Wilmersdorf

du finsteres tal, Wilmersdorf *

und ob ich schon wandere:
keiner kennt mich besser,
keinen anderen ort ich
daran vermerkend, was sich verändert
im dorf in finsterer nacht.

führst mich ans frische wasser
und zur grünen aue:
hier geistern fabelwesen
und knäuel betrunkener kinder vor dem
ständig offnen supermarkt.

hier schenkte man mir voll ein.
seltsam: in wie vielen
räumen ich zahlender gast war,
der noch heute trägt an seinen zechen,
bis nur noch fliehen half …

nein, es mangelte mir nichts.
die läden von früher
globalisiert gibt’s nicht mehr.
doch: den fleischer um die nächste ecke,
den ich seit langem meide.

im angesicht der feinde:
meine beiden schulen,
entfernt nur einen steinwurf
voneinander. wie stein gebliebner albtraum
werden sie überleben.

gefolgt ein leben lang und
ich bin im hause jetzt
das dreiundvierzigste jahr
wie festgeklebt in der dritten wohnung.
so tragt mich doch endlich raus!

und sie erquicken seelen:
fressmeilen reih’ an reih’
und die brunnen der räusche.
wo leben all die esser und die säufer?
Im finstern tal Wilmersdorf.


* 23. Psalm
Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.
Denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.



© by Gerd Hunger

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