1980

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   Gerd Hunger hatte nichts anderes erwartet: Diese Jahr war ein Würgejahr. Wie sollte denn das Leben aussehen, jetzt, wo er die 30 überschritten hatte und nichts mehr kommen konnte, zumidest nichts, was erfreulich oder dem zumindest annähernd war. Das Landesprüfungsamt saß ihn im Nacken, seine Arbeit hatte bei seiner Professorin zwar größte Freude ausgelöst, aber da standen noch Klausuren an und - mündli-che Prüfungen. Mithilfe der sich damals ausbreitenden Kopierläden überstand er die Klausuren gekonnt, in Literatur über Christa Wolfs Selbstverständnis als Literatin und sogar die in Althochdeutsch: Im Ernst, sowas gab's da noch!
   Aber trotz aller gegenteiligen bisherigen Erfahrungen hatte er eine höllische Angst vor den mündlichen Prüfungen, ob-wohl er in den zehn Jahren Studium ja nicht nur in Kneipen herum gehangen hatte. Seine Professorin meinte, er sei vielleicht sogar "überqualifiziert" und ob er nicht den ganzen Vorgang abbrechen und lieber promovieren wolle; seine Arbeit über Musil habe er in Nullkommanix zur Doktorarbeit umgeschrieben - er vergab diese Chance, vielleicht wäre er heute ein zufriedener, promovierter Taxifahrer. Aber er wehrte sich sehr. Einige Ärzte ließen sich erweichen, ihm Krankschreibung um Krankschreibung auszustellen, wenn wieder mal ein Termin anstand und als gar nichts mehr ging, "ließ" er seine letzte Verwandte in der DDR "sterben" und sich per Telegramm die Aufforderung zukommen, er müsse sich nun um die erbliche Nachlassenschaft kümmern und seine Anwesenheit vor Ort sei unverzichtbar. Da wurde selbst das Prüfungsamt patriotisch und damit war das Jahr dann gelaufen. Ach so: Er gründete mit anderen zusammen noch den Verein "Kulturhaus Wilmersdorf", sie mieteten in der Sigmaringer Straß einen Laden und dort zeigte Reinhold F. Bertlein, sein Name sei unvergessen und ihm hiermit ein Denkmal gesetzt, einmal die Woche mit ge-liehenem Projektor inmitten von Renovierungsschutt und denkwürdigem Mobiliar Filme im "KoKi", dem Kommunalen Kino Wilmersdorf!
   Und sonst? War was los oder nicht? Ganz offiziell begingen am 13. Januar Die Grünen ihren Gründungsakt als Partei, im Juni räumen Polizei und BGS die "Republik Freies Wendland" und endlich, endlich nehmen die BRD und Kiribati diplomatische Beziehungen auf. Im August beginnen in der Danziger Lenin-Werft erste Streiks, die in die Gründung der Gewerkschaft "Solidarnosc" münden, im September gibt Bob Marley sein letztes Konzert. Tichonow, Tichonow (?), jedenfalls wird er kurz sowjetischer Ministerpräsident und Ronald Reagan gewinnt die US-Präsidentschaftswahlen. Helmut Schmidt bleibt Bundeskanzler gegen Franz-Josef Strauß und "Die Blechtrommel" gewinnt den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres. In Lake Placid (USA) finden die XIII. Olym-pischen Winterspiele statt und die XXII. Sommerspiele in Moskau, die westliche Staaten wegen des Einmarschs der UdSSR in Afghanistan allerdings boykottieren. Sieh an, sieh an! In Italien wird die BRD Europameister im Fußball mit einem 2:1 gegen Belgien und der FC Bayern Meister. Und in der DDR? Ach, das ist doch langweilig, Mielke!

© by Gerd Hunger    Nächstes Jahr    Voriges Jahr    Zurück zur Startseite    [Letzte Änderung: 13. Februar 2010]