Herbstgarten

Frau Schmidt

        Dass er sowas nie mehr erleben sollte, ja, nach der derzeitigen Lage wohl nicht dürfte, vielleicht auch nicht konnte, aber eigentlich doch wollte, wurde nur noch schwerer, weil er mit keinem darüber reden darf, kann, will, aber sollte.
        Ganz im Gegenteil allerdings Frau Schmidt, eine ältere und etwas wummelige Frau, die ihren Kopf drehte, wenn in ihrem Rücken die Tür aufging, und jedermann und –frau sagte: "Ach, Sie sind das!"
        Sie tat dies in der Regel, d.h. immer, und seine Tränen konnten also ihre Aufmerksamkeit nicht erregen.
        Zurückgefallen war längst ihr Blick auf die Reste eines sezierten Zierfischs. "Der Pilz, der Pilz", schloss sie mechanisch aus ihren Schnitten, "es ist immer der Pilz", womit sich ihre Schneiderei ins Sinnlose verzweigte. Der Pilz war etwas Äußerliches, leicht einzusehen.
        Andererseits muss kein Fisch am Pilz eingehen. Ist heilbar. Im Inneren der Tiere wäre anderes möglich, wäre denkbar, dass der Fisch von außen und von innen aufgefressen wurde, bis er des Lebens leid wurde. Frau Schmidt brauchte Gewissheit. Ihr Ruf in der Gemeinde stand in Gefahr. Wer in der Tür stand, "Ach, Sie sind das!", wurde an ihren weißen, von winzigen und kaum erkennbaren Blutspritzern vorsichtig getupferten Kittel nicht herangewunken. Jeglicherzeit war sie bereits wieder über das Sezierglas gebeugt, ehe der Gast im Rückgriff die Klinke erreicht hatte. Frau Schmidts steile Karriere stand in engem Zusammenhang mit dem Umsatz der Aquarienindustrie.
        Könnte einer sagen, Fische stürben wie die Fliegen, es würde einer sagen. Aber die Fische in den Aquarien sterben wie die Fische. Sind sie heimisch geworden in ihren Gläsern, sterben sie heimlich, ohne Aufwand, liegen eines Morgens an der Wasseroberfläche auf der Seite.
        Ängstliche Fische sterben als bildloses Ballett. Sie suchen noch kurz, ins Leben zurückzukehren, sitzen unsicher auf den Steinen, wackeln, verwackeln, schwimmen zehn, zwanzig Mal auf und trudeln im Todeskampf, geschubst von den Artgenossen, durchs Wasser in den Tod.
        Das ist das Ende vieler neu gekaufter Aquarien, einige ihrer Besitzer aber hören von Frau Schmidt, "Ach, Sie sind das!", das hat in einem gewissen Sinn Recht.
        Das Servieren winziger Fischlingsleiber, auch nur den Anschein zu erwecken, in den Klümpchen sei etwas erkennbares, krankes, nachzuweisendes, verpflegt Frau Schmidt mit höherem Ansehen, verleiht ihr Wichtigkeit. Er aber trug keinen Zierfisch, sorgfältig im Stanniolpapier gebettet, in Frau Schmidts Laboratorium. Und mit ihrem gewohnten "Ach, Sie sind das!" hatte sie bei ihm auch Pech ...


© by Gerd Hunger

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