Mirtos

Domenikus, Kreta

        Auf einem gelblichen, fast ockerfarbigen Stein von ungefähr der Größe einer Schuhschachtel liegt am stark veralgten Teil des Strandes von Mirtos, den wir wegen seiner Einsamkeit und Abgeschiedenheit bevorzugen, ein sehr viel kleinerer, von einem filigranen Muster weißer, sehr dünner Linien durchzogener grauer, einförmiger und glatt geriebener Stein. Das Meer hat ihm jede Unebenheit, so er je welche besaß, abgeschmirgelt, und es hat ihn fein poliert. Nun will es mit ihm spielen.
        Jede dritte bis vierte Gischtwelle erfasst seinen gelblichen Sockel und lässt das grau-weiße Steinei tanzen, das sich in diesem Reigen immer mehr dem Rand seiner Tanzfläche nähert. Ich beobachte dieses Spiel fast eine halbe Stunde, dann fällt der steinerne Tänzer in den nassen, wasserumspülten, schwarzen und vulkanischen Sand und rollt in die enge Spalte zwischen zwei unförmige, klobige Felsbrocken, wo ihn das Wasser nicht mehr bewegen kann, er gefangen ist oder sich auch nur ausruht für Minuten, Stunden, Jahrtausende. Kann sein, kleines Tanzei, dass wir uns wieder sehen, wo wir es nicht erwarten; kann sein, dass nicht.

        Nennen wir ihn einfach Domenikus, weil wir seinen wirklichen Namen nicht in Erfahrung bringen konnten: Als wir ihn am ersten Tag unseres Aufenthaltes in Mirtos im engen Geflecht der Gassen das erste Mal begegneten, hielt ich ihn spontan für den Dorfphilosophen. Mit kräftigen Schritten seiner kurzen und knuppeligen Beine kam er uns entgegen, nein, er schritt ausladend auf uns zu und, so würde man es bei uns nennen, er redete mit sich selbst. Aber das hieße in unserem Kulturkreis zugleich, er sei abgeschieden, getrennt, entfernt von seiner Umwelt, lediglich auf sich bezogen, in seiner Welt gefangen, irr in der richtigen, verwirrt gegen andere. Doch Domenikus deklamierte und erklärte ziemlich gestenreich etwas in der uns fremden Sprache, allerdings ohne wirklich ein Auditorium zu haben (und zu suchen?).
        Er ist ein kleiner, gedrungener und dickbäuchiger Mann mit einem voluminösen, rundlichen Kopf, dessen Kugelförmigkeit von einer sonnengebräunten, glänzenden Glatze noch betont wird. Nur von dem einen Ohr zum anderen zieht sich um seinen Hinterkopf ein durchlässiger, feucht oder fett scheinender Kranz letzter Haare.
        Er sucht die Nähe der Touristen, die an der Strandpromenade oder in den Gassen des Städtchen an den Tischen der Restaurants, Tavernen oder Kaffeestuben im Freien sitzen, essen und trinken und die er verwundert und erstaunt, verwirrt und amüsiert. Zugleich scheint er angenommen von den Einwohnern von Mirtos, an deren Tischen er in den Abendstunden sitzt oder steht; auch von den Wirtsleuten und Händlern, die ihm wohl hier und da einen Drachmenschein zustecken oder ein Getränk hinstellen. Auch wenn sie es, wohl wegen der Blicke der Touristen, mit Augenzwinkern oder einem Lächeln tun, wirkt es nicht von oben herab, mitleidig, sondern aus einer Toleranz kommt, dass da einer so ist, wie er ist, auch wenn er anders ist als sie oder wir. Auch wirkt Domenikus überhaupt nicht wie ein Bettler, sieht weder verhärmt noch verarmt oder verwahrlost aus. Im Vergleich insbesondere zu oft ärmlich gekleideten älteren Männern oder den meist schwarz gewandeten Frauen unter den Einheimischen ist seine Kleidung sauber und gepflegt, eher schon ein wenig arrivierter und zumindest nicht auf unmittelbare Not hinweisend.
        Obwohl ungefähr zwischen fünfzig und sechzig, eher zum letzteren hin tendieren, und auf die ersten Blicke wie ein gestandener Erwachsener wirkend, verwandelt er sich beim längeren und intensiveren Beobachten in ein in seiner Welt spielendes Kind. Mit einer ungestopften, als auch nicht rauchbaren Pfeife seine eigenen Sätze dirigierend, bleibt er immer wieder abrupt stehen, wendet sich einem imaginären Gesprächspartner, einer verschlossenen Tür oder einem Straßenbaum zu und „erklärt”. Oder er bückt sich plötzlich nieder zu einer Blume oder offenen Blüte, steckt seine knollige Nase zwischen die zarten Blätter und bekundet mit eindeutigen Gesten und wahrscheinlich mit ebensolchen Worten, die wir leider nicht verstehen können, sein Wissen um und seinen Respekt vor den Wundern der Natur. Stets leuchten seine Augen klar und friedlich und Unfreundlichkeiten und Bedrohlichkeiten einer feindlichen Welt scheinen ihm fremd zu sein, wie wir ihn auch niemals einen anderen Menschen belästigen oder stören sehen, es sei denn, ein solcher fühle sich allein von seiner Anwesenheit und seinem Anderssein unangenehm berührt.
        Gestern Abend, wir hatten uns gerade zum Abendessen an einen Tisch mit Strand- und Meeresblick unseres Stammrestaurants, der „Taverna Beach”, an die Strandpromenade gesetzt, kam er diese, wie immer redend und gestikulierend, in einem karierten und längerem Baumwollhemd mit einem Handtuch um den Hals entlang, ohne Hosen. Ich meine, er trug keine langen Hosen, weil die braune Badehose, mit der er kurz darauf am Meeresstrand entlang schritt, unter dem Hemd nicht zu erkennen, höchstens zu vermuten war.
        Sein Gehen, das auf festem Grund sonst so kräftig und zielgerichtet war, schien etwas wacklig auf dem ausweichenden sandigen Strand, dem er aber ein Doppeltes an Energie entgegenzusetzen schien, indem er den nachgebenden Untergrund bei jedem Schritt heftig trat und weil er dazu seine Beine stärker anwinkeln musste, wirkte sein Schreiten eher wie ein Marschieren.
        Die Tische der vielen Restaurants an der Promenade waren zur abendlich üblichen Essenszeit gut besetzt, während Domenikus den Strand als Bühne für sich allein hatte. Er hatte ein gut bestücktes Publikum, und dass ihm das durchaus bewusst war, machte er mit ständigen, zum Teil sehr direkten und Annahme heischenden Blicken zu seiner Galerie deutlich. „It’s his show!”, bemerkte unser Kellner nur lächelnd, als er unser Interesse an dem Kauz und seinem Tun bemerkte.
        Es war aber weniger eine Show als eine Mischung aus rituellen Akten, gymnastischen Übungen es älteren Herren und unbeholfenem Tanz, alle Teile immer wieder unterbrochen von seinen kurzen und stakkatoartigen Märschen zu anderen Stellen des Strandes. Nach und nach verwandelte sich sein Tun in ein wortloses, nur durch seine Übungen sich ausdrückendes Gespräch mit der Natur, in der etwas Demut und Hochachtung lag, und das in Teilen einem Tanzgebet nahe kam. Eine geraume Zeit ließ er das Meerwasser dabei nur seine Füße und Unterschenkel umspülen, doch plötzlich lag er bäuchlings und kopfunter im seichteren Teil des Wassers, spielte „toten Mann” und bewegte sich einige Zeit gar nicht. Obwohl nicht ohne Komik, erinnerte es doch weniger an das Spiel eines Kindes als an das ehrfurchtsvolle Niederwerfen und Verharren vor einer blendenden Gottgestalt.
        Eines seiner wiederkehrenden Rituale bestand darin, dass er drei kleinere Steine aufsammelte, nachgezählte zehn Schritte machte, heftig stoppte, einen Stein nach links und einen nach rechts warf, den dritte, als benutze er ihn als Lot, mit erhobenen Händen vor sich bzw. direkt zwischen seine Füße fallen ließ, beide Arme weit ausbreitete, herzförmig über seinen großen Kopf, Handrücken an Handrücken, wieder zusammen führte, die Zeigefinger beider Hände ausstreckte und eine gute Minute in Höhe seines kugeligen Bauches mit ihnen den vor ihm liegenden Stein zu beschwören, zu verzaubern oder zu segnen schien.
        Er bewegte sich stampfend zehn Schritte fort und begann das Ritual von neuem.
        Zwischen diesen quasi religiösen Handlungen versucht er sich in dem klassischen Ballett entliehenen Tanzübungen, wobei er sich unbeholfen auf eins seiner im Vergleich zum Restkörper durchaus gut geformten Beine stellte, das andere anwinkelte, sich auf dem nachgebenden Sand hin und wieder um 90 Grad drehte und mit den Armen trockenschwimmähnliche Bewegungen machte; fraglich, ob er seinen Schwerpunkt im Bauch oder im Hintern hatte, erstaunlich, dass aus seinem Wackeln kein Fall wurde.
        Einige der Touristen an der Promenade betätigten ihre Kameras. Hätte Domenikus seine „Show” abseits der Promenade, am zu dieser Zeit unbelebten Teil des Strandes vollzogen, wäre er mir der Dorfphilosoph von Mirtos geblieben, vielleicht auch der Prediger einer unbekannten Religion.

        Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis zu unserer Abreise von meinen kümmerlichen Fetzen Neugriechisch beim Bezahlwunsch im Restaurant das „To logariazmo, parakalo!” noch einmal hinbekomme, dass der Kellner nicht schon vor dem „parakalo” wieder verschwunden ist. Würde auch gern den Unterschied zwischen „kalimera” und „jasas” endlich gern verstehen. Und musste ich eigentlich erst bis nach Kreta fliegen um festzustellen, wie jämmerlich meine englischen Sprachkenntnisse geworden sind?

        Es sind drei widerliche Schnaken in unserem Zimmer. Obwohl ich mit einem Mittel dagegen bewaffnet bin, habe ich mich drei (die ersten) Nächte von ihnen quälen und durchs Bett jagen lassen. Gestern Morgen wachte ich mit einer angeschwollenen, linken Unterlippe und mit einem hängenden rechten Augenlid auf, abgesehen von ihrem ekelhaften, ständig wiederkehrenden Motorengeräusch, das mich nachts nicht wieder einschlafen lässt, weil es die Angst um meine körperliche Unversehrtheit dauernd wach hält.
        Gestern abend habe ich es dann mit einer wahren Beschimpfungsorgie versucht: „Widerliche, flügelschlagende Stechärsche!”, rief ich ihnen immer wieder zu, nicht sicher, ob griechische Stechmücken meinen deutschen Zornesschwall überhaupt verstehen würden. Jedenfalls: ob es nun meine schöne Begleiterin war, die meinte, zwei von ihnen im Bad mit dem Handtuch gemordet zu haben, oder ob es der Einrieb der nackten Kopf- und Gliedmaßenpartien mit „Autan” war: Sie ließen sich weder sehen, hören noch (nach-)fühlen.


© by Gerd Hunger

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