Kristall

zwischenbericht

habe nun mit anstand, wunder seele
fast sechszig jahre in die welt gemacht.
jeden tag ein neues spiel, ein glück,
und leerer denksport in der nacht.
ich liebte frauen, kinder, wandervögel
und blieb deshalb bis heute unbehaust.
kein tod schreckt mich, kein menschenfeind,
nur grausen, dass es andre vor mir graust.
ich hab noch zeit für meine liebe, trost
zu spenden will ich lernen, schweigen:
das große ziel, die wir geschwätzig sind,
ein wenig abseits nur vom lauten reigen.
vom großen wollen will ich abschied nehmen,
ich liebe längst, was einfach kommen soll:
ein gut gelungner satz am tag ist reichtum,
sei er nur fremd, verlierend rätselvoll.
klopf bei mir an, ich werde öffnen. doch
wenn du gehen willst, ich bleibe.
mein fenster leuchtet botschaft in die nacht,
ich kämpfe nicht mehr länger, sondern schreibe.
mit anstand und mit wunder seele hab ich
fast sechszig jahre in die welt gelacht,
die tage blühen, die nächte kümmern sich
um linde, und in ihnen stirbt die macht.


© by Gerd Hunger

Zurück zur Startseite