1960

Stoerche

   Es ist schon seltsam, denkt sich der noch immer von al-len guten Geistern verlassene Gerd Hunger in dem einzig beheizbaren Raum und einzigem Wohn-, Schlaf-, Arbeits- und Esszimmer für Vater, Mutter, Kind in der Ladenwoh-nung in Wilmersdorf, zwar 45 qm groß, aber so dunkel, dass tags immer das Licht brannte, da gibt`s nach einem 3:2-Sieg des Hamburger SV gegen den 1. FC Köln in Frankfurt (M) und dem SC Wismut Karl-Marx-Stadt wieder zwei deutsche Fußballmeister, aber in Squaw Valley (Winter) und Rom (Sommer) treten zum ersten (und damit letzten) Mal gesamtdeutsche Mannschaften bei den Olympischen Spielen an.
   Mehr auf Drängen seines fußballverrückten Vaters als nach eigenem Wollen wird der Junge aus dem Laden Mitglied des Berliner Sport-Vereins von 1892, kurz: BSV 92 (hintere Reihe 3. von links auf dem Foto) oder die "Störche" genannt, nach ihrer Spielkleidung, schwarzes Jersey (heute würde man T-Shirt sagen), weiße Hosen und rote Stutzen. Das waren quasi Kniestrümpfe ohne Fußteil. Die "Störche" spielten damals in der obersten Berliner Fußballliga und hatten sogar mal einen, Apel, der war Nationalspieler. Heute "krebsen" (ein gutes Verb in diesem Zusammenhang!) sie, meist am Tabel-lenende, in der siebten Liga - Bezirksliga 3. Abteilung - herum. Sie bespielten das Stadion Wilmers-dorf, direkt neben dem Freibad am Lochowdamm, den es längst nicht mehr gab und wurden früher "die von der Gasanstalt" genannt, weil hinter dem Stadion die drei Schornsteine des Wilmersdorfer Gaswerks in die Luft ragten. Der Bub spielte anfangs Linksaußen, da störte er am wenigsten, wurde dann in's Tor gestellt, da störte er noch weniger und kam später nicht nur aus dem Tor, sondern groß raus. Aber davon später.
   In der BRD tritt eine geänderte Straßenverkehrsordnung in Kraft, wonach Fahrradfahrer nicht mehr durch permanentes Klingeln auf sich aufmerksam machen dürfen. Das neue Fahrrad, für 128 DM bei Radsport Sonntag erstanden, hat eine Klingel, aber der Junge klingelt nicht, als er vom Schwimmun-terricht nach Hause fährt, also hört ihn der Bauarbeiter mit dem großen Stein auch nicht, wird gna-denlos umgefahren, aber der Radfahrer verliert dabei einen Finger - und zwar den, mit dem man sich verlobt. Das war's dann wohl, auch wenn er sich deswegen später deswegen mal den "neunfingrigen Dichter" nennen wird.
   Das und dass in Leipzig ("Leipzsch") eine Oper eröffnet wird, interessiert ihn kaum. Wie geht's dem Fahrrad? VW gibt eine Volksaktie heraus und die Familie im dunklen Ladenloch erwirbt einen roten (VW-)Käfer.

© by Gerd Hunger    Nächstes Jahr    Voriges Jahr    Zurück zur Startseite    [Letzte Änderung: 8. Februar 2010]