
"Ich habe doch tatsächlich zeitweise versucht, mich selber
zum Juden zu erklären. Das ging soweit, daß ich anfing, in alle möglichen
Richtungen meinen Stammbaum zu erforschen, ob nicht wenigstens eine entfernte
Möglichkeit besteht, daß ich jüdisch bin. Aber nichts zu machen.
Es blieb bei Mecklenburg! - Väterlicherseits habe ich auch immer noch gehofft,
der wäre Hugenotte gewesen - stellte sich raus: auch nicht. Also, die ganze
Familie kommt aus Thüringen, aus einem Ort, der heißt Mönchspfiffel.
Doller ist es eben nicht." [Ortrud Beginnen]
Ortruds Bär
Natürlich stellt man sich nach über zwanzig Jahren die
Frage, ob eine Lebensentscheidung, wahrscheinlich betrunken, jedenfalls nicht bei
Sinnen getroffen, nicht doch falsch gewesen sein könnte, zumindest irrsinnig.
Vor der Situation, nach knapp zwanzig Semestern slalomartigen Studiums, sich für
die Laufbahn des Studienrats oder auch für Arbeitslosigkeit oder Umschulung
zu entscheiden, fand ich mich nach einer durchgesoffenen Nacht in der
"Witwe Bolte" in der Wilmersdorfer Uhlandstraße am nächsten Morgen
(?) oder Mittag wieder in den Räumen einer Hinterhofs, besser: dritthinterhofs,
gelegenen Fabriketage am Mehringdamm im luftigen vierten Stock auf dem
Sperrmüllmobiliar eines gerade en vogue befindlichen Kinder- und Jugendtheaters
wieder und sollte "Büromensch" werden.
Der war ich dann tatsächlich nach ein paar Monaten, genau einen Tag, bevor mich
die Berliner Schulverwaltung einlud, eine Stelle an einem Schöneberger Gymnasium
anzutreten und empfing ein Gehalt, das etwa zweihundert Mark über dem lag,
was ich vorher als studentischer Teilzeiteilzusteller bei der Post hatte, und
nur ein Drittel dessen betrug, was ich in Lehrersdiensten hätte beanspruchen
können.
Dafür keine neunzehneinhalb Stunden mehr, wie bei Postens, keine blanken 23
wie im Gymnasium, sondern Siebentageswoche mit oft zwölf bis vierzehn
Tagesarbeitsstunden.
Hatte ich mich falsch entschieden?
Ich weiß nicht mehr genau, ob ich mich das damals wirklich fragte.
Die Antwort, so bilde ich es mir heute ein, hatte ich Anfang der Siebziger Jahre
erhalten bei einem Gastspiel, ich glaube, während des Berliner Theatertreffens,
der phänomenalen Ortrud Beginnen im Theaterzelt auf dem Parkplatzdeck hinter
der Freien Volksbühne.
Sie präsentierte eine One-Woman-Show, spielte die Putzfrau eines senilen Notars,
mit dem sie ihren Mann betrügt, hatte einen textlosen Schauspieler dabei und
einen Pianisten für die Lieder. Und während eines ihrer Gesangsvorträge,
bei dem sie auf dem Flügel saß, wurde sie unterbrochen von ihrem stummen
Kollegen, der in einem Bärenkostüm plötzlich aus den Kulissen trat,
den Bärenkopf abnahm, erstaunt, erschüttert um sich blickte, den Kopf
schüttelte und mit dem Tierschädel unter dem Arm die Szene wieder
verließ. Ortrud sang nach kurzen Phase der Erholung weiter.
Es war völlig klar. Der Bär war im falschen Stück.
Also hatte ich mich richtig entschieden.
© by Gerd Hunger
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