Eine ganze Generation ist nach diesem Jahr benannt worden, die 68er, Barrikadenkämpfer und Blumenkinder, Beatniks, Folks und Liberalgrup-pensexisten. Gerd Hunger begreift überhaupt nicht, was sich da plötzlich um ihn herum tut. Das ist so gar nicht seine Welt, in der immer noch die Grö-ßenordnungen der Kleinstadt in Sachsen regieren. In der Schülerzeitung, "Das Objektiv", deren Chefredakteur er seit 1967 ist, entlarvt er sich fast als Antikommunist und verteidigt das Recht der Springer-Presse auf ihre Hetzereien, weil sich das Volk "per Abstimmung mit den Füßen" für diese entschieden habe. Immerhin, er lässt in allen Ausgaben seine Gegner zu Wort kommen - und die waren in der Mehrzahl. Dutschke hätte das wahr-scheinlich nach Marcuse "repressive Toleranz" genannt. Wirklich interes-sierten ihn nur die Musik, noch immer der Fußball und - natürlich - die Mädchen, in der Nähe und in der Ferne. Aus einer Klassenreise nach Prag (!) 1967 (!) hatte sich eine Briefliebe mit einer tschechischen Schönheit namens M. ergeben, die im Zuge des so genannten "Prager Frühling"s, der dann im August mit brutaler militärischer Gewalt von den Staaten des Warschauer Pakts erstickt und beendet wurde, sogar mit ihrer Klasse für eine Woche nach einem Alibi-Ernteeinsatz in Erfurt nach West-Berlin kommen durfte - in sein neues, größeres und frisch re-noviertes Zimmer (er schlief im Wohnzimmer auf der Couch).
Mit dem Ende des Versuchs, einen Sozialismus "mit menschlichem Antlitz" zu schaffen, endete auch diese Briefliebe an lauter Missverständnissen, wie er noch immer unbelehrbar meint. In den USA werden der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King und der US-Präsidentschaftskandidat Robert Kenndy ermordet. In der BRD erscheinen erste Berichte über Kindesmissbildungen nach Ge-brauch des Medikaments Contergan und und per Gesetz mit vorab achtmonatiger Geltung wird der Bezug von DDR-Zeitungen gestattet, die bisher dem Propagandaverbot unterlagen. Bei der Sommer-olympiade in Mexiko treten erstmals zwei deutsche Mannschaften an. Fußballmeister Ost: FC Carl Zeiss Jena. West: 1. FC Nürnberg.
Die Aufklärungswelle erreicht den Schulunterricht, gewiss, zu spät, viel zu spät, sorgt aber am Friedrich-Ebert-Gymnasium noch immer für eine heftige Aufregung. Im Rahmen einer Woche der christlich-jüdischen Zusammenarbeit, in der es eigentlich um eine ganz andere Aufklärung gehen sollte, gerät ein junger und engagierter Sport- und Biologielehrer in den Fokus reaktionärer Angriffe, bloß weil er sich weigerte, uns weiterhin zu erzählen, dass wir Kinder bekommen können, wenn eine Biene sich in eine Blüte setzt. Drei langhaarige Lehramtspraktikanten wurden von "aufrechten demo-kratischen" Lehrkräften von der Schule entfernt.
© by Gerd Hunger Nächstes Jahr Voriges Jahr Zurück zur Startseite [Letzte Änderung: 8. Februar 2010]