weg sparen, wenn’s mal so weit sein soll.

        Aus dem Kindergottesdienst gibt’s keine Flucht. Da wachen außer dem Pastor zwei oder drei Gemeindeschwestern über die junge Gemeinde. Wir können uns nicht in die Stühle drücken, weghören oder fortträumen, sondern müssen mitmachen.
        Der Pastor liest uns Geschichten vor, die wir ihm erklären sollen. Warum erzählen uns die Geschichten nicht selbst, was sie uns sagen wollen? Wenn mein Vater einen Witz erzählt, lachen alle, und erklärt wird er auch nicht.
        Gott ist ein schrecklicher Mensch in seiner Allmacht. Als er Martin Luther das erste Mal erscheint, gibt's gleich Gewitter und Gruselstimmung. Und ausgerechnet ich soll erklären, was dem kleinen Martin widerfahren ist. Eins scheint klar: Wenn’s gewittert, ist was im Busch. Ein sicheres Zeichen, dass ich was angestellt habe, selbst wenn ich’s noch nicht weiß. Aber was ist im Winter?
        Für unsere mehr oder minder einfallsreichen Erklärungen bekommen wir bunte Bildchen: große für gute Mitarbeit, kleine für minder aktive und keine für keine. Kurz vor zwölf Uhr und dem sonntäglichen Mittagessen bricht im Hause des barmherzigen Herrn unter seinen Geringsten immer Zeugnisangst aus und danach beginnt das Feilschen. Jesus reitet auf dem Esel in Jerusalem ein? Hab' ich schon. Hast Du das von der Buhle aus Jeremias? Oder war das Hesekiel?
        Zuhause werden Größe und Anzahl der Bildchen geprüft und kommentiert, kommen in ein großes Buch und werden festgeklebt, damit keins zweimal vorgezeigt werden kann. Auf die Idee wäre ich nie gekommen; auf so was kommen nur Erwachsene. An den Adventstagen gibt’s ein paar Bildchen gratis, sozusagen ein 13. Monatsgehalt. Frau Bäckermeister Wulf spendet den Kuchen, den sie samstags nicht losgeworden ist und auch mit Kakao können wir uns bekleckern. Dafür darf sie an den Tischen entlang gehen und unsere Köpfe tätscheln, was das Kleckern sehr fördert. In meinem ersten pornografischen Traum kneife ich ihr in den nackten Arsch und schubse sie dann in das kalte Wasser irgendeines Fischweihers. Dabei ist mir ganz anders.

        Die Partei ist atheistisch bis in die Kleinstadt. An den Schulen gibt es selbstverständlich keinen Religionsunterricht. Mein Aufatmen ist aber dennoch etwas verfrüht, denn dienstags und freitags ist die Partei etwas weniger atheistisch. Da beginnt die Schule eine Stunde später, und ich trotte mit der christlichen Miniminderheit zehn Minuten vor acht ins Gemeindehaus zum Religionsunterricht. Es ist so, aber keiner spricht darüber.
        Hinter einem Stehpult arbeitet Geigen-Wölbert, der Katechet. Er trägt immer den gleichen grauen, antiquarischen Anzug mit Weste und goldener Uhrkette. Von halb acht an schaut er in immer kürzeren Abständen auf seine Uhr und beginnt pünktlich. Wölbert ist kurzsichtig und schon etwas vertrottelt, obwohl er noch relativ jung ist. Sein Bauch biegt sich aus dem Jackett, und wir sind so gespannt wie seine Weste, ob diese das aushalten wird. Dagegen hat er sehr schmale und bewegliche Finger, mit denen er beim Reden auf einem unsichtbaren Klavier spielt. Deswegen klingt wahrscheinlich alles von ihm gesungen.
        Den Unterricht leitet er mit einer erbaulichen Geschichte ein, aus der wir eine Szene in ein Heft zeichnen sollten. So versuche ich mich an der Speisung der Fünftausend, kriege aber nur drei satt. Und das in den Sturm geratene Boot von Jesus und seinen zweifelnden Jüngern lasse ich gleich untergehen, weil auch ich zweifle. Wasser ist leichter zu malen als ein im Sturm schwankendes Boot. Wölbert zweifelt auch, dann zeichnet er mir mit braunem Stift und zwei, drei Strichen eine Bootsecke ins Heft. Ein ganzes Boot kann er also auch nicht malen.
        Kurz vorm Ende der Stunde holt er seine Geige aus dem Kasten, setzt seine dickglasige Brille ab, klemmt sich ein weißes Schweißtuch zwischen Kinn und Schulter und zwingt uns zu singen. Nun sieht er nichts mehr und spielt so schlecht, dass wir mehr lachen als singen. Wölbert schließt daraus und sagt es, dass Gesang uns offenbar fröhlich macht.
        Dann rannten wir in die richtige Schule.

        Beten nutzt nichts, man muss nur dran glauben. Und wer nicht dran glauben will, soll auf jeden Fall beten. Gebetet wird nicht nur in Schule und Religionsunterricht, sondern zu jeder Gelegenheit. Beten ist öfter als Essen.
        Vor dem Grab des Großvaters stehen wir zweimal in der Woche mit gefalteten Händen und gesenkten Köpfen, denken voller Bange an den alten Herrn, der in der feuchten Erde liegt und sich sicher langweilt. Im Bett beten wir schon inbrünstiger, nur selten zur Rettung unserer sich schwärzenden, wahrscheinlich längst grauen Seelen, sondern um möglichst helles Mondlicht. Es soll nicht völlige Finsternis herrschen zwischen uns, dem Zudeck und unseren Sünden. Wie leicht kann da die Seele aus dem schnarchenden Mund fallen und sich auf ihren Weg zur Annenkirche begeben.
        Auch das Essen wird von einem gemeinsamen Gemurmel eingeleitet. Jesus soll das Essen segnen, das er uns bescheret hat. Zu essen bekam er nichts, und das Gebet war angenehm: es hatte nur vier Zeilen und war der gierigen Gefräßigkeit der christlichen Erwachsenen angemessen (kurz).
        Sonntags schaffen wir leicht vier bis sechs Gebete, am Heiligen Abend auch und im Alltag zwei bis drei. Wenn wir was verloren haben, z.B. den Wohnungsschlüssel, bitten wir Gott um Mitfahndung. Mal hilft es, manchmal oder öfter nicht. Das hätte uns nicht wundern müssen bei den vielen Sachen, die in der Welt verloren gehen. Aber seine Entscheidung ist immer richtig. Suchen wir vergebens, erhalten wir eine gerechte, also gottgewollte Strafe. Finden wir, finden wir auch wieder zu Gott, dem gütigen.
        Als ich Annaberg verlasse, habe ich an die sechstausend Gebete geschafft. Das wusste ich damals nicht, aber ich fand, das wäre genug für den Rest eines, nämlich meines Lebens. Ich hatte vorgesorgt, aber wenn ich mir das Elend ansehe, das noch kam, zweifle ich daran.


© by Gerd Hunger

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