Annaberg

Ankunft

        Jahrelang hatten sie ihm erzählt, es sei eine sehr alte Tradition in seiner Heimat gewesen, den mänlichen Nachfahren insgesamt fünf Vornamen zu geben, den Rufnamen sowie die Namen seiner Paten und der beiden Großväter. Also war schon beschlossen, bevor er noch geboren war und bevor er noch Einfluss darauf hätte nehmen können, ihn, falls er männlichen Geschlechts sein würde, Peter Ernst Max Gottlieb Ehrenhart Buschmann zu nennen.
        Ohne sein Zutun war er zu seiner Existenz gezwungen, ohne seine Mitwirkung hatte er fünf Vornamen - und er war noch nicht einmal da.
        Später, als ihm erste Zweifel kamen, erlaubte er sich, diese Tradition nachzufagen.
        Es muss ungefähr zu der Zeit gewesen sein, wo er sich um ein eigenes Personalpapier zu kümmern hatte und der Polizeibeamte in seiner Meldestelle ihn zuerst ungläubig anblickte, dann die Augenbrauen hoch zog und schließlich grummelte: „Fünf Vornamen?! Ham wa nich, hatten wa noch nie, kriejen wa och nich rin!“
        Allein der Platz auf dem Dokument, der für den Namen oder besser: für die Namen vorgesehen war, reiche dafür doch gar nicht aus. Wer sich denn solches einfallen ließe?

        Die Gelegenheit, sich unter seinen Altersgenossen umzutun, Auskunft zu erhalten, wie sie es denn hielten mit einem solchen schweren Erbe von fünf Vornamen, für das nicht einmal der allmächtige Gesetzgeber Platz auf einer gepunkteten Linie vorrätig gehalten hatte, war ihm da allerdings schon versperrt. Er war längst fern dieser Heimat, derer Tradition er diese Hinterlassenschaft angeblich zu verdanken hatte. Und die Freunde, Kameraden, Kumpanen, mit denen er als Knabe jedes Weltgeheimnis geteilt und bis zur Unkenntlichkeit seziert hatte, mochte es wohl noch geben, aber sie waren schier unerreichbar.
        Es braucht für jedes Kind seine Zeit, bis es sich an eine bestimmte Reihenfolge von Tönen gewöhnt, sie auf sich bezogen hat und sie schließlich als seinen Namen annehmen kann: „Ach, jetzt meinen sie wohl wieder mich ...“. Aber dieser Name, den er für Jahre, mehr als ein Jahrzehnt lang fast, für sich gelten ließ, war kurz und bestand nur aus zwei Silben: Pe-ter!, je nach Gemütszustand der Rufenden mal so oder mal so betont.
        Da folgte nicht dieser ganze Namenswurm Ernst Max Gottlieb Ehrenhart hinterher, höchstens wurde ihm als Ausdruck höchsten Zorns der Drohruf „Peter Buschmann!!!“ zuteil. Und all jenen, die ihn in den ersten Jahren seines Selbstbewußtseins begleiteten, ging es ja nicht anders als ihm. Alle hatten Vornamen, und vor allem: Sie hatten nur einen. Und der mußte für ihr Selbstbewußtsein reichen - und er reichte.
        Erst später erfuhren sie aus den mitgehörten Gespächen der Erwachsenen, dass sie aus Gründen der Zuordnung gar nicht so hießen, wie sie zu heißen glaubten, dass der Name Vorname für ihre Vornamen eigentlich ein Nachname war, denn in diesen Gesprächen hießen sie alle Buschmann Peter, Weiß Ulli, Seibt Harti oder Polenz Kurt bzw. besitzanzeigender: Buschmanns Peter oder Seibts Harti. Sollte der Besitz zudem stärker betont werden, verschwanden die gerade erst mühsam erworbenen Vornamen einfach wieder. Dann war man nicht mehr der Hübner Paul oder Hübners Paul, sondern Hübners Hans Kleener oder Hübners Hans sein Kleener oder, etwas vornehmer, Hübners Hans sein Sohn. Weeßte, der mit der Hasenscharte!
        Es erschließt sich uns bis heute nicht, wozu gerade in seiner Familie dieser Umstand mit den fünf Vornamen betrieben worden ist. Er, Peter Buschmann, wie wir ihn silbenschonend nennen wollen, traf nach langen Jahren der Trennung zufällig Seibts Harti bei einem Besuch in der alten Heimat wieder und mußte erfahren, dass der, wie fast alle, die er danach befragte, drei Vornamen hatte, wie es ja üblich war in diesem Lande, das da allerdings noch zwei Länder war.
        Er machte sich nichts draus, jedenfalls nichts zum Zeitpunkt seiner Entdeckung. Vielleicht war er etwas erstaunt, wie wenig doch die Traditionen seiner Heimat in derselben etwas galten, wenn sie nur noch in seiner Familie aufrecht erhalten wurden. Danach kokettierte er mit der Exklusivität, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen fünf Vornamen zu besitzen, ein Reichtum, zu dem er nicht einmal etwas beitragen musste. Auch überlegte er, ob er in der Reihung nicht lieber Max vor Ernst statt umgekehrt stellen sollte, um so eine Assoziation zu dem berühmten Maler herzustellen.
        Später, als er sich über zusammen getragene Literatur über seine Heimat mit wissenschaftlichen Eifer zu informieren begann, aber alle seine Recherchen nach der Traditon der fünf Vornamen fruchtlos blieben, begann sich doch zunehmend ein Verdacht zu nähren, den er endlich zur Gewißheit führte: Diese Tradition hat es nie gegeben.
        Sie hatten ihn einfach belogen, aber nach dem Grund für diese Lüge konnte er niemanden mehr befragen. Sie waren alle tot.

