1976

Maerz

   Niemand weiß, nicht einmal er selbst, ob es ihn tatsächlich interessiert hat, ob im "Osten" die SG Dynamo Dresden oder im "Westen" Borus-sia Mönchengladbach Fußballmeister wurden. Er liest die Spielbe-richte, nimmt immer mehr Namen wahr, die er nicht kennt und kennen will, wobei es egal ist, ob sie Ausländer sind oder nicht.
   Alfred Andersch, ein Demokrat ohne Zweifel, fragt in seinem Ge-dicht "Artikel 3", wo denn der Unterschied zwischen Faschismus und heute sei beim Radikalenerlass und bei der Verfolgung Andersdenken-der. In der Schaubühne am Halleschen Ufer wird posthum Brechts Fragment "Der Untergang des Egoisten Fatzer" aufgeführt. Obwohl er keine Frau ist, begrüßt er die Änderungen des § 218. Max Ernst stirbt - kaum wahrgenommen. Die Repression der so genannten UdSSR auf Andrej Sacharow und seine Frau wächst.
   Der Palast der Republik in Berlin (Ost) wird eingeweiht; aktuell wurden seine Reste gerade ein-geäschert. Ulrike Meinhof wird in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. In der darauf folgenden öffent-lichen Diskussion will Gerd glauben, dass es ihr Wille war, aber andererseits auch nicht. Erich Honecker wird zum Generalsekretär der SED ernannt und Martin Heidegger stirbt in Freiburg; Zusammenhänge sind nicht bekannt.
   Heiner Müllers "Die Bauern" wird in der Ostberliner Volksbühne uraufgeführt und - er war dabei. König Karl XVI. Gustav von Schweden heiratet die deutsche Stewardess Silvia Sommerlath. Wenn es nach dem geänderten Namensrecht der BRD geht, heißt sie jetzt Schweden-Sommerlath. Gustav Heinemann stirbt im Alter von 76 Jahren. Der Pfarrer Oskar Brüsewitz setzt sich in Zeitz selbst in Brand. Und dann Brokdorf.
   In (West-)Berlin wird das erste Frauenhaus eröffnet, die Bundespost setzt die ersten Tastentele-fone ein und Gerd Hunger wird zum Anlegen des Sicherheitsgurtes gezwungen. Wolf Biermann wird während einer Tounrnee durch die BRD vom Politbüro der SED in der DDR ausgebürgert. Robert Havemann wird in der DDR unter Hausarrest gestellt. Für den entführten Richard Oetker werden 21 Millionen Lösegeld gezahlt. Es erscheint Heiner Kipphardts wundervoller Roman "März".

© by Gerd Hunger    Nächstes Jahr    Voriges Jahr    Zurück zur Startseite    [Letzte Änderung: 8. Februar 2010]