Aber noch desaströser (für ihn) war, dass sein 30. Geburtstag bevorstand. Die vorher kaum gespürte geistige Infektion, die sich in Worten ausdrückte wie "Trau keinem über 30!", die er selbst mit geschürt hatte mit Sprüchen wie "Ach, da leb' ich doch längst nicht mehr!", tobte nun heftigst. Mit Beginn des Jahres plante er und plante - mit dem Ergebnis, dass er Ende Juli für zwei Wochen in ein verlorenes Kaff an die Nordsee flüchtete. Und mit dem anderen Ergebnis: Er hatte sich mitgenommen, also sich selbst und somit war gar nicht zu vermeiden, dass er allen Absichten zuwider eben doch 30 wurde!!! Erschwerend kam hinzu, dass ihn in den 14 verregneten Tagen an der See depressive Schübe heimsuchten, die weniger die Zukunft, mehr die Vergangenheit betrafen: Gut, er hatte es tatsächlich geschafft, fristgemäß seine Staatsexamensarbeit über den "Mann ohne Eigenschaften" einzureichen, immerhin ein Wälzer von 249 Seiten, wovon drei andere Kandidaten satt geworden wären, aber sonst? Wer war er? Was konnte er? Was hatte er?
© by Gerd Hunger
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[Letzte Änderung: 11. Februar 2010]
Es hat also doch eine geschafft! Ob es den Modebegriff Single schon gab, weiß ich nicht, selbst für Frauen wurde eher Junggeselle, höchstens Junggesellin benutzt, jedenfalls zog Gerd Hunger in diesem Jahr tatsächlich mit einer Frau in eine Wohnung und war kein Junggeselle mehr. Kaum hatten sie an der Wohnungstür ihrer beider Namen angebracht, hing anderntags eine Zettel darunter des Inhalts "Die zwei Menschheitsübel". Es braucht gar nicht gefragt zu werden, wo diese Wohnung war: Nachdem er mit der Mutter und Restfamilie in diesem Haus im Laden, dann als Student im gleichen Seitenflügel Parterre gehaust hatte, zog er nun in die dritte Etage, zwoeinhalb Zimmer, aber, immerhin, Bad (mit Badeofen), Balkon, Ofen-heizung, 100 qm, wo er, das kann heute festgestellt werden, die nächsten 29 Jahre (!) Wohn- und Schlafstatt hatte: Holsteinische Str. 3! Der Blick nach vorn hinaus war, für West-Berliner Verhältnisse, eher normal [Bild], der nach hinten, na ja, "gewöhnungsbedürftig". Also zog er lieber in das vordere Zimmer; da hatte er auch den Balkon.
Interessierte da noch, dass "Meister der DDR-Oberliga" der Mielke-Stasi-Fußball-Verein BFC Dynamo Berlin wurde und es dann neun Mal hinteinander blieb; etwas, was im "Westen" nicht einmal der FC Bayern geschafft hat. [Dort, im "Westen" eben, egal, ob es nun wie beim FC Bayern eigentlich der Süden war, wurde es 1979 der Hamburger SV (Norden!)]. Dabei war doch dieses Jahr so gar nicht ereignisarm:
Resa Pahlavi verlässt am 16. Januar den Iran, der geistliche Führer der Iranischen Revolution, Ajatollah Ruhollah Khomeini kehrt zwei Wochen später aus dem Pariser Exil zurück und prokla-miert im Iran die "Islamische Republik". Mitte März gründen sich in Frankfurt/Main Die Grünen als Partei, zum ersten Mal wählten die EG-Bürger ihr Kontinentalparlament direkt und machten die Sozialisten mit 112 Mandaten zur stärksten Fraktion, in Großbritannien wird die "eiserne Lady" Margaret Thatcher Premierministerin und ihr Mann Dennis Wilson zu ihrer "First Lady" und im Dezember legte sich die NATO mit ihrem so genannten Doppelbeschluss auf die Modernisierung ihrer Mittelstreckenraketen in Europa fest.
Zum ersten Mal in der BRD wird wegen zu hoher Schwefeldioxidwerte Smogalarm ausgelöst. Mit Menachim Begin besucht das erste Mal eine israelischer Regierungschef Ägypten, Diktator Idi Amin Dada flieht nach einem Militärputsch aus Uganda und die Bundesversammlung wählt Karl Carstens zum Bundespräsidenten, Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat der CDU/CSU und der Benzin-preis pro Liter steigt über eine D-Mark. Zwei Familien gelingt mit einem selbstgebasteltem Heißluft-ballon die Flucht aus der DDR, die Bundesregierung beschließt die Einführung der Sommerzeit für 1980, in Kreuzberg werden die ersten drei leer stehenden Häuser besetzt und Vera Brühne wird begnadigt und aus der Haft entlassen.
Die Meteorologen bezeichneten den August 1979 als regenarm und sonnig, maßen nur 45 mm Niederschlag und eine Sonnenscheindauer von 218 Stunden. Davon hatte der neue Dreißigjährige an der Nordsee aber nun gar nix gemerkt ...