        Es ist nicht besonders anständig, Namen zu nennen, aber abstrakt von seiner Heimat und den Traditionen zu sprechen, die dort herrschten oder auch nicht herrschten. Und was soll das schon heißen: vor seiner Geburt? Bevor er überhaupt da war? Kann sich denn in der Lebensgeschichte eines Menschen etwas abspielen, wenn es ihn noch gar nicht, wenn es nicht einmal einen Ort für ihn gibt? Dagegen helfen auch fünf Vornamen nicht weiter. Zumindest Auskunft ist zu erwarten, wie denn das Wetter war bei seiner Geburt, wer anwesend war und wer sich davon geschlichen hatte, nichts zu tun haben wollte mit Verantwortung und Risiko, wie sie eine Geburt noch immer darstellt; wer dem Neugeborenen mit guten Wünschen oder eher mit Verwünschungen entgegen sah, mögen sie nun ehrlich gemeint gewesen oder nicht. Wer war die Hebamme oder gab es sie etwa gar nicht?
        Aber vorab beschäftigt uns schon die Frage nach dem Ort. Wenn wir stillschweigend voraus setzen, dass der Mensch, dessen Werden und Wirken hier beschrieben wird, von Interesse sein könnte, müssen wir uns wohl etwas Mühe bei der Erklärung geben, in welchen Platz wir ihn hineinpressen lassen, auch wenn uns die Frau, die das bewerkstelligen musste, vorerst noch nicht interessiert.
        Ist eine große Stadt besser oder ein kleine? Vielleicht sollte es doch eher ein Dorf sein, weil ein solches für den Fortgang der Geschichte dienlich sein kann; der kleine Junge auf seinem Weg aus dem kleinen Dorf in die große Welt ...
        Und da die Geburt, das sei vorab schon mal verraten, schon einige Jahrzehnte her ist, könnte es gut und gerne der Gründe genug geben, bei der Wahl historische oder politische Konstellationen zu berücksichtigen. Allerdings könnten wir auch den Zufall walten lassen, eine Deutschlandkarte auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten, die Augen schließen und einfach mit dem Zeigefinger ... so ungefähr ... irgendwo hintippen.

        Annaberg. Annaberg? Warum gerade das? Außerdem: das gibt’s doch mindestens zweimal. Eins irgendwo in Polen, also in der Wallachei, wie es in seiner Familie vereinfachend hieß, und dann noch eins, ja, genau, das hier, wo der Finger voll drauf Platz genommen hat, im Erzgebirge in Sachsen.
        Es sagt uns, zugegeben, erst mal gar nix. Hätte der Finger nicht ein wenig mehr z.B. nach Chemnitz rücken können, das dann Karl-Marx-Stadt hieß und dann wieder Chemnitz. Schon darüber könnte doch einiges erzählt werden, Städte umzubenennen und dann wieder zurück.
        Aber Annaberg?!
        Gut, auch das hieß später Annaberg-Buchholz I, aber das ist nichts Geschichtsträchtiges, sondern reine funktionale Gebietsverwaltung; zumindest ist Annaberg ganz einfach zuzuordnen, denn da ist zum Zeitpunkt seiner Geburt, es war im August 1949, die gerade gegründete Bundesrepublik Deutschland - und Annaberg gehört zu ...?
        Gehört erst mal zu nichts. Seine Namensgebung erfolgte aus einer Tradition heraus, die es gar nicht gab, und seine Geburt fand statt in einem Örtchen, das zu keinem Staat gehörte, sondern zu einer besetzten Zone, einer sowjetisch besetzten Zone zumal, was sein Leben einleitete in eine Welt, in der er künftig nur noch in Abkürzungen leben sollte: SBZ, DDR, BRD. Nur in den Äußerungen seiner Verwandten, und hier können wir an dieser Stelle schon mal vorab zugeben, dass sie alle, bis auf die Mutter, breitestes Sächsisch sprachen, hieß es hinter verschlossenen Türen immer noch: „Ist doch Deutschland ollemoal!“

        „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist:“ (Einleitung Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften) Kurz, es war ein warmer Augusttag im Jahre 1949 im Erzgebirge und es war der 1. August zudem. Im Kreißsaal des provisorischen Krankenhauses in Annaberg schrie und tobte eine Frau, die ein Kind gebären sollte, nein, musste, das sie nicht wollte, das ihr wie eine Strafe für eine Schuld vorkam, zu der sie doch nie Anlass gegeben hatte, das zweite Kind eines Mannes, von dem sie doch nach der Geburt des ersten schon geschieden worden war, dem sie sich in unkontrollierbarer sexueller Gier aber nochmals hingegeben hatte und den sie nach den ersten Anzeichen der eingetretenen Schwangerschaft zum zweiten Male heiratete.
        Anzuzweifeln ist spätestens hier der Wetterbericht, schon deshalb, weil er geklaut ist und dieses Wetter, wenn es denn je wirklich so gewesen sein sollte, Jahrzehnte davor im ehemaligen Österreich-Ungarn herrschte. Anzuzweifeln aber ist es vor allem, weil Peter Buschmann sich bis heute selbst bei größter Willensanstrengung nicht vorstellen kann, dass dieser für ihn entscheidende Augusttag warm gewesen sein soll.
        Annaberg, aus seiner wetterorientierten Sicht gesehen, war, wenn es nicht schneebedeckt gewesen ist, immer kalt, grau und regnerisch. Die Steine der Gehwege, so es sie gab, waren ständig feucht oder nass, und wo es keine Steine gab, watete man durch braun-schwarzen Matsch. Wir werden, der meteorologischen Gerechtigkeit halber, später versuchen, dem Annaberger Wetter einige sonnigere Seiten abzugewinnen.

        Später werden einige Menschen aus der Umgebung des noch nicht Geborenen auf diesen 1. August 1949 zu sprechen kommen.
        Nicht in allen Fällen geschieht dies freiwillig und freudig. Werner Buschmann, der Vater, kann erst nach gutem und heftigen Zureden von zuhörenden Verwandten dazu gebracht werden, dass er wohl doch nicht, wie in ersten Schilderungen behauptet, im Krankenhaus bei seiner zum zweiten Male Angeehelichten gewesen sei, im Warteraum der werdenden Väter, wie es damals eben üblich, sondern aus beruflichen Gründen unabkömmlich war. Angestellt beim Fleischermeister Lang, der ohne Wissen des Kommenden versuchte, sein privat betriebenes Geschäft wieder flott zu bekommen, will der Vater wichtige Termine wahrgenommen haben, aber unter dem Einfluss einiger halber Liter Bier und diverser weisser Schnäpse ist ihm dann doch einmal rausgerutscht, dass er im „Gasthof zur Sonne“ schon kurz nach der Einlieferung seiner Gattin ins Hospital gesessen und sich besinnungslos betrunken und dabei immer wieder „Was für ein Fehler! Was für eine Dummheit!“ gemurmelt habe.
        Großmutter Melanie, aus tiefsten christlichen, erzprotestantischem Gemüte heraus immer der Wahrheit verpflichtet, hat ihrem Enkel später selbst berichtet, gar keine andere Möglichkeit gehabt zu haben, als in der Küch’ den Herd am Brennen zu halten, der ja nicht nur die Wärmequelle, sondern auch die Grundlage der familiären Ernährung war, brannte er doch von morgens bis abends zur Zubereitung von Getränken und Speisen, dem allgegenwärtigen „Bliemchengaffe“ zuerst. „Mer hoam oallle unsre Kinner oalleene zoar Welt gebroacht; doa werds die oach schoaffn!“, hätte sie sich gedacht.


© by Gerd Hunger

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