"es ist ein brösel in Evas bauch, / das hab ich im herbst mit angeplanzt, / verjagt den suff, verschreckt den rauch, / will sehen, wie das brösel tanzt / und spielt, uns allen unsre ruhe raubt, / den hetzern, ketzern, leuteschindern, / nur sagt und lacht: will leben auch / als kleines kind mit erdenkindern! / hat sicher nase, kopf und bein / und tölpe finger, leeren bauch, / will immer grad was andres sein / und wieder nicht und doch und auch: / gestreichelt, wenn es hunger spürt, / und trinken, wenn es grade frisst, / und lachen, wenn die stirne friert, / und scheißen, wenn es fröhlich pisst. / ich hab ein mut für unser kind, / noch vor es frech wird auf der welt, / will ich das frechsein mir erlernen, / weil es mich sonst zum narren hält."
Tatsächlich, es war so und es ist so: Seit dem 11. Juli 1982, 23:07 Uhr ist Gerd Hunger Vater, sehr, sehr stolzer Vater einer Tochter, Lisa! Es ist und bleibt ihm überlassen, diese Geschich-te so zu veröffentlichen, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt, hier ist nicht der Platz dafür, qualitativ wie quantitiv, aber soviel: Hatte er Bedingungen? Nein, natürlich nicht, kein werdender Vater hat Bedingungen! Ganz großzügig erklärte er jeder und jedem, es sei ihm egal, wessen Geschlechts sein kommendes Kind sei, Hauptsache, es sei ... ein Mädchen! Und nur ein ganz kleines Bedingelchen hätte er schon: Das Kind könne kommen, wann immer es wolle, aber vielleicht nicht gerade zum Endspiel der Fußballwelt-meisterschaft in Spanien, und vielleicht noch nichter, wenn Deutschland im Finale spiele.
Das ließ sich doch gut an. Am Freitag vor dem Endspiel beorderten die Ärzte im Waldkrankenhaus Spandau Mutter und Vater zu sich, weil die Mutter Fruchtwasser verlor, aber das wäre nicht bedenk-lich unter Beobachtung. Das Spital, bekannt wegen seiner Neigung zu natürlichen Geburten bewusst ausgesucht, wartete gelassen ab. Der Vater fuhr zurück, man würde ihn rechtzeitig benachrichtigen, fuhr samstags wieder hin - und wieder nach Hause (als Berliner weiß man, was das nach Spandau "am Stadtrand" bedeutet) und lauerte am Telefon. Nix! Sonntag! Tag des Endspiels! Italien gegen Deutschland! Die werdenden Eltern schlenderten von Mittag bis Spätnachmittag im sonnigen Garten und der künftige Vater wollte sich noch schnell am Kiosk was zu essen holen, aber der Besitzer war wohl auf dem Weg zum Endspiel. Als er sich gerade verabschieden wollte, kam die erste Wehe, fast unbemerkt, aber medizinische Geräte sind nicht zu täuschen. 18:07 ging's in den Kreißsaal, der Vater machte alles, was die Mutter ihm befahl bzw. erlaubte, vom Flur hörte er, dass das Spiel begonnen hatte, dass und wie es endete, hörte er nicht, weil die Mutter gerade schrie, und als das Kind da war, war dem Vater alles egal.
Es war sehr zerknautscht, da wusste er, Deutschland hatte verloren (1:3). Es grunzte, als er ihm mit dem Daumen leicht die Wirbelsäule massierte, da wusste er, er hatte gewonnen! Und später immer, wenn das Kind Probleme hatte, massierte er mit seinem Daumen die Wirbelsäule und das Kind fiel grunzend in seinen Schlaf.
Interessiert es irgendjemanden, dass er Anfang des Jahres statt seines Referendariats am Sophie-Scholl-Gymnasium zu einem "freien" Kinder- und Jugendtheater ging oder dass Helmut Schmidt im Bundestag die Vertrauensfrage "gem. Art. 68 GG" stellte? Dass Großbritannien wegen einer Insel den Falkland-Krieg gegen Argentinien begann oder der "Große Brachvogel" (Numenius arquata) Vogel des Jahres wurde? Helmut Kohl wird nach einem "konstruktiven Misstrauensvotum" Bundeskanzler, na und? Immerhin, noch vor der Geburt gewinnt Nicole in Harrogate den bis heute einzigen "Eurovision Song Contest" für Deutschland mit dem Titel "Ein bisschen Frieden". Und das freut den Vater für das Kind ...
© by Gerd Hunger Nächstes Jahr Voriges Jahr Zurück zur Startseite [Letzte Änderung: 14. Februar 2010]