Tibet

Ein Haufen Post

        Jeder Mensch, welcher beruflich mit einem Schreibtisch zu tun hat, findet diesen zum Beginn des Tageswerks aufgeräumt und ordentlich vor. Das entspricht den Schreibtischen, die als Arbeitsplätze gelten, und es gehört zu den Menschen, die an ihnen zu arbeiten haben. Die Ordnung gehört zu einer Arbeit; besonders gehört dazu aber auch die Unordnung. Bliebe so ein Schreibtisch etwa den ganzen Tag aufgeräumt, wie ihn der frühe Morgen sah, so dächte sich jeder Vorgesetzte seinen Teil und - er hätte zu handeln. Nur Tod, Krankheit oder Urlaub - in dieser Reihenfolge - dürfen einen Schreibtisch von morgens bis abends aufgeräumt aussehen lassen.
        Ist der zum Schreibtisch gehörige Angestellte jedoch dort, wo ihn jeder Vorgesetzte gern sieht, nämlich auf dem Stuhl über den Akten, so ist eine bestimmte Unordnung vonnöten. Diese wächst sich im Allgemeinen zum Chaos aus, bis der Feierabend abzusehen ist, der eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe verhindern kann. Längst ist der Stift nur mit einem unverhältnismäßigem Aufwand an Sucherei zu finden, hat sich der Boden mit einem Aktenteppich gefüllt, quillt der Aschenbecher über.
        Für den nächsten Morgen kehrt die Ordnung wieder. Es ist ein fünftägiger, vierwöchentlicher, zwölfmonatiger, Jahreszyklus, ein Krisenzyklus, ein ständiges Sich-Aufheben, ein Zerstören und Erstellen von wechselseitiger Ordnung und ihrem Gegenteil.
        Markus Claudius Müller nennt dies das rotierende Prinzip der Nutzlosigkeit. Nur wo der Mensch in diesen Ablauf eingreifen kann, verändernd, mäßigend oder steigernd, ist er Teil dieser Nutzlosigkeit und erstreitet sich somit eine Daseinsberechtigung. Das menschliche Leben erhält einen Sinn, und, sagt Markus Claudius Müller, ein nutzloser Sinn ist einer nutzlosen Sinnlosigkeit immer vorzuziehen.
        Besagter Müller gehört zu jenen Menschen, die sich täglich, bis auf die Wochenenden, der Verantwortung ausgesetzt sehen, einen Schreibtisch zu bewältigen. "Ich bin ein Geistesarbeiter und hinterlasse Spuren."
        Jeder Morgen stellt Müller vor die Aufgabe, der willkürlichen Ordnung seines Schreibtischs Gewalt anzutun. Keine Arbeit darf ihn hindern, sofort und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Unordnung, ein kalkuliertes Chaos zu schaffen. Dies ist dann zu aller Zufriedenheit erreicht, wenn Müllers Vorgesetzter mit Blick auf die Unordnung sagt: "Ah, Müller, schon bei der Arbeit!?"
        Müller weiß dann: es ist erreicht. Jetzt kann er sich seiner Jacke entledigen, die Schuhe öffnen, den Gürtel der Hose lockern, durchatmen, nein, erst das Fenster öffnen, dann durchatmen. Müllers Verstrickung in das mächtige Gegeneinander von Ordnung und Unordnung ist, wie bei jedem Menschen, dem ein bestimmtes Lebensschicksal nachzuweisen ist, auf die Kindheit zurückzuführen. Tausende Erwachsene sind heute damit beschäftigt, ihrer Umwelt zu trotzen, indem sie einen Strauß ausfechten mit den Grunderlebnissen ihrer Kindheit, indem sie ihren eigenen Spuren nachgehen, um herauszufinden, warum es mit der besseren Zukunft nicht klappt. Den Blick nach hinten tappen sie in der Gegenwart unschlüssig herum, bis sie nach vorn fallen. Manchmal schreien sie entzückt auf, wenn sie ein besonderes schmerzliches Erlebnis ihrer jungen Tage aufgefunden haben. Die Psyche, die ein vertracktes Ding ist, sich verborgen hält, wenn sie nicht heraus gekitzelt wird, hält uns alle gefangen; sie diktiert uns noch die Befreiung von ihr durch ständige Beschäftigung mit ihr.
        Müller weiß von all dem nichts. Statt in die Dialektik von Sein oder Nicht-Sein ist er in die von Ordnung und Unordnung verstrickt, was, wie bereits erwähnt wurde, zurückzuführen ist auf entscheidende Erlebnisse seiner Kindheit. Auch das Datum ist auf den Tag genau zu bestimmen. Es war der 13. Tag nach seiner Geburt, umgerechnet auf den geltenden Kalender, dessen Herkunft nicht ordentlich zu ermitteln ist, war es der 27. Februar 1949.
        Im Hause des Poststellenverwalters Wilhelm Friedrich Müller und seiner Frau Else stritten die antagonistischen Pole der Weltenordnung in den da wohnenden Menschen. Die Arbeit eines Poststellenverwalters bringt es mit sich, besonders in Deutschland, dass das Poststellenverwaltungshauptbuch peinlichst genau, gründlich und sorgfältig zu führen ist, was einen Mann von Akkuratesse und Disziplin, wie es Wilhelm Friedrich Müller einer war, ausfüllen kann. Ein Kind hat darin keinen Platz. Eine Frau hat darin auch keinen Platz, kommt aber bisweilen auf die Idee, dass ein Kind sowohl im Leben wie im Poststellenverwaltungshauptbuch von Zeit zu Zeit Platz finden könnte.
        Elsbeth Marie, genannt Else, Müller war ein nervöses Weib, zum Leidwesen ihres Gatten. Else Müller selbst war jedoch mit der Zeit dahinter gekommen, dass ihr Leidwesen wohl nur ihr Mann sein könne. Eine Poststelle auf dem Lande brachte dem Verwalter Reputation, reihte ihn ein in den Ehrenstand der Stadt, er stand unmittelbar hinter Bürger- und Schulmeister, Pastor und anderen Honorationen an dreizehnter Stelle. Eine Poststelle brachte der Frau zugleich weniger Ehre denn viel Arbeit, nebenbei: dem Manne ein kärgliches Gehalt.
        Frau Else hatte nach der Geburt des Markus Claudius neben Schalter und Haushalt nun auch das Kind zu versorgen, eine heilige Dreieinfaltigkeit der Frauenarbeit, die zu ihrer Nervosität steigernd beitrug. Eine Reichspostpoststellenverwaltung ist nämlich in ihrer Gesamtheit Amtsgebäude; im Grunde gehörte die enge Wohnung der Müllers , die einen größeren Teil des winzigen Hauses ausmachte, ebenso zum Amte des Familienvaters (der Müller dreizehn Tage lang also war), wie die etwas kleinere Schalterstube.
        Nach Meinung der führenden Reichspostbeamten war es in erster Linie peinlichste Ordnung und Disziplin, die den Postbetrieb in Deutschland aufrecht erhielten, weil sie die Wahrheit nicht ertragen konnten. Es ist aber die fleißigste Frau, das ordentlichste Weib nicht in der Lage, in einer dreimalviermetergroßen Wohnküche, die auch noch als Verwaltungsbüro der Poststellenverwaltung diente, ständig Ordnung zu halten, zumal die gute Stube wochentags nicht genutzt werden durfte, eher Repräsentationsraum war denn Wohnzimmer.
        So stapelten sich auf dem Tisch vor der unvermeidlichen Küchencouch die Ingredienzen einer Poststellenverwaltung inklusive des Hauptbuches, das, da Müller senior gerade da gearbeitet hatte, aufgeschlagen und einladend in der Mitte Platz genommen hatte. Auf dem Abwaschtisch wiederum hatte der kleine Müller junior Platz gefunden, der des Wickelns harrte, die Suppe ihrerseits harrte darauf, heiß zu werden. Frau Else Müller versuchte derweil den Ofen am Brennen zu halten, was Markus Claudius wiederum einen Akt besonderer Lieblosigkeit fand und herzerschütternd zu schreien begann.
        Frau Else Müller, die ebenso nervös wie herzensgut und um ihren Einzigen besorgt war, ließ Ofen denselben sein und drückte ihr Herzenskind an die großen, vollen, von der Stillzeit überprallen Brüste. Wo aber mehrere Dinge gleichzeitig geschehen, gerät eins von ihnen außer Kontrolle. Markus Claudius, der mütterlichen Wärme wieder gewiss, verstummte zwar, der frisch geheizte Ofen entwickelte weniger Wärme denn Hitze und mit ihm die Suppe.
        Um diese zu retten, legte Frau Müller ihren Sohn dort ab, wo sie gerade stand und eilte zum Herd. Der Filius, der sich erneut ungewohnter Kälte ausgesetzt sah, reagierte, wie es Kindern in diesem zarten Alter von dreizehn Tagen ähnlich sieht und womit sie die Einheit von Seele und Leib ständig neu beweisen: er schiss in das Poststellenverwaltungshauptbuch, auf dem die nervöse Mutter ihn abgelegt und vergessen hatte, und setzte ein paar Tröpfchen Säuglingsurin wie zur Krönung seiner Tat darauf.
        Im gleichen Augenblick, in dem die Mutter das Malheur bemerkte, trat gemessenen Schrittes der Poststellenverwalter herein, der, ein Mann von Übersicht und Verantwortung, erstere sofort bewies, um an zweitere sofort erinnert zu werden.
        "Die Milch ...", stammelte die Mutter hilflos und den Tränen nahe.
        "Das Hauptbuch ... ", ächzte der Stellenverwalter ebenso hilflos, dem Wutausbruch nahe.
        Wir können die schauerliche Geschichte hier abbrechen. Welches Kind, außer den Waisenkindern, die Eltern nie auf Gedeih und Verderben ausgesetzt waren, kennt nicht die tragischen Szenen, die derartigen Vorfällen in der Regel folgen. Im Hause Müller wurde dieser Vorfall zum geflügelten Wort. Der Poststellenverwalter nutzte jede Gelegenheit, seine Frau an diesen Vorfall zu erinnern, indem er nur murmelte: "Ein Haufen im Hauptbuch, Else denke dran!"
        Die Poststelle beschäftigte außer dem Verwalter und seiner Frau zwei Briefträger, einen für die nähere und einen für die fernere Umgebung. Die nervöse Kleinstadtschönheit Else Müller hielt es vier Jahre unter den Anschuldigungen Ihres Gatten aus, das Hauptbuch verschandelt, ihn blamiert und von jeglicher Beförderung ausgeschlossen zu haben, dann verließ sie Friedrich Wilhelm Müller mit dem Briefträger für die fernere Umgebung, gerade zu der Zeit, als der Junior Markus Claudius Ähnlichkeiten mit dem Briefträger für die nähere Umgebung zu zeigen begann.
        Die Reichspostverwaltung strich ihren treuen Diener daraufhin von der Beförderungsliste, auf die sie ihn gerade gesetzt hatte. Ein Verwalter, dem der Poststelle die mithelfende Frau, ein Briefträger und ein Sohn entliefen, musste in der Disziplin versagt haben, obwohl er sie ja gerade aufrecht erhalten wollte.


© by Gerd Hunger

